merken
PLUS Dresden

Corona und die Angst vor dem Alleinsein

Die Corona-Krise lässt Menschen verzweifeln, die ohnehin Panik vorm Verlassenwerden haben. Wie ihnen eine Dresdner Psychologin hilft.

„Unfassbare Schwierigkeiten“: Für Menschen mit psychischen Schwierigkeiten können die Kontaktsperren zu Folter werden.
„Unfassbare Schwierigkeiten“: Für Menschen mit psychischen Schwierigkeiten können die Kontaktsperren zu Folter werden. © Karel Miragaya/123.rf

Dresden. Abstand zu Freunden, kein Feierabend-Bier mit Kollegen, Arbeiten allein zu Hause: Die Isolation hat in den vergangenen Wochen viele Menschen belastet. Wie aber muss es psychisch instabilen Menschen in der Corona-Krise gehen, deren Hauptangst im Verlassenwerden liegt?

Nicole Fries-Lippert ist Psychotherapeutin am Städtischen Klinikum in Dresden. In der Psychiatrischen Institutsambulanz behandelt sie Patienten mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung. Viele von ihnen leiden ohnehin unter massiven Ängsten vor dem Alleinsein. „Manche haben Familie und Partner zu Hause, manche sind in Wohngemeinschaften eingebunden. Aber die, die allein leben, haben im Moment unfassbare Schwierigkeiten“, sagt die Diplom-Psychologin. „Für sie sind die Kontaktbeschränkungen und das Alleinsein schwer auszuhalten.“ Die Einsamkeit führe zur Krise, diese zu Panikzuständen, bis hin zu Suizidgedanken. „Wir mussten deshalb schon Patienten stationär aufnehmen. Sie haben diese Isolation nicht ausgehalten.“

sz-Reisen
Mit SZ-Reisen die Welt entdecken
Mit SZ-Reisen die Welt entdecken

Bei SZ-Reisen findet jeder seine Traumreise. Egal ob Kreuzfahrt, Busreise, Flugreise oder Aktivurlaub - hier bekommen Sie für jedes Reiseangebot kompetente Beratung, besten Service und können direkt buchen.

Über das Coronavirus informieren wir Sie laufend aktuell in unserem Newsblog.

Ursache liegt in der Kindheit

Um zu verstehen, was in diesen Menschen vorgeht, muss man die Ursachen für ihr Leiden kennen. „Wir gehen davon aus, dass die Borderline-Störung durch zwei Faktoren zustande kommt“, sagt Fries-Lippert. Einmal durch den biologischen Faktor, also eine genetische Veranlagung und einen hypersensiblen Bereich im Gehirn.

Und dann gebe es da noch den sozialen Faktor. Alle Persönlichkeitsstörungen hätten ihren Ursprung in der Kindheit oder der Jugendzeit. „So ist dem Kind etwa von Eltern, Lehrern oder Freunden immer wieder gesagt worden, dass das, was es fühlt, falsch ist. Zum Beispiel gibt das Kind zu verstehen, dass es Angst hat. Allerdings bekommt es die Rückmeldung, dass es sich zusammenreißen und lächeln soll.“ Oder eine Mutter zeige sich permanent genervt, wenn das Kind traurig ist und weint. Ein massiveres Beispiel: Das Kind wird sexuell missbraucht, äußerst Ekel und Abwehr. „Stattdessen wird ihm signalisiert, dass es etwas Schönes sei, was da passiert.“ Um die 70 Prozent der Borderline-Patienten hätten in der Kindheit tatsächlich einen sexuellen Missbrauch erlitten.

Wenn diese beiden Faktoren – der biologische und der soziale – zusammenkommen, kann es zu einer Störung der Emotionsregulation kommen. „Die Patienten fühlen dann zu intensiv. Sie fühlen nicht mehr, was richtig ist, und trauen ihren eigenen Emotionen nicht.“

Mehr zum Thema Corona in Dresden:

"Sie wollen nur, dass die emotionale Anspannung aufhört"

Furcht vor Isolation kann eine akute Anspannung auslösen. Erinnerungen an die traumatische Zeit oder vermeintlich drohende Beziehungsabbrüche sind ebenfalls Auslöser. „Das können zwei fehlende blaue Haken bei einer Whatsapp-Nachricht sein, oder etwa, wenn die Freundin die eigene Nachricht zwar gelesen hat, aber nicht darauf antwortet. Dann geht das Kopfkino los, im Stich gelassen zu werden, allein zu sein, gehasst zu werden.“ Das sei massive Panik. Die Emotionen seien neunmal stärker als bei gesunden Menschen.

Psychologen skalieren die Anspannung zwischen 0 und 100. Ab 70 Prozent könnten die Patienten nicht mehr klar denken, erklärt Nicole Fries-Lippert. „Die Fähigkeit zu überlegen, welchen Schritt sie als nächstes gehen sollen, ist lahmgelegt. Sie wollen nur noch, dass die emotionale Anspannung aufhört.“ Ein körperlicher Schmerz helfe dabei, sich wieder zu spüren, klar zu werden und zurück ins Hier und Jetzt zu kommen. Deshalb würden sich um die 85 Prozent selbst verletzen.

