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Bildung: Prohlis und Gorbitz am schwächsten

Nach zehn Jahren zieht die Stadt Dresden ein Fazit zur Bildungslandschaft. Es fällt deutlich aus.

Der Weg zu Bildungsgerechtigkeit ist auch in Dresden noch lang. Mit mehr Personal in Kitas und Schulen will die Stadt ihn angehen.
Der Weg zu Bildungsgerechtigkeit ist auch in Dresden noch lang. Mit mehr Personal in Kitas und Schulen will die Stadt ihn angehen. © Sebastian Gollnow/dpa

Am Freitag hat die Stadtverwaltung den dritten Dresdner Bildungsbericht vorgestellt. Das mehr als 500 Seiten umfassende Mammutwerk beleuchtet unter anderem die Entwicklung in den verschiedenen Stadtteilen und wie es schulisch um den Nachwuchs von Migranten bestellt ist. Das sind die wichtigsten Ergebnisse des aktuellen Bildungsberichtes.

Was sind die wichtigsten Ergebnisse der Studie?

Schon 2012 und 2014 hatte die Stadt Bildungsberichte erarbeiten lassen. Signifikante Entwicklungen hat es seitdem nicht gegeben, wie der aktuelle Bericht zeigt. Nach wie vor gibt es einen deutlichen Zusammenhang zwischen der finanziellen Situation und dem Bildungsniveau der Eltern auf der einen und dem schulischen Erfolg ihrer Kinder auf der anderen Seite. Unverändert betrifft das auch heute besonders Familien in den großen Dresdner Wohngebieten, wo die Mieten noch bezahlbar sind. 

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Weitere Ergebnisse des Bildungsberichtes sind etwa auch, dass viele Kinder aus Familien mit Migrationshintergrund, die ebenfalls häufig in sozial schwachen Verhältnissen leben, oft deutlich schlechtere Schulleistungen haben. Diese Familien müssten mit der doppelten Herausforderung - Migrationshintergrund und wenig Geld - zurechtkommen, so Antje Jahn. 

Auffällig ist hier, dass ausländische Kinder seltener in Kindertageseinrichtungen betreut werden als deutsche Kinder im selben Alter. Dabei wäre durchaus wünschenswert, dass der Nachwuchs dieser Familien möglichst zeitig an der frühkindlichen Bildung teilhat. 

Ebenfalls ein Aspekt, der sich auf schulische Leistungen auswirkt: das Geschlecht der Kinder. So erzielen Mädchen bessere Ergebnisse bei den Noten, weniger von ihnen besuchen eine Förderschule oder müssen eine Klassenstufe wiederholen. Bei den Einschulungen werden in Dresden doppelt so viele Jungen zurückgestellt wie Mädchen. 

Schlechte schulische Leistungen münden nicht selten in einem fehlenden Schulabschluss: Auch hier ist es bisher nicht gelungen, die Lage zu verbessern. 2018 verließen 18 Prozent der Jugendlichen die Oberschule ohne "verwertbaren", also für den Arbeitsmarkt relevanten Abschluss. Das betrifft doppelt so viele Schüler mit Migrationshintergrund wie ohne. Allerdings entscheiden sich ausländische Jugendliche häufiger für ein Berufsvorbereitungsjahr.

Wo wohnen in Dresden eher schwache Schüler, wo Schüler mit guten Leistungen?

Mit Blick auf das Dresdner Stadtgebiet zeigt sich eine deutliche Konzentration von eher schlechten Schülern in den Vierteln Prohlis und Gorbitz, aber auch in Reick und Leuben, wo besonders viele Menschen von Sozialhilfe leben. Auch Alleinerziehende wohnen dort, die meist ebenfalls nur geringe Einkommen haben. Die Mieten sind in diesen Stadtteilen deutlich geringer, als anderswo in Dresden. Gleiches gilt für die Johannstadt und für Pieschen. 

Schaut man in diesen Gebieten auf den Bildungserfolg der Kinder, wird schnell klar: Ihre schulischen Leistungen und damit auch ihre Abschlüsse sind deutlich schlechter als im Rest der Stadt. So gibt es in diesen Wohnvierteln Schulen, an denen weniger als 30 Prozent der Kinder eine Empfehlung fürs Gymnasium bekommen. Wobei es  in diesen Gebieten auch einige Ausnahmen mit deutlich höherem Anteil an Bildungsempfehlungen gibt.

