merken
PLUS Dresden

"Blaues Wunder nicht ewig verschieben"

Stephan Kühn soll Dresdens neuer Baubürgermeister werden. Was der Grüne mit dem Verkehr in der Stadt plant, über den Fernsehturm und Architektur denkt.

Stephan Kühn (Grüne) soll Dresdens neuer Baubürgermeister werden.
Stephan Kühn (Grüne) soll Dresdens neuer Baubürgermeister werden. © Sven Ellger

Dresden. Seine Nominierung durch die Grünen sorgte bereits für Kritik. Im Herbst soll Stephan Kühn vom Stadtrat zum neuen Baubürgermeister gewählt werden. Im SZ-Interview erläutert er seine Ziele, äußert sich zur Kritik an seiner Qualifikation und sagt, wo Dresden weniger Autos verträgt.

Herr Kühn, höhere Parkgebühren könnten die erste Vorlage aus Ihrem Bereich werden. Wie stehen Sie dazu?

Anzeige
Bio-Angebote von Vorwerk Podemus
Bio-Angebote von Vorwerk Podemus

Dresdens Biohof steht seit fast 30 Jahren für Bio aus der Region. In den Märkten ist eine besondere Kooperation zu entdecken: Die Käsefreundschaft zu vier kleinen Bio-Dorfsennereien in Graubünden.

Kontroverse Debatten im Verkehrsbereich sind in Dresden nicht ungewöhnlich. Deshalb werde ich nicht darum herumkommen, strittige Vorlagen einzubringen. Diese werden dann im Stadtrat diskutiert und entschieden. Es gab mal den Grundsatz, dass eine Stunde Parken in der Innenstadt nicht weniger kosten soll als eine Stunde Bus- und Bahnfahren.

Auch um Verkehr in der Innenstadt zu reduzieren, was ein Ziel Ihrer Partei ist?

Der Stadtrat hat das Ziel beschlossen, dass 30 Prozent der Wege in Dresden bis 2030 mit Bus und Bahn zurückgelegt werden sollen. Die Innenstadt ist sehr gut damit zu erreichen. Im Verkehrsentwicklungsplan sind Maßnahmen zur Verkehrsberuhigung enthalten. Ich glaube nicht, dass die Innenstadt an Attraktivität gewinnt, wenn man zusätzlichen Verkehr dorthin lenkt.

Also wollen Sie in dem Plan festschreiben, dass die Innenstadt autofrei wird?

Nein, die Innenstadt wird nicht autofrei. Das geht schon deshalb nicht, weil am Altmarkt, in den Einkaufszentren und Neumarkt Parkplätze geschaffen wurden, die privat betrieben werden.

Wollen Sie andere Bereiche in Dresden autofrei machen?

Die Äußere Neustadt ist bereits ein vergleichsweise autoarmes Quartier. Viele Bewohner besitzen kein eigenes Auto. Es gibt den Wunsch vieler Anwohner dort, weitere verkehrsberuhigte Bereiche zu schaffen. Ich kann mir beim Areal Alter Leipziger Bahnhof auch die Entwicklung eines autoarmen Quartiers vorstellen. Dort bietet es sich an, weil der Bereich mit dem öffentlichen Nahverkehr gut angebunden und er innenstadtnah ist.

Sie wollen eine Digitalisierungsstrategie für den Verkehr. Was bringt das?

Dresden wächst. Es gibt aber den sehr berechtigten Wunsch vieler Bürger, dass die Verkehrsflächen nicht weiter wachsen, sondern dass der öffentliche Raum auch für andere Zwecke zur Verfügung steht. Die Digitalisierung kann uns helfen, die vorhandene Infrastruktur effizienter zu nutzen, zum Beispiel durch eine bessere Steuerung von Ampeln. Die Dresdner Verkehrsbetriebe wollen Mobilitäts-Dienstleister werden. Die Digitalisierung macht es möglich, Bus und Bahn, Leihfahrräder, Car-Sharing, Taxi oder auch E-Scooter so miteinander zu verknüpfen, dass Nutzer am Smartphone über eine App die verschiedenen Verkehrsmittel einfach kombinieren, buchen und bezahlen können. In Berlin oder Helsinki ist das bereits möglich.

Vieler Dresdner ärgern sich über die E-Scooter. Wie stehen Sie dazu?

Ob sie eine sinnvolle Ergänzung zum bestehenden Mobilitätsangebot sind, müssen die Roller erst noch unter Beweis stellen. Bisher werden sie viel von Touristen genutzt. Vielleicht setzen sich auch die Leihräder, die man an den MOBIpunkten findet, durch.

Sie sprachen von öffentlichen Räumen. Das fordern auch die Besetzer von "Putzi".