„Wir haben Patienten, die schneiden sich tief bis auf den Knochen. Andere ritzen etwa mit einer Schere oberflächlich, schlagen ihren Kopf gegen die Wand oder ihre Fäuste gegen den Schädel. Manche fügen sich auch großflächige Verbrennungen zu oder nehmen sich Blut ab.“ Wenn sie diesen erleichternden Effekt einmal erlebt haben, könne mit der Zeit eine automatische Strategie daraus werden. „Sie wissen, dass sie so ihren als unerträglich erlebten Zustand am schnellsten beenden können.“

Nicole Fries-Lippert ist Psychotherapeutin am Städtischen Klinikum in Dresden. In der Psychiatrischen Institutsambulanz behandelt sie auch Patienten mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung.
Nicole Fries-Lippert ist Psychotherapeutin am Städtischen Klinikum in Dresden. In der Psychiatrischen Institutsambulanz behandelt sie auch Patienten mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung. © privat

Diese lebensgefährliche Eigentherapie ist natürlich keine Lösung. Hilfe erhalten die Betroffenen überwiegend über eine Verhaltenstherapie, die von der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie ausdrücklich empfohlen und am besten ambulant absolviert werde, sagt Fries-Lippert. Schließlich finde das Leben außerhalb der Klinik statt. Betroffene müssten deshalb lernen, Krisen im Alltag zu bewältigen. In der Therapie üben sie neue Verhaltensweisen und Fertigkeiten, um andere, nicht schädigende Reize zu setzen, sodass sie wieder unter das Anspannungsniveau von 70 Prozent kommen. „Das kann zum Beispiel eine Chilischote sein, auf die sie beißen, oder Bewegung“, sagt die Psychotherapeutin.

Mehr zum Thema Corona in Dresden:

Online-Therapie in Corona-Zeiten

Der zweite Baustein in der Therapie ist, Akzeptanz zu üben. „Die Patienten müssen lernen, dass sie ihre Vergangenheit nicht mehr ändern können, so schrecklich sie auch war. Sie müssen lernen, damit zu leben, nicht mehr so stark darunter zu leiden und sich mit der Gegenwart und Zukunft zu beschäftigen.“ Das sei keine lebenslange Therapie. In der Regel dauerte die Behandlung etwa zwei Jahre, bei schweren Fällen auch länger. Unterstützend könnten Ärzte Antidepressiva oder beispielsweise Medikamente gegen Schlafstörungen verordnen, um bestimmte, begleitende Symptome zu behandeln. 

In Phasen, in denen Selbstmordgedanken überwiegen oder bereits gefährliche Verletzungen zugefügt wurden, sei die Notaufnahme die richtige Anlaufstelle. Allerdings, sagt die Expertin, dauerten solche Krisen selten länger als wenige Tage. Wochenlange Aufenthalte in der Psychiatrie könnten den Zustand sogar verschlechtern. Deshalb sei es wichtig, dass die Patienten an Psychologen oder Psychiater gerieten, die sich mit diesem Krankheitsbild sehr gut auskennen.

Vor allem jetzt, in der Corona-Krise, wäre die Verhaltenstherapie wichtiger denn je. Das Problem: Auch in der Ambulanz galten in den letzten Wochen Abstandsregeln, die eine Gruppensitzung unmöglich machten. „Ich habe versucht, die Verhaltenstherapie in der Corona-Zeit irgendwie online mit meinen Patienten hinzubekommen. Ich habe E-Mails geschrieben, Aufgaben gegeben, viel mit ihnen telefoniert“, sagt Fries-Lippert. Aber ja, es sei derzeit mühsam für beide Seiten.

Die Borderline-Persönlichkeitsstörung sei eine klare Diagnose für die Psychiatrische Institutsambulanz am Friedrichstädter Krankenhaus, sagt die Psychologin. Zeigen sich die Patienten motiviert, werden sie auf die Warteliste genommen. „Die ist leider groß, es kann drei bis sechs Monate dauern, bis die Therapie beginnen kann.“

Aufgrund der hohen Nachahmerquote berichten wir in der Regel nicht über das Thema Suizid, außer es erfährt durch die Umstände besondere Aufmerksamkeit. Wenn Sie selbst unter Stimmungsschwankungen, Depressionen oder Selbstmordgedanken leiden oder Sie jemanden kennen, der daran leidet, können Sie sich bei der Telefonseelsorge helfen lassen. Sie erreichen sie telefonisch unter 0800/111-0-111 und 0800/111-0-222 oder im Internet auf www.telefonseelsorge.de. Die Beratung ist anonym und kostenfrei, Anrufe werden nicht auf der Telefonrechnung vermerkt.

Nachrichten und Hintergründe zum Coronavirus bekommen Sie von uns auch per E-Mail. Hier können Sie sich für unseren Newsletter zum Coronavirus anmelden.

Abonnieren Sie unseren kostenlosen Newsletter "Dresden kompakt" und erhalten Sie alle Nachrichten aus der Stadt jeden Abend direkt in Ihr Postfach.

Mehr Nachrichten aus Dresden lesen Sie hier.

Mehr zum Thema Dresden