Zum Vergleich: In Gebieten mit wohlhabenderen Familien wechseln mehr als 60 Prozent der Schüler nach der vierten Klasse ans Gymnasium. Besonders hoch ist ihr Anteil in Vierteln wie Blasewitz, Striesen, Innere Altstadt und Loschwitz, aber auch am Dresdner Stadtrand wie Cossebaude, Weixdorf, Langebrück und Schönfelder Hochland. 

Und es gibt einen positiven Trend zu verzeichnen: Einige Stadtteile haben in den letzten Jahren vom wirtschaftlichen Aufschwung profitiert, Familien dort sind nicht mehr ganz so stark sozial belastet. Das betrifft unter anderem Mickten, Cotta und Löbtau. Dort zeichnet sich auch beim schulischen Erfolg der Kinder eine positive Entwicklung ab. "Wir müssen vor allem die Stadtteile im Blick behalten, die nicht vom Aufschwung profitiert haben", sagt Antje Jahn vom Bildungsbüro, die den aktuellen Bericht mit erarbeitet hat. 

Was hat die Stadt in den letzten Jahren unternommen, um die Bildung zu verbessern?

Vor zehn Jahren hat sich die Landeshauptstadt am Bundesprogramm "Lernen vor Ort" beteiligt, seitdem 790 Millionen Euro in die Bildungsinfrastruktur investiert. Das Geld floss unter anderem in Projekte, die die frühkindliche Bildung schon im Kindergartenalter fördert. Außerdem wurde ein eigener Geschäftsbereich für Bildung und Jugend gegründet und es gibt einen Bildungsbeirat, in dem sich etwa Wissenschaftler und Ehrenamtler engagieren. 

Ziel ist es, so Oberbürgermeister Dirk Hilbert (FDP), "Bildungsarmut" zu überwinden. Doch auch er räumt ein, dass es eine große Herausforderung wird, Bildungsgerechtigkeit zu erreichen und Nachteile abzumildern, die durch die Herkunft bestehen. Erste Ansätze sind deutlich mehr Schulassistenten und Schulsozialarbeiter, vor allem an Einrichtungen in sozialen Brennpunkten, die die Lehrer in ihrer Arbeit unterstützen, auch als Schnittstelle zwischen Schule und Familien.

Wie will die Stadt Kindern aus benachteiligten Familien zum schulischen Erfolg verhelfen?

Dazu hat Peter Lames (SPD) eine eindeutige Meinung - zumindest dazu, welcher Weg der falsche ist. "Was nicht funktioniert, ist das Aussetzen von Kita-Beiträgen." Das sei ein Irrweg politischer Entscheider und würde Millionen Euro verpulvern, so der kommissarische Bildungsbürgermeister, der den Bildungsbericht am Freitag vorstellte. 

Lames zielt damit  auf Ideen von Dresdner Stadträten ab, die eine Senkung der Kitabeiträge fordern. Dies sei eine Wohltat mit Gießkannenprinzip über die gesamte Stadt, die nichts bringe. Hintergrund der Überlegungen ist es, noch mehr Eltern dazu zu bringen, ihren Nachwuchs in einer Kita betreuen zu lassen, wo sie von der frühkindlichen Bildung profitieren sollen. Ziel ist es, damit allen Kindern - egal welcher Herkunft - die gleichen Bildungschancen mit auf den schulischen Weg zu geben. 

Allerdings besuchen schon jetzt mehr als 97 Prozent der Kinder im Alter von drei bis sechs Jahren eine Einrichtung, gut ein Drittel der Familien bezahlen aufgrund ihrer finanziellen Situation ohnehin nur einen geringen Beitrag. "Diese Familien würden von einer Beitragsbefreiung  nicht zusätzlich profitieren", meint Lames.  

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Vielmehr setzt die Verwaltung auf mehr Personal, das intensiver mit den Kindern arbeiten kann, vor allem an Kitas und Schulen in sozial und finanziell schwachen Gebieten. Dass mehr Kinder aus wohlhabenderen Familien mit Kindern aus benachteiligten Familien lernen, ist kurzfristig keine Lösung. "Eine soziale Durchmischung ginge nur mit Zuweisungen. Und welche Eltern wollen schon gern vorgeschrieben bekommen, wohin sie ihre Kinder schicken sollen", so Antje Jahn. Außerdem müssten Kinder aus ihrem Umfeld, aus ihrer gewohnten Umgebung herausgerissen werden - das könne nicht das Ziel sein. Der bessere Weg aus Sicht der Stadt: Die Stärkung der Einrichtungen mit zusätzlichen Mitarbeitern und guten Konzepten. Und das ginge nur mit Geld. 

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