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Schweizer steuern künftig Dresdner Dampfer

Die Entscheidung, wer die Weiße Flotte übernehmen soll, ist gefallen. Bis zuletzt gab es ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit einem Dresdner Investor.

Dunkle Wolken standen über der Dresdner Dampferflotte. Jetzt steigt ein Investor aus der Schweiz bei dem Unternehmen ein.
Dunkle Wolken standen über der Dresdner Dampferflotte. Jetzt steigt ein Investor aus der Schweiz bei dem Unternehmen ein. © Archiv/Sven Ellger

Dresden. Am frühen Dienstagabend sind sie alle versammelt: Noch-Flottenchefin Karin Hildebrand, ihr Co-Geschäftsführer und Gastronomie-Experte Jeffrey Pötzsch sowie Sanierer Burkhard Jung aus Berlin. Er war es, der in den vergangenen drei Monaten einen neuen Geldgeber für die finanziell angeschlagene Dresdner Dampferflotte finden sollte. Und er hat ihn gefunden. 

Robert Straubhaar heißt der Mann. Er lebt in Muttenz im Kanton Basel und soll die Elb-Dampfschifffahrt wieder auf Kurs bringen. Er war nachmittags beim Notar und hat die letzten Unterschriften geleistet. Nun genießt er auf dem Salonschiff "Gräfin Cosel" den Sonnenuntergang, filmt den vorbeifahrenden Raddampfer "Diesbar" vor der Augustusbrücke. Sein erster Termin als neuer Chef hat er mit den Mitarbeitern der Flotte. Zuerst widmet er sich den Kapitänen, Matrosen und Maschinisten, danach, bei einem zweiten Treffen, den Fachkräften der Gastronomie. Sie sollen nun einem Betriebsübergang innerhalb von vier Wochen unter unveränderten Arbeitskonditionen zustimmen, heißt es. Ihr neuer Arbeitgeber ist die Weiße Flotte Sachsen GmbH. Deren Steuermann eben Straubhaar ist.

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Der neue Weiße-Flotten-Kapitän Robert Straubhaar (links) begegnet auf Deck dem bisherigen Gastronomie-Chef und Mitgeschäftsführer Jeffrey Pötzsch.
Der neue Weiße-Flotten-Kapitän Robert Straubhaar (links) begegnet auf Deck dem bisherigen Gastronomie-Chef und Mitgeschäftsführer Jeffrey Pötzsch. © Sven Ellger

Der Schweizer ist Chef der United Rivers AG in Basel. Sein Büro findet sich in einem eher unauffälligen dreistöckigen Gebäude über einem Musikgeschäft in Bahnhofsnähe. Die Aktiengesellschaft - anders als in Deutschland ist die AG in der Schweiz die häufigste Firmenform - gehört nach eigenen Angaben zu den größten Anbietern für Flusskreuzfahrten in Europa. Zum Konzern zählen unter anderem die Köln-Düsseldorfer Deutsche Rheinschifffahrt sowie die Chartergesellschaft Roi Holding mit 13 Flusskreuzfahrtschiffen auf Rhein, Mosel, Main und Donau. Ferner umfasst der Konzern eine eigene Cateringfirma, je ein Unternehmen zur Akquise und zur Ausbildung von nautischem Personal, eine auf Schifffahrt spezialisierte Technikgesellschaft und eine Beratungsfirma. Zudem organisiert der Konzern Events für Firmen auf ausgewählten Schiffen in Belgien, Deutschland oder den Niederlanden. 

© Grafik: SZ/Gernot Grundwald

Jetzt kommen die neun Dampfer und zwei Salonschiffe der Dresdner Flotte dazu. Dass die Schweizer im Rennen sind, ist seit Ende Juli kein Geheimnis mehr. Sächsische.de berichtete seinerzeit über die aussichtsreichsten Kandidaten für die Übernahme der Elbe-Flotte.

Der 59 Jahre alte Straubhaar hat bereits am 6. August das neue Unternehmen Weiße Flotte Sachsen GmbH beurkunden lassen.  Der Dresdner Notar Heribert Heckschen verpasste dem neuen Unternehmen die Urkundennummer 3042. Für die United Rivers AG als deren alleinige Gesellschafterin erschien außer Straubhaar noch Andreas Hien. Der Berliner Jurist ist erst seit Anfang dieses Jahres bei den Schweizern, er kam von einer Investmentfirma. 

Alleiniger Geschäftsführer der Weißen Fotte GmbH mit Sitz in der Dresdner Theresienstraße ist Straubhaar. Laut Gesellschaftsvertrag ist es sein Job, "den Betrieb von Ausflug- und Linienpassagierschiffen auf der Elbe“ sicherzustellen sowie „die Erbringung von Gastronomieleistungen“. 

