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Casanovas Festnahme am Pirnaischen Tor

Im Dresdner Zentrum waren in früheren Jahrhunderten weltberühmte Persönlichkeiten. Was Frauenheld Casanova und Napoleon I. hier erlebten.

Mit einem alten Stadtplan steht Geschichtsexperte Christoph Pötzsch dort, wo früher das Pirnaische Tor war. Hier wurde 1788 Casanova festgenommen.
Mit einem alten Stadtplan steht Geschichtsexperte Christoph Pötzsch dort, wo früher das Pirnaische Tor war. Hier wurde 1788 Casanova festgenommen. © René Meinig

Dresden. Die Landeshauptstadt hat eine lange Geschichte. Doch im Zentrum innerhalb des einstigen Festungsrings sind viele Bauten verschwunden, die bei den Luftangriffen am Ende des Zweiten Weltkrieges zerstört wurden. Zwar wurden von den zwölf Palais bedeutender Adelsfamilien rings um Alt- und Neumarkt sechs wieder aufgebaut. Doch viele historische Bauten gibt es nicht mehr, an denen weltberühmte Persönlichkeiten waren, die teilweise keine guten Erinnerungen daran hatten. 

Zu diesen zählte der Abenteurer und Frauenheld Giacomo Casanova, der oft in Dresden war, aber auch der französische Kaiser Napoleon I. Der Dresdner Geschichtsexperte Christoph Pötzsch kennt die Ereignisse genau und hat erforscht, wo sie sich zugetragen haben.

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Das Haus des Bruders: Im Alter wieder angenähert

Giacomo Casanova war das erste Mal als 27-Jähriger 1752 in der Elbestadt, als er aus Frankreich kam, erzählt Pötzsch. „1766 kam er dann aus Italien zum Kartenspielen hierher, Spielsalons waren damals groß in Mode.“ Ab 1785 reiste Casanova sogar ein- bis zweimal jährlich nach Dresden. Damals wohnte er im Schloss Dux bei Teplitz. Er besuchte seinen jüngeren Bruder Giovanni Casanova, der Direktor der Dresdner Kunstakademie war. Sein Haus befand sich an der Ecke Moritzstraße/Badergasse. Es steht aber nicht mehr. Das Grundstück ist an der heutigen Gewandhausstraße neben der Dresdner Trödelschänke. 

In diesem Bereich der heutigen Gewandhausstraße war früher das Haus von Casanovas Bruder Giovanni, in dem der bekannte Frauenheld oft zu Gast war.
In diesem Bereich der heutigen Gewandhausstraße war früher das Haus von Casanovas Bruder Giovanni, in dem der bekannte Frauenheld oft zu Gast war. © René Meinig

„In ihrer Jugend und der Erwachsenenzeit gab es Spannungen zwischen den Brüdern“, sagt Pötzsch. Schließlich seien die Brüder sehr gegensätzlich gewesen. Giacomo der Frauenheld, Spieler und Abenteurer, Giovanni der ernsthafte Künstler und Direktor. „Als sie älter wurden, hatten sie sich aber wieder angenähert.“

Das Pirnaische Tor: Soldaten durchsuchen Casanovas Koffer

Bei einem Besuch bei seinem Bruder im Oktober 1788 wollte Casanova wieder nach Dux reisen. Am Schlagbaum vorm Pirnaischen Tor wurde er allerdings von Soldaten gestoppt, festgenommen und stundenlang festgehalten. Kurz zuvor war das Bild der Heiligen Magdalena des Barockmalers Antonio de Correggio aus der Gemäldegalerie gestohlen worden. „Nach diesem Einbruch wurde jeder am Stadttor gefilzt“, erzählt Pötzsch. Zudem eilte Casanova aufgrund seines Lebenswandels ein entsprechender Ruf voraus, was er besonders zu spüren bekam. „Er wurde aus der Kutsche eskortiert. Dann wurde alles durchsucht.“ Nicht nur die Koffer wurden durchwühlt. In der Kutsche seien sogar die Polster aufgeschnitten worden. Letztlich ließen die Soldaten ihn jedoch ziehen. 

Auf diesem kolorierten Kupferstich von Samuel Gränicher (1758-1813) und Christian Friedrich Sprinck (1769-1831) ist das Pirnaische Tor zu sehen. Dort wurde Casanova 1788 festgenommen.
Auf diesem kolorierten Kupferstich von Samuel Gränicher (1758-1813) und Christian Friedrich Sprinck (1769-1831) ist das Pirnaische Tor zu sehen. Dort wurde Casanova 1788 festgenommen. © Ansicht: Stadtmuseum Dresden

Erst nachts erreichte Casanova seine Herberge auf dem Erzgebirgskamm in Peterswald, wo der Wirt dem Weinkenner Bier vorsetzte. „Dieses Gebräu verursachte in meinen Gedärmen eine Aufruhr“, berichtete Casanova später in einem Brief. „Ich habe die Nacht, durch einen beständigen Durchfall gequält, verbracht.“ Im folgenden Monat wurde der Dieb der Heiligen Magdalena gefasst. Das Gemälde ist seit dem Zweiten Weltkrieg jedoch verschollen.