Das ist sicher eine sehr kontroverse Aktionsform, um auf die Situation am Wohnungsmarkt und fehlende Freiräume in der Stadt hinzuweisen. Wenn die Königsbrücker Straße endlich saniert werden kann, steigt aus meiner Sicht die Chance, dass in dem Areal etwas passiert. Wir werden mit dem Eigentümer weiter das Gespräch suchen. Genau an solchen Stellen sehe ich meine Aufgabe, zu moderieren.

Ihre Partei sagt, der Fernsehturm ist zu teuer. Wie stehen Sie zum Projekt?

Ein schlüssiges und finanzierbares Verkehrskonzept für den Fernsehturm ist zwingend erforderlich. Die Haushaltsmittel sind aber begrenzt. Die Sanierung zahlreicher Hauptstraßen, der Ausbau der Straßenbahnstrecken und die Sanierung des Blauen Wunders lassen sich nicht ewig verschieben und werden ein finanzieller Kraftakt.

Zur Stadtentwicklung: Fehlen in Dresden moderne Gebäude?

In den vergangene zwei, drei Jahrzehnten lag der Fokus stark auf Stadtreparatur. Am Neumarkt und Postplatz musste beispielsweise der urbane Raum erst wiederhergestellt werden. In Zukunft wird es viel darum gehen, die gewachsene Struktur nachzuverdichten. Ich finde, Dresden hat gute Architektur aus verschiedenen Epochen. Die Stadt entwickelt sich weiter und das muss beim Bauen sichtbar werden. Dabei ist die Qualität entscheidend. Deshalb ist es gut, dass wir die Gestaltungskommission und das sächsische Zentrum für Baukultur haben. Ganz wichtig sind auch die Bürgerbeteiligungsprozesse wie beim Königsufer. Architektur führt zwangsläufig zu Diskussionen und Kontroversen. Das ist auch gut so. Aber sie sollte nicht spalten. Ich bin beispielsweise froh, dass vor einigen Jahren das Gewandhaus am Neumarkt in der damals geplanten Form nicht realisiert wurde.

Sie sind Soziologe. Wäre für den Job ein Architekt oder Ingenieur geeigneter?

Stadtentwicklung ist ein Prozess, an dem sehr viele beteiligt sind. Ich verstehe die Aufgabe des Baubürgermeisters so, dass ich zwischen den unterschiedlichen Interessen vermittle und moderiere und dabei städtische Ziele wie Klimaschutz, weniger Flächenversiegelung und mehr im Blick habe. Dabei kann ich auf eine gute aufgestellte Verwaltung mit vielen guten Fachleuten zurückgreifen. Als Soziologe habe ich mich sehr intensiv mit sozialen und ökologischen Fragen der Stadtentwicklung beschäftigt. Städtebau ist nicht nur ein technischer Vorgang, bei dem etwas errichtet wird. Beispiel Postplatz: Dieser wurde mehrfach umgestaltet, weil er zunächst nicht angenommen wurde. Es hat sich gezeigt, wie wichtig zum Beispiel Grünflächen und Bänke für die Aufenthaltsqualität sind.

Auch der Zeitpunkt der Nominierung wurde kritisiert. Ist das unglücklich?

Weiterführende Artikel

Dresden wechselt den Baubürgermeister

Dresden wechselt den Baubürgermeister

OB Hilbert verabschiedet Raoul Schmidt-Lamontain mit unerwartet kritischen Worten - für Radler. Der Nachfolger steht jetzt fest.

Wer wird Dresdens Baubürgermeister?

Wer wird Dresdens Baubürgermeister?

Am Vorauswahlverfahren der Grünen von Stephan Kühn (Grüne) gibt es Kritik. Kurz vor der Entscheidung nächste Woche kommt neue Dynamik in die Diskussion.

Dresdner Grüne entscheiden über Baubürgermeister

Dresdner Grüne entscheiden über Baubürgermeister

Stephan Kühn (Grüne) wurde nun auch von seinen Parteifreunden gewählt. Das Ergebnis war eindeutig. Eine Hürde bleibt aber noch.

Baustart fürs Blaue Wunder in Sicht

Baustart fürs Blaue Wunder in Sicht

Die Stahlkonstruktion des Dresdner Wahrzeichens bekommt frische Farbe. Welche Einschränkungen auf die Dresdner zukommen.

Nach meiner Kenntnis war das Verfahren mit den beteiligten Fraktionen abgestimmt. Aufgrund der vielen anstehenden Aufgaben halte ich es für richtig, ein zügiges Verfahren zu wählen, um keine große Lücke entstehen zu lassen. Ich möchte mit den Fraktionen und dem Oberbürgermeister schnell ins Gespräch kommen. 

Abonnieren Sie unseren kostenlosen Newsletter "Dresden kompakt" und erhalten Sie alle Nachrichten aus der Stadt jeden Abend direkt in Ihr Postfach.

Mehr Nachrichten aus Dresden lesen Sie hier.

Mehr zum Thema Dresden