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Wenn der Traumjob zum Albtraum wird

Wer kauft noch CDs? Die Dresdner Plattenhändlerin Susanne Paulus musste aufgeben. Doch statt zu jammern, blickt sie nach vorn.

Susanne Paulus vorm abgewickelten Plattenladen „Opus 61“. Die 52-Jährige sucht nun eine neue Herausforderung.
Susanne Paulus vorm abgewickelten Plattenladen „Opus 61“. Die 52-Jährige sucht nun eine neue Herausforderung. © Jürgen Lösel

An der Dresdner Wallstraße eröffnete Susanne Paulus, die in Stuttgart Musikfachhändlerin gelernt hatte, 2003 ihren Plattenladen „Opus 61“ und versorgte vor allem Klassikfans mit Musik. Bei Konzerten in und um Dresden war sie regelmäßig mit ihrem CD-Stand präsent. 2016 schlitterte sie in die Insolvenz, wagte aber 2017 mithilfe eines Investors einen Neustart in der Neustadt. Ende Juni warf Paulus endgültig das Handtuch. Im Interview spricht sie über die Gründe, die Krise in der Musikindustrie und über ihren ureigenen Optimismus.

Hat es mit den Corona-Folgen zu tun, dass Sie den Laden schließen mussten?

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Nein, gar nicht. Corona hätte nur beinahe bewirkt, dass wir nicht planmäßig abwickeln, sondern Knall auf Fall während des Shutdowns schließen. Es war ansonsten klar, dass es aus ist, weil es nicht mehr rentabel lief. Ich hätte alle Mitarbeiter entlassen, alles selbst machen müssen – dafür fehlte mir die Perspektive. In zwei Jahren sorgt der Laden nicht mal mehr für mich und da hätte ich noch mal zwei Jahre mit Stress und unzuverlässigen, verunsicherten Lieferanten vergeudet.

Es geht also nicht nur Ihnen mies?

Das ist alles ein Biotop. Wenn die Fliegen sterben, geht als Nächstes der Frosch drauf und irgendwann ist der ganze Teich futsch. Die Lieferanten leiden auch, machen ihren Hauptumsatz aber mit den großen Online-Versendern, sind da großzügig und drehen bei kleinen Händlern an allen Schrauben. Oder sie beliefern uns gleich gar nicht. Also muss man sich die CDs auf anderen Wegen besorgen. Ein riesiger, letztlich untragbarer Aufwand. Trotzdem kämpft man. Für ein Gehalt, das unter Mindestlohnniveau liegt. Das Thema, die Musik, mit der man zu tun hat, das ist Herzblut, man hat ja das Hobby zum Beruf gemacht und hängt dann in dieser Mühle fest. Das macht einen schon fertig.

Sind es also die übermächtigen Online-Händler, die Sie ins Aus gedrängt haben? Oder was ist der Hauptgrund?

Die Digitalisierung inklusive Streaming ist auch in der Klassik angekommen. Da gibt es Alben, die zunächst nur als Download oder via Streaming, erst Monate später auf CD angeboten werden. Das macht es schon schwer. Ehrlicherweise muss man sagen, dass es einen Vorteil für Sammler gibt: Sie müssen keine Regale mehr anbauen und haben immer und überall Zugriff auf ihre Lieblingsmusik. Und noch ehrlicher: Es gibt Streamingdienste wie Qobuz aus Frankreich, die Musik in High-Resolution-Qualität liefern. Das ist nicht ganz billig, aber das klingt – leider, leider – besser als auf CD. Natürlich sind für uns ansonsten die Online-Händler ein großes Problem. Vieles hat aber auch mit dem veränderten Verhalten der Kunden zu tun.

Wie meinen Sie das?

Ganz viele finden uns toll, haben das auch regelmäßig versichert. Und dann kommen viele Aber, warum sie doch nicht bei uns kaufen. Speziell Rentner beklagten oft, dass wir von der Wallstraße in die Neustadt gezogen sind. Dabei müssten sie nur mit der Bahn drei Stationen fahren und könnten in aller Ruhe stöbern, sich beraten lassen, in Musik reinhören. Die Bereitschaft, überhaupt rauszugehen, nimmt stetig ab. Der Zeitfaktor spielt eine Rolle. Wenn jemand Noten sucht und wir die nicht auf Lager haben, ist die Enttäuschung groß. Dabei ist alles fix bestellt und innerhalb weniger Tage lieferbar. Noch mal in den Laden kommen zu müssen, das scheint eine schiere Überforderung zu sein. Dieses Verhalten macht die Läden kaputt. Man kann bei uns einkaufen, muss es aber nicht. Das ist eine total demokratische Wahl – und wir sind eben abgewählt worden.

Ist das nicht furchtbar deprimierend?

Schon, auch gerade vor dem Hintergrund, dass wir eine sehr große Menge an Stammkunden hatten. Die sehr traurig waren, sich sehr emotional verabschiedet haben. Diese Welle an Zuneigung zum Schluss war überwältigend. Und natürlich tut es mir für diese treuen Kunden leid, die alles lange mitgetragen haben und nun gucken müssen, wie und wo sie ihre Musik herbekommen. Abgesehen davon, verlieren mit dem Ende des Ladens vier Leute ihren Job.

