merken
PLUS Dresden

"Wir können nicht jede Infektion verhindern"

Schulen regeln die Maskenpflicht selbst, viele Corona-Einschränkungen wurden wieder aufgehoben. Was ein Dresdner Experte dazu sagt.

Professor Reinhard Berner vom Uniklinikum Dresden plädiert für eine kürzere Quarantäne-Zeit. Das würde auch den Schulbetrieb nicht gefährden.
Professor Reinhard Berner vom Uniklinikum Dresden plädiert für eine kürzere Quarantäne-Zeit. Das würde auch den Schulbetrieb nicht gefährden. © Sven Ellger

Dresden. Sachsens Schulen haben die Corona-Regelungen gelockert und auch in der Landeshauptstadt ist das neue Schuljahr am Montag mit weniger Geboten und Verboten gestartet. Das betrifft unter anderem auch die Pflicht für Schüler, einen Mund-Nasen-Schutz zu tragen. Auch auf die strikte Trennung der einzelnen Klassen voneinander oder auf eine Einbahnstraßenregelung in den Schulfluren verzichten viele Einrichtungen. Professor Reinhard Berner ist Direktor der Klinik und Poliklinik für Kinder-und Jugendmedizin an der Uniklinik Dresden. Er antwortet auf die wichtigsten Fragen.

Brauchen wir eine Maskenpflicht an den Schulen?

Die Schulen in Dresden handhaben das ganz unterschiedlich. Mal gibt es eine Maskenpflicht auf den Gängen, in anderen Einrichtungen gilt sie nicht mehr. 

Anzeige
Berufe mit Hochspannungs-Garantie
Berufe mit Hochspannungs-Garantie

Der erste digitale DREWAG-Ausbildungstag setzt frische Energien für die Berufswahl frei.

Professor Reinhard Berner betont, dass man bei dieser Frage immer auch das Infektionsgeschehen in der jeweiligen Stadt beziehungsweise im Kreis im Blick behalten und natürlich auch die Gegebenheiten der jeweiligen Schule berücksichtigen muss. "Bei den aktuell niedrigen Zahlen in Dresden und Sachsen ist es vertretbar, wenn die Schüler auf den Gängen keinen Mundschutz tragen müssen. Das muss man aber an das aktuelle Infektionsgeschehen anpassen", sagt der Mediziner. 

Grundsätzlich sei es aber sogar sinnvoller, dass Lehrer eine Maske tragen als die Kinder, denn nach allem, was man heute wisse, gehe ein Infektionsrisiko eher von Erwachsenen als von Kindern aus, zudem gehörten Lehrer eher zu möglichen Risikogruppen. "Man muss außerdem auch pragmatisch und realitätsnah berücksichtigen: Ein Mundschutz schützt nur dann, wenn er auch richtig getragen wird und nicht etwa unter dem Kinn hängt oder in der Pause getauscht wird", sagt Berner. "Wenn Grundschullehrer eher damit beschäftigt sind, den richtigen Sitz der Maske zu prüfen, als zu unterrichten, macht das wenig Sinn." Ab der 5. Klasse sei es sinnvoll, dass die Schüler beim Zusammentreffen auf den Gängen oder im Schulbus die Maske tragen, wenn die Infektionszahlen steigen.

Wie groß ist die Ansteckungsgefahr in der Schule?

Professor Berner betont, es gebe aktuell keine Hinweise auf eine hohe Verbreitungsrate des Virus über Kinder. "Kinder erkranken seltener an Covid-19 und wenn, dann verläuft die Krankheit meist mild", so Berner. "In vielen Studien aus unterschiedlichsten Ländern – von Südkorea bis Island – kristallisiert sich immer mehr heraus, dass durch Kinder ausgelöste Infektionsketten, ob in Schulen oder Familien, seltene Ereignisse sind." 

In seiner eigenen Studie untersuchte er 1.500 Kinder und 500 Lehrer aus Dresden und Ostsachsen und konnte nicht feststellen, dass Kinder das Virus besonders oft weitergeben. Allerdings war diese Studie zu einem Zeitpunkt insgesamt niedriger Infektionszahlen durchgeführt worden. 

Wenn Infektionszahlen dramatisch steigen, werde das auch Auswirkungen in den Schulen haben. Berner hält aber daran fest, dass die Kinder möglichst in Klassen zusammenbleiben und die Schüler – sofern das umsetzbar ist – möglichst wenig Kontakt zu anderen Klassen haben. "Wenn die Kinder auf den Gängen aneinander vorbeilaufen, ist es unkritisch, aber es sollten nicht unbedingt gemischte Gruppen gebildet werden", sagt der Mediziner. "Wichtig ist: Ziel aller Maßnahmen und Anpassungen ist eine Reduktion des Infektionsrisikos. Wir können nicht jede Infektion verhindern. Es geht darum, Ausbrüche zu verhindern und Risikogruppen zu schützen"

Sollten die Schulen bei einem Coronafall geschlossen werden?

Aktuell wird immer wieder diskutiert, ob Schulen und Kitas bei einem Coronafall komplett geschlossen werden sollen oder nur die entsprechende Klasse oder Gruppe in Quarantäne geschickt werden soll. "Ich halte es für sinnvoll, zunächst nur die Gruppe oder Klasse oder Kontaktpersonen in Quarantäne zu schicken und zu testen", so Berner. Eine komplette Schließung sei nicht nötig und nicht sinnvoll. 

Die aktuell debattierte Verkürzung der Quarantänezeit auf fünf Tage unterstützt er. "Man muss gezielt und punktgenau vorgehen. Nur so wird man den Regelbetrieb aufrechterhalten können", sagt der Professor. Eine 14-tägige Quarantäne halte er für zu lang.

Ist es zu früh für Elternabende?

Traditionell finden in den ersten Wochen nach Schulstart wieder Elternabende statt. Oft sitzen dann 28 Mütter oder Väter in einem kleinen Klassenraum zusammen. Auch hier betont Reinhard Berner, bei den aktuell niedrigen Zahlen in Sachsen im Vergleich etwa zu Bayern und Baden-Württemberg sei das in Ordnung. "Ich empfehle aber auf Abstände zu achten – auch wenn es nicht immer der sogenannte Mindestabstand sein kann – und das Tragen einer Maske für Eltern und Lehrer."

Sollte wieder Sport-und Musikunterricht stattfinden?

Der in Sachsen angestrebte Normalbetrieb in den Schulen beinhaltet auch wieder Sport-und Musikunterricht. Einige Eltern sorgen sich, da immer wieder diskutiert wird, dass dabei die Ansteckungsgefahr über Aerosole hoch sei. Professor Berner empfiehlt, den Sportunterricht möglichst im Freien und mit Abstand durchzuführen. Er sagt aber auch: "Schulen sind keine Fleischfabriken und die Gefahr durch Aerosole sollte nicht überschätzt werden." Beim Musikunterricht empfiehlt er das Singen nach draußen zu verlegen. Der theoretische Teil könne aber im Klassenraum passieren. "Und wichtig ist regelmäßiges Querlüften der Klassenräume – nach jeder Schulstunde. Es geht auch hier um die Reduktion des Infektionsrisikos!"

Weiterführende Artikel

Corona: Über 200 Quarantäne-Fälle an Dresdner Schulen

Corona: Über 200 Quarantäne-Fälle an Dresdner Schulen

Das neue Schuljahr ist erst eine Woche alt, jetzt sind gleich drei Einrichtungen betroffen. Was bisher dazu bekannt ist.

Coronafall in Dresdner Schule

Coronafall in Dresdner Schule

Das neue Schuljahr ist noch jung, jetzt gibt es schon den ersten Fall.

Diese Corona-Regeln gelten in Sachsen

Diese Corona-Regeln gelten in Sachsen

Bußgeld, Großveranstaltungen, Prostitution: In Sachsen gelten seit dem 1. September neue Corona-Regeln. Ein Überblick.

Diese Corona-Regeln gelten nun in Sachsens Schulen

Diese Corona-Regeln gelten nun in Sachsens Schulen

Keine generelle Maskenpflicht, Tests nach Reisen in Risikogebiete, Einbahnstraßen: So soll der Regelbetrieb in Sachsens Schulen jetzt funktionieren.

Nachrichten und Hintergründe zum Coronavirus bekommen Sie von uns auch per E-Mail. Hier können Sie sich für unseren Newsletter zum Coronavirus anmelden.

Abonnieren Sie unseren kostenlosen Newsletter "Dresden kompakt" und erhalten Sie alle Nachrichten aus der Stadt jeden Abend direkt in Ihr Postfach.

Mehr Nachrichten aus Dresden lesen Sie hier.

Mehr zum Thema Dresden