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"Corona verschärft Trend zum Onlinehandel"

Dr. Detlef Hamann, Hauptgeschäftsführer der IHK Dresden, über die Lage der Gastronomie und des Einzelhandels nach dem Lockdown.

Dr. Detlef Hamann, Hauptgeschäftsführer der Industrie-und Handelskammer Dresden, spricht im SZ-Sommerinterview über die Folgen des Lockdowns für Gastronomie und Handel.
Dr. Detlef Hamann, Hauptgeschäftsführer der Industrie-und Handelskammer Dresden, spricht im SZ-Sommerinterview über die Folgen des Lockdowns für Gastronomie und Handel. © IHK Dresden

Herr Hamann, wie hart hat Corona den Dresdner Handel und die Gastronomiebranche getroffen?

Wenn man Ende März, im April oder an Ostern mit offenen Augen durch Dresden gelaufen ist, ist die Antwort auf diese Frage eigentlich sofort ins Auge gesprungen: Die zeitweise völlig verwaiste Innenstadt hat deutlich gemacht, dass gerade Handel und Gastronomie von Corona und durch die staatlich verordneten Betriebsschließungen am härtesten getroffen wurden. Anders ausgedrückt: Der Staat hat den beiden Branchen rund zehn Wochen die Einnahmen komplett auf Null gesetzt.

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Und die Kosten liefen ja weiter...

So ist es, trotz Kurzarbeit und Stundungsmöglichkeiten liefen die Kosten in der Zeit ja größtenteils weiter, was für viele an die Existenz ging und weiterhin geht.

Welche Probleme gibt es denn aktuell?

Inzwischen können sowohl Gastronomen als auch Einzelhändler wieder öffnen – allerdings unter teilweise noch sehr strengen Auflagen. In der Gastronomie gelten derzeit viele Hygienevorschriften, die unter anderem auch den Abstand zwischen den Tischen vorgeben. Das hat natürlich zur Folge, dass bei begrenzter Gesamtfläche nur noch zwei Drittel oder die Hälfte der üblichen Anzahl an Gästen bewirtet werden kann.

Öffnen deshalb manche Dresdner Lokale noch nicht wieder?

Genau, das beobachten wir im Moment, dass viele Gastronomen ganz genau rechnen: Was lohnt sich an der Stelle betriebswirtschaftlich noch und was nicht mehr?

Wie ist es bei den Einzelhändlern. Gehen die Dresdner wieder shoppen?

Im Einzelhandel wiederum ist das klassische Shoppen in Einkaufscentern mit Gesichtsmaske natürlich eine ganz andere Erfahrung für die Kunden. Viele verweilen viel kürzer in den Geschäften und haben dadurch meistens auch weniger im Korb. Außerdem spüren wir generell eine Konsumzurückhaltung im Einzelhandel. Kunden halten derzeit das Geld eher beisammen, weil sie nicht sicher sind, wie es bei ihnen persönlich mit Kurzarbeit und Arbeitsplatz weitergeht. Die Lage bleibt also trotz Öffnungen für die allermeisten Geschäfte weiter sehr kritisch.

Sie sprachen die Kurzarbeit an: Wie viele Beschäftigte sind denn noch betroffen?

Die jetzige Situation lässt sich erst mit der nächsten Statistik der Bundesagentur für Arbeit eindeutig beschreiben. Betriebe können Kurzarbeit anmelden und haben dann drei Monate Zeit, diese auch wirklich in Anspruch zu nehmen. Die Zahlen liegen uns also immer erst mit einem gewissen Zeitversatz vor. Allerdings wissen wir dementsprechend, wie es in den besonders akuten Corona-Monaten März, April und Mai aussah. Von den in der Stadt Dresden angezeigten knapp 68.000 Arbeitnehmern in Kurzarbeit kamen rund 22.000 allein aus Handel und Gastronomie. Also ein Drittel nur aus diesen beiden Branchen.

Gibt es dadurch Einschränkungen bei den Öffnungszeiten?

Das folgt schon aus der Anzeige auf Kurzarbeit selbst. Wenn ich als Unternehmer Kurzarbeitergeld für meine Mitarbeiter beantrage, muss ich darstellen, dass coronabedingt weniger Arbeit anfällt. Viele Händler haben deshalb bis heute verkürzte Öffnungszeiten und schließen ihre Läden beispielsweise schon um 19 Uhr statt um 21 Uhr.

Und wie handhaben das die Dresdner Wirte?

Gastronomen reagieren da etwas anders. Hier werden in Fällen von Kurzarbeit oft ein oder zwei zusätzliche Ruhetage in der Woche angesetzt. Die Gaststätte öffnet dann statt an sechs Tagen die Woche nur noch an vier oder fünf.

Mit welchen Umsatzrückgängen rechnen Sie dieses Jahr im Handel?

Den Handel gibt es an der Stelle eigentlich nicht. Wenn Sie sich den Lebensmitteleinzelhandel anschauen, sind bislang keine Umsatzeinbußen zu verzeichnen. Baumärkte konnten im ersten Halbjahr ihre Umsätze sogar um rund 15 Prozent steigern.

Aber es gibt doch Umsatzeinbrüche im Handel bei so langer Schließzeit?

Genau, deutlich anders sieht es jedoch bei den typischen Einzelhandelsgeschäften in Innenstädten, beispielsweise Textilfachgeschäften oder Buchhändlern aus. Die werden im Gesamtjahr sehr schmerzhafte und teilweise auch existenzbedrohende Umsatzrückgänge verzeichnen. Langfristig wird Corona den Trend zum Onlinehandel noch verschärfen; während alle Ladengeschäfte geschlossen waren, liefen die Bestellungen über das Internet reibungslos weiter. Dadurch werden stationäre Händler auch bei wieder geöffneten Geschäften Umsatzanteile an Wettbewerber im Netz verlieren.

Und wie sieht es in der Gastronomie aus? Aktuell scheinen die Lokale recht gut besucht zu sein...

Die Gastronomie hatte nach den zehn Wochen Betriebsschließungen einige Nachholeffekte. Die Menschen wollten nach dem Lockdown wieder in Restaurants und Biergärten. Ob allerdings aufs Jahr gerechnet dieser Effekt die Phase der Betriebsschließungen ausgleicht, würde ich Stand heute bezweifeln.

Gibt es denn aus Ihrer Sicht genug Unterstützung seitens der öffentlichen Hand?

Grundsätzlich haben sowohl Bund, Land als auch die Stadt Dresden mit Beginn der Corona-Pandemie sehr schnell reagiert und eine Unmenge an Geldern freigesetzt, die die betroffenen Unternehmen gestützt haben. Ich hätte mir an der Stelle mehr Differenzierung zwischen Firmen, die durch Betriebsschließungen betroffen waren, und allen anderen gewünscht. Aber im April, Mai haben sich die Ereignisse derart überschlagen, dass verständlicherweise nicht alles zu jederzeit überblickt werden konnte.

Hätten Sie sich für den Handel und die Gastronomie mehr Zuschüsse statt Krediten, die wieder zurückzuzahlen sind, gewünscht?

In Sachsen haben wir uns damals als IHK intensiv um ein landeseigenes Zuschussprogramm – also nicht zurückzuzahlende Gelder – bemüht. Das gab es in fast allen anderen Bundesländern, nur bei uns nicht. Dass diese landeseigenen Zuschüsse nur in abgewandelter Form kamen, ist für mich ehrlich gesagt bis heute nicht nachvollziehbar. Inzwischen haben der Bund und der Freistaat Sachsen mit wiederum etlichen Milliarden Euro jeweils ein Konjunkturprogramm aufgesetzt, das wieder Schwung in den Wirtschaftskreislauf bringen soll. Es ist sicherlich richtig, dass an der Stelle in großem Umfang stimuliert wird – ob es dann tatsächlich die erhofften Früchte trägt, kann seriös erst in ein paar Monaten beantwortet werden.

Wie können die Dresdner selbst etwas für Handel und Gastronomie tun?

So wenig planbar wie alles ist, glaube ich, dass ab jetzt auch viel Psychologie im Spiel ist. Wenn jetzt alle erstmal abwarten und schauen, wohin die Reise geht, werden Unternehmen keine Investitionen und Konsumenten keine Einkäufe tätigen. Ohne eine allgemeine Zuversicht wird der Laden nicht so schnell wieder ins Rollen kommen.  

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