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Bei über 60 Grad am Broiler-Grill

Seit zehn Jahren grillt Alexander Galle in Dresden und Meißen Hähnchen. Hitze und Geruch zum Trotz - für den 37-Jährigen ist es ein Traumjob.

Gewichtiges Geflügel: Die Zehn-Kilo-Spieße spürt Alexander Galle nach Feierabend in den Armen.
Gewichtiges Geflügel: Die Zehn-Kilo-Spieße spürt Alexander Galle nach Feierabend in den Armen. © Christian Juppe

Dresden. "Das ist aber schön warm bei dir." "Ja, wir sind eben wärmstens zu empfehlen." Der Spruch ist ein Klassiker, den er immer wieder gern bringt. Dabei ist Alexander Galle kein Komiker,  sondern Broiler-Verkäufer. "Grilleur" nennt man das heutzutage - was natürlich ganz anders klingt. Ein Ausbildungsberuf ist es zwar dennoch nicht, aber eine Berufung, zumindest für Alexander Galle.

Immer dienstags steht der 37-Jährige mit seinem Stand am Netto an der Großenhainer Straße in Pieschen. Obwohl der Verkauf erst 10 Uhr beginnt, ist er meist schon viel früher da, um den besten Parkplatz direkt vor dem Eingang zu ergattern. Heute ist es eher ruhig, vor allem wegen der Hitze. Zwischen 11 bis 13 Uhr war trotzdem gut zu tun und ab 15.30 Uhr wird der Feierabend-Schwung kommen.

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Besonders im Sommer lebt Galle von seinen Stammkunden, die mehrmals in der Woche kommen. Manche reisen ihm sogar hinterher, sagt er. Mittwochs steht er an der Overbeckstraße, Donnerstags in Meißen und freitags wieder hier. Montags hat er frei, um die langen Schichten auszugleichen.

Galle, ausgestattet mit blauer Schiebermütze und auch mittags noch blütenweißer Jacke, ist gelernter Koch und arbeitete früher in der Dresdner Gastronomie. Als sein erster Sohn geboren wurde, sei ihm aber schnell bewusst geworden, dass die Gastro-Szene "ein Familien-Killer" sei. Deswegen wurde er auch sofort hellhörig, als ihm sein Vater vor zehn Jahren von dem Stellengesuch als Grilleur bei Hertel erzählte.

Boom in der Corona-Krise

Dann ging alles schnell. Nach einer zweiwöchigen Ausbildung in Bayern bekam er schnell seinen eigenen Wagen mit dem bekannten halben Riesen-Broiler auf dem Dach. Zunächst war er verblüfft: "Ich hätte mir den Job wirklich einfacher vorgestellt und ich dachte auch nicht, dass so viele Leute kommen." An guten Tagen gingen an seinem Stand durchaus 150 Hähnchen über den Tisch - zu Corona-Zeiten im Frühjahr seien es sogar noch deutlich mehr gewesen. "Holla, die Waldfee! Von Krise war bei uns nichts zu spüren", sagt Galle.

Aber Corona hin oder her, der gebürtige Dresden ist sich sicher: "Ich hätte es nicht besser treffen können." Er sei nun mal der geborene Verkäufer, und wer ihn nur einige Minuten lang an seinem Stand beobachtet, der will das auch nicht bezweifeln. 

Ein Schreibtisch-Job sei dagegen nie für ihn infrage kommen. Als sein Chef bemerkte, wie gut er reden und mit Leuten ins Gespräch kommen kann, beförderte er Galle vor einiger Zeit zum Systembetreuer, dem Mann, der die Standplätze organisiert. Doch schon nach kurzer Zeit wollte Galle zurück vor den Ofen.

Genauer gesagt sind es zwei Öfen mit insgesamt sechs Brennern - mehr als üblich. Da er aber vor acht Jahren den Lkw-Führerschein gemacht hat, darf er nun auch ein größeres Auto fahren. "Das bedeutet zwei ganze Reihen mehr, mit denen man arbeiten kann", sagt Galle. Und entsprechend auch mehr Hitze. Gerade jetzt im Sommer kann es hinter dem Tresen schnell über 60 Grad warm werden. 

"Dann arbeitet man automatisch schneller", sagt Galle und lacht. An die Hitze könne man sich auch nicht gewöhnen - im Gegensatz zu dem bekannten Geruch nach Fett und Gewürzen. "Den rieche ich selbst überhaupt nicht mehr." Nur seine Frau zu Hause beschwere sich noch manchmal, während ihn der Hund daheim stets hocherfreut begrüße.

Und was gibt es beim Broiler-Verkäufer zum Mittagessen? "Hähnchen esse ich nicht mehr so oft wie früher, aber ab und zu schon", sagt Galle. Lieber weicht er auf Pute, Rippchen oder Haxe aus, die er auch im Angebot hat. Sein heute 14-Jähriger Sohn beiße gern mal zu, sein sechsjähriger Bruder sei dagegen bislang "nicht so der Fleischtyp".

Der "Broiler" wird zum "Grillhähnchen"

Verkaufsschlager sind und bleiben die halben und ganzen Hähnchen, die immer seltener "Broiler" genannt werden. "Das ist gerade hier in Dresden noch regelmäßig zu hören, aber es wird weniger." Früher stand auch auf seinem Schild noch "Knusperbroiler", aber inzwischen sei die Beschriftung deutschlandweit vereinheitlicht worden.

Wichtiger als der Name ist heute mehr denn je, was unter der knusprigen Haut steckt. "Bei uns ist alles frisch, nichts tiefgekühlt und es gibt auch keine chemischen Zusätze", sagt Galle stolz, wobei er auch keinen Hehl daraus macht, dass die Hühner ihr kurzes Leben nicht auf Bio-Bauernhöfen verbracht haben. "Ohne Mästereien würde das ganze Prinzip nicht funktionieren", sagt er. Von dort würden die Hähnchen bereits gewürzt und gespießt in die Firma geliefert, wobei die genaue Zusammensetzung der Marinade natürlich geheim bleiben muss.

Wenn es bei Alexander Galle Richtung Feierabend geht, dann sind Gefühl und Erfahrung gefragt. Wie viel hänge ich noch drauf? Ein Hähnchen braucht 70 bis 80 Minuten, eine Haxe noch länger. Abends sollte idealerweise wenig übrig sein. Spezialpreise wie früher gibt es keine mehr, weil zu viele Kunden nur darauf gewartet hätten. Stattdessen gehen die Reste an die Tafel oder werden zu Sülze verarbeitet.

Auf dem Weg in die Wohnung nach Weinböhla hält Galle dann oft noch in seinem Kleingarten in Coswig an. Ein bisschen gießen, ein bisschen Unkraut zupfen, das sei für ihn der perfekte Ausgleich. Und gern auch ein bisschen Gemüse essen.

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