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Keine Corona-Hilfe für Mini-Baumarkt

1.000 Euro gab es für Tausende Dresdner, die wegen der Krise in Schwierigkeiten geraten waren. Einer, der leer ausging: Kultladen Eisenfeustel in der Neustadt.

Thomas Haaß hatte die Soforthilfe beantragt. Alles richtig, schrieb die Stadt, aber das Geld war alle.
Thomas Haaß hatte die Soforthilfe beantragt. Alles richtig, schrieb die Stadt, aber das Geld war alle. © Sven Ellger

Dresden. Mit der Nummer 12.435 war Thomas Haaß raus aus dem Rennen. Er hätte spätestens die 10.000 sein müssen. Das hat der Chef von Eisenfeustel auf der Bautzner Straße  in Dresden nicht geschafft, dafür hat ihn seine Arbeit zu sehr in Anspruch genommen. Verkaufen, Lagerhaltung, Bestellungen rausschicken, Ware annehmen, auspreisen, zwischendurch die neuesten Corona-Regeln lesen und in die Internetseite seines Ladens ein gut funktionierendes Online-Bestellportal einbauen - alles war zu viel für den alleinerziehenden Vater. Deshalb hat er erst Mitte März an die Stadt geschrieben. Zu spät, wie ihm Robert Franke, Leiter des Amtes für Wirtschaftsförderung, schriftlich mitteilte. 

Dabei hat Thomas Haaß eigentlich alles richtig gemacht. Erst hat er nach Beginn der ersten Corona-Einschränkungen dafür gesorgt, dass sein Laden weiterläuft. Dresden kleinster Baumarkt, wie Eisenfeustel gern genannt wird, hatte weiter offen, als andere schon schließen mussten. Als die großen Baumärkte nicht mehr verkaufen durften, nahm bei ihm der Andrang sogar zu. Der Umsatz stieg, Thomas Haaß hatte alle Hände voll zu tun. "Ich stand von morgens 6.30 Uhr bis abends 19 Uhr im Laden", beschreibt er sein Pensum. Dann musste auch er schließen, ab sofort gingen nur noch Online-Bestellungen und Warenauslieferungen. Auch für eine Handvoll Dübel und drei Schrauben hat er das gemacht.

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Da ging der Umsatz runter und Thomas Haaß sah die Zeit gekommen, sich doch um die 1.000 Euro Soforthilfe für Kleinunternehmer zu bemühen, welche die Stadt in Aussicht gestellt hatte. "Ich darf das nicht beantragen, wenn ich den Verlust nicht habe", erklärt er sein Warten heute. Also schrieb er am 7. April ans Rathaus. Anfang Mai antwortete ihm die Verwaltung. "Der Antrag ist zulässig, insbesondere ist er form- und fristgerecht gestellt worden", heißt es in der Post vom Amt für Wirtschaftsförderung. 

Thomas Haaß freute sich, alles richtig gemacht. Doch dann folgte das, was ihn bis heute ärgert. 10.000 Anträge könnten positiv beschieden werden, teilte die Stadt ihm mit, dafür reiche die bereitgestellte Summe. "Ihr Antrag wurde unter der laufenden Nummer 12.435 registriert." Im Klartext: Ja, Thomas Haaß steht das Geld zu, aber er bekommt es nicht. Er hat zu lange gewartet, bevor er es beantragt hat. 

Der 43-jährige Einzelkämpfer zwischen Warenlager, Verkaufsregalen und Ladentresen will das nicht akzeptieren. "Das muss ein Missverständnis sein", meint er und stellt einen Vergleich an. "Wenn ich ein Familienvater bin und eine Wanderung mit vier Kindern mache, dann nehme ich auch nicht nur zwei Stück Schokolade mit." Die vier Kinder sind die antragsberechtigten Kleinunternehmer. Haaß ist davon überzeugt, dass die Stadtverwaltung ganz genau weiß, wie viele das in Dresden sind. Wenn sie schon 1.000 Euro Soforthilfe pro Firma anbiete, dann müsse das Geld auch für alle Antragsberechtigten reichen. 

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Für die Stadtverwaltung ist das Thema erledigt. "Die Auszahlung der Soforthilfe Corona-Pandemie ist weitgehend abgeschlossen", teilte das Rathaus am 6. Mai mit. Mehr als 9.400 Anträge seien "positiv beschieden" worden. Das heißt, die Antragssteller haben jeweils 1.000 Euro bekommen. 600 unvollständige Anträge würden noch abgearbeitet, mehr als 1.000 Antragssteller seien nicht förderfähig gewesen. Und dann kommt in der Mitteilung der Stadt der Satz, der auch Eisenfeustel betrifft: "Für rund 2.000 Anträge reicht das Gesamtbudget von zehn Millionen Euro nicht." Pech gehabt, Thomas Haaß. Robert Franke, der Chef des Amtes, welches das Geld verteilt hat, sagte noch: "Die bewusst branchenoffen angelegte Soforthilfe hat kurzfristig den besonders hart gebeutelten Kleinstunternehmern der Stadt solidarisch mit unter die Arme greifen können."

Thomas Haaß reicht diese Solidarität nicht. Wenn schon eine solche Hilfe für alle Antragsberechtigten angekündigt werde, müsse sie auch für alle reichen, sagt er. Und er macht einen ungewöhnlichen Vorschlag. Die Rathausmitarbeiter könnten wie viele Angestellte in der Wirtschaft, die auf Kurzarbeit gesetzt sind, vorübergehend auf einen Teil ihres Gehalts verzichten, damit die 1.000 Euro-Hilfe an alle Bedürftigen ausgezahlt werden könne. Sich selbst nimmt Haaß beim Thema Solidarität nicht aus. "1.000 Euro dürfen ein Unternehmen nicht in Bedrängnis bringen, das muss man notfalls übrig haben", sagt er. So sei das auch bei seinem Geschäft. 

"Wenn die Stadt will, dann spendet Eisenfeustel 700 Euro für den 10.001. Antragssteller, dann muss die Stadt aber nachziehen", sagt der 43-Jährige. Ein unmoralisches Angebot? Nicht für Thomas Haaß. "Ich bin wegen der Nachricht aus dem Rathaus nicht verbittert", stellt er fest. Aber gefallen lassen will er sich das auch nicht. "Höflich, aber bestimmt", will er sich noch einmal Gehör verschaffen in den Amtsstuben auf der anderen Seite der Elbe.

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