Christoph Pötzsch steht auf der Landhausstraße, die bis Ende des 19. Jahrhunderts die Hauptstraße aus dem Dresdner Zentrum in Richtung Osten war.
Christoph Pötzsch steht auf der Landhausstraße, die bis Ende des 19. Jahrhunderts die Hauptstraße aus dem Dresdner Zentrum in Richtung Osten war. © René Meinig

Napoleons Unterkunft: Kaiser zitiert Sachsenkönig heran

Nicht nur Casanova war oft in Dresden, sondern auch Napoleon Bonaparte. Insgesamt elfmal kam der französische Kaiser hierher, so auch, nachdem er in Russland vernichtend geschlagen wurde. In der Nacht zum 14. Dezember 1812 traf er um halb drei im Palais Loß ein, wo der Sitz des sächsischen Gesandten in Frankreich war. Das später abgerissene Palais stand an der heutigen Rückseite des Rathauses an der Kreuzstraße. Napoleon eilte seinen arg dezimierten Truppen voraus, unter denen auch viele sächsische Soldaten waren, um die Niederlage in Frankreich gut begründen zu können, erläutert Pötzsch.

Wo jetzt das neue Rathaus an der Kreuzstraße ist, war zuvor das Palais Loß. In dem hatte Napoleon übernachtet, nachdem seine Truppen 1812 im Russland-Feldzug vernichtend geschlagen worden waren.
Wo jetzt das neue Rathaus an der Kreuzstraße ist, war zuvor das Palais Loß. In dem hatte Napoleon übernachtet, nachdem seine Truppen 1812 im Russland-Feldzug vernichtend geschlagen worden waren. © René Meinig

Im Bett liegend empfing er nachts den Sachsenkönig Friedrich August I, so wie es einst Sonnenkönig Ludwig XIV. tat. „Der sächsische König hat Soldaten und Geld versprochen und auch gleich seine eigene Kutsche bereitgestellt“, erklärt der Geschichtsexperte. Nach wenigen Stunden Schlaf sei Napoleon dann weiter nach Paris geeilt, wo er drei Tage später eintraf. Einen seiner letzten Siege errang Napoleon wenige Monate später bei der Schlacht um Dresden am 26./27. August 1813.

Der Dinglinger-Brunnen: Kunstwerk ziert Gewandhaus

Nicht so bekannt wie Casanova und Napoleon war hingegen der Goldschmied von August dem Starken, Johann Melchior Dinglinger. Sein Haus an der Frauengasse wurde zwar im Zweiten Weltkrieg zerstört. Doch erhalten geblieben ist ein Kunstwerk, das sich heute an ganz anderer Stelle wiederfindet – der Sandsteinbrunnen aus dem Hof des Hauses. „Das ist einer der wenigen erhaltenen Brunnen vom alten Neumarkt. Er wurde restauriert und in den 1960er-Jahren an der Rückseite des Gewandhauses wieder aufgebaut“, sagt Pötzsch. „Dabei und bei vielen anderen Dingen haben wir den damaligen Dresdner Denkmalpflegern viel zu verdanken.“ 

Der kunstvoll gestaltete Sandstein-Brunnen aus dem Haus des Goldschmieds Johann Melchior Dinglinger steht heute an der Gewandhausstraße.
Der kunstvoll gestaltete Sandstein-Brunnen aus dem Haus des Goldschmieds Johann Melchior Dinglinger steht heute an der Gewandhausstraße. © René Meinig

Am Brunnen sei genau zu sehen, in welcher Zeit er geschaffen wurde. Ihn zieren viele Muscheln, die ein typisches Zierelement des Spätbarocks waren. Auch an der in dieser Zeit errichteten Hofkirche seien viele Muscheln zu sehen. Daher stamme auch der Name Rokoko für die spätbarocke Stilrichtung europäischer Kunst. Er stamme vom französischen Wort Rocaille, was Muschelwerk bedeutet.

Wer mehr über die historischen Ereignisse im Quartier zwischen Pirnaischem Platz und Kreuzkirche erfahren will, kann an der Führung mit Christoph Pötzsch „Wo Casanova festgenommen wurde“ teilnehmen. Sie beginnt am 9. August um 14 Uhr und ist in Coronazeiten auf 30 Teilnehmer begrenzt. 

Anmeldung per E-Mail: [email protected]

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