Gab es Versuche seitens der Kunden, den Laden zu retten?

Hm, das muss ich auf meine Kappe nehmen. Ich habe klar gesagt: Nein, ich will nicht weitermachen. Ich sehe den Tonträgerhandel in zwei Jahren nicht mehr, und Noten gibt es dann sicher auch nur noch online, die werden direkt auf Tablets geladen. Also war es vor allem meine persönliche Entscheidung, noch mal was Neues anzufangen. Ich bin jetzt 52, das ist fast zu alt dafür. Aber in zwei Jahren bin ich noch älter, da fällt mir das noch schwerer. Ich will ja nicht jammern, ich sehe nach vorne.

Sie gehen jetzt erst mal zum Jobcenter?

So sieht es aus. Ich weiß nicht, ob die sich totlachen, wenn ich als Musikfachhändlerin bei ihnen antanze. Ich war noch nie dort und warte mal ab, was passiert.

Sie haben einmal gesagt, Sie hätten Ihren Traumjob gefunden. Wie ist es, wenn dieser Traum so abrupt endet?

Der Traumberuf ist allmählich zum Albtraum geworden, was den Abschied nicht so brutal macht. Das Hobby, das ich zum Beruf gemacht hatte, habe ich ja immer noch, also die Leidenschaft für die Musik. Ich freue mich jetzt riesig darauf, meinen Beruf wieder zum Hobby zu machen. Ich kann endlich wieder ganz entspannt in ein Konzert gehen und muss keinen CD-Verkaufsstand mehr betreuen.

Wo kaufen Sie künftig Ihre CDs?

Bei den Händlerkollegen, zum Beispiel bei Tino Tuch im „Sweetwater“. Und ich hoffe auch sehr, dass zumindest ein Teil unserer Stammkundschaft künftig ebenfalls dort kauft und so die Existenz dieses Ladens noch eine ganze Weile sichert.

Online werden Sie nichts kaufen?

Um Gottes Willen! Nein, auf gar keinen Fall. Für mich gehört das Fachsimpeln, das Herumstöbern dazu. Das alles ist es, was den Musikkauf schön macht.

Haben Sie konkrete Vorstellungen von dem, was jetzt kommt?

Nein. Und ich möchte mir ganz bewusst erst mal eine Auszeit nehmen, um alle Möglichkeiten zu durchdenken. Ich brauche eine Weile, bis ich weiß: Das ist es, das ist zu 100 Prozent gut. Ich habe andererseits aber auch so viel Selbstvertrauen, dass ich mir sicher bin, an genau diesen Punkt zu gelangen, einen neuen Traumjob zu finden. Im Moment ist da vieles drin – auch die Idee von einem Leben als Selbstversorger irgendwo auf dem Land. Ganz im Ernst. Ich habe so viel Zeit im Laden verbracht, dass ich manchmal große Sehnsucht nach mehr Grün, mehr Zeit im Freien hatte.

War es eine wunderbare Fügung, dass Sie nach der Insolvenz des Ladens in der Wallstraße von einem Investor gerettet wurden und in der Neustadt noch einmal drei Jahre Musik verkaufen konnten? Oder wäre rückblickend das frühere Ende besser gewesen?

Ich bereue es gar nicht, es noch mal versucht zu haben. Allerdings habe ich wirklich schon damals überlegt, aufzugeben, war aber viel mehr am Boden zerstört als heute. Ob ich damals auf die Suche nach einer völlig neuen Aufgabe hätte gehen können, weiß ich nicht. Insofern war es eine glückliche Fügung, dass ich es noch einmal versuchen und jetzt aus mir selbst heraus entscheiden konnte: Nun ist Schluss!

Haben Sie Angst davor, einen sehr seltsamen Job angeboten zu bekommen?

Ach nein. Ich arbeite gern und könnte mir schon vorstellen, dass es etwas gibt, das mir noch völlig fremd ist, das bei näherem Hinsehen aber ganz verlockend wirkt. Ausprobieren finde ich erst mal prinzipiell gut. Wobei natürlich am Naheliegendsten ein Job in einer Bibliothek wäre, denn mein Musik-Repertoire-Wissen ist schon sehr tief und breit.

Würden Sie lieber in einer völlig fremden Branche neu starten, also zum Beispiel als Landwirtin, oder doch weiter etwas mit Musik machen?

Diesen Konflikt habe ich noch nicht auflösen können. Auch nicht die Frage: Stadt oder Land? Bleibt es Dresden oder geht es woanders hin? Wobei Dresden schon total schön ist und ich mich hier sehr wohl fühle; also Weggehen eher nicht …

Fühlt sich diese Ungewissheit gut an?

Ja, total. Das ist eine letztlich nie gekannte Freiheit. Alles ist plötzlich möglich. Ich entdecke gerne Neues, lerne gerne dazu und ich habe kategorisch ganz große Lust auf irgendwas. Das erscheint mir notwendiger als ein klares Ziel, das man halbherzig und eher aus der Not heraus ansteuert.

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