Als Tochterunternehmen der Weißen Flotte fungiert die rund zwei Woche spätet gegründete Kulturerbe Dampfschiffe Dresden GmbH. Sie soll die „zwei Jahrhunderte alte Tradition der Dampfschifffahrt auf der Elbe mit ihrer denkmalgeschützten, einzigartigen Raddampferflotte“ erhalten und fördern. Betrieb und Unterhalt der Flotte dürften nur durch diese Firma erfolgen, „oder durch ein Unternehmen mit Sitz im Freistaat Sachsen“, das über eine entsprechende Kompetenz verfüge. Die neue Firma soll zudem „den Kontakt und den Austausch mit Freunden der Dampfschifffahrt“ suchen sowie sich „um materielle und immaterielle Zuwendungen bemühen“.

Zu deren Geschäftsführung zählt neben Straubhaar auch Stefan Bloch. Der 41-Jährige lebt zwar ebenfalls in der Schweiz, in Stein im Kanton Aargau, wuchs aber in Kamenz auf, wo sein Vater noch heute die Pension und Gaststätte "Kiautschau" leitet. Seine Karriere führte ihn als Küchenchef ins Fünfsternehotel Russischer Hof in Weimar und auch ins Madinat-Jumeirah-Hotel in Dubai. 2008 wechselte Bloch zum Flusskreuzfahrtunternehmen Avalon Waterways, das vor allem in Europa und Südostasien Reisen auf insgesamt 26 Schiffen anbietet. 2018 wechselte er zum United-Rivers-Konzern. In einem früheren Interview sagte er, hohe gastronomische Standards könnten nur erreicht werden, „wenn jeder einzelne Mitarbeiter absolut davon überzeugt ist, dass er oder sie ein wesentlicher Bestandteil eines erfolgreichen Konzepts ist.“

Der historische Schaufelraddampfer "Stadt Wehlen" fährt auf der Elbe vor der Kulisse der Altstadt.
Der historische Schaufelraddampfer "Stadt Wehlen" fährt auf der Elbe vor der Kulisse der Altstadt. © Archiv/Sebastian Kahnert/dpa-Zentralbild

Der Verein "Weiße Flotte Dresden - Freunde der Sächsischen Dampfschiffahrt" findet die Entscheidung für Straubhaar absolut richtig. Zwar sei der Vertrag noch nicht unterschrieben, das solle heute stattfinden, sagt der Vereinsvorsitzende Dirk Ebersbach. Es gebe noch "Probleme auf der Zielgeraden, es müssen noch Steine aus dem Weg geräumt werden." Aber "als Verein sind wir hocherfreut über das Ergebnis, das in greifbarer Nähe ist." Der Verein habe sich frühzeitig positioniert, als er am 21. August seine Zustimmung zum Konzept von Straubhaar öffentlich machte. "Wir haben ihm auch ein Stück weit als Steigbügelhalter gedient", ist Ebersbach überzeugt. Aber der Schweizer sei aus Sicht des Vereins "der einzige wirklich ernsthafte Bieter" gewesen. "Wir sind froh über die Entscheidung, wenn sie heute wirklich fällt, und blicken gemeinsam in eine erfolgreiche Zukunft".

Kopf-an-Kopf-Rennen mit den Schweizern

Drei Monate lang war nach einem neuen Investor gesucht worden. Unterlegen im Bieterwettstreit war unter anderem die Firma Richert & Co. Der Dresdner Sven Spielvogel, einer von zwei Geschäftsführern bei dem Immobilienunternehmen, sitzt in der Inneren Neustadt nur einen Steinwurf entfernt von Straubhaars neuen GmbHs. Er rechnete sich auch deshalb Chancen auf die Übernahme der Flotte aus, weil Richert & Co. im vergangenen Jahr bereits die Werft übernommen hatten, mit der Straubhaar nun einen neuen Vertrag schließen muss. 

Spielvogel nimmt die Niederlage sportlich. "Wie in der Champions League muss es auch einen Zweiten geben", sagt er. Und weiter: "Wir wünschen dem neuen Eigentümer hier viel Erfolg." Richert & Co. lieferte sich nach Informationen  von Sächsische.de bis vor einer reichlichen Woche ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit den Schweizern und hat dann die Reißleine gezogen. Zu den Gründen machte Spielvogel keine Angaben. Er erklärt lediglich: "Wir betrachten das Geschäftsmodell der Dampfschifffahrt insgesamt als tragfähig, dies hat unsere Prüfung eindeutig ergeben."

Die Details der Übernahme durch United Rivers wollen die Beteiligten am Mittwochmorgen in einer Pressekonferenz bekanntgeben. Es wird dann auch um die bisherigen Anteilseigner der Weißen Flotte gehen.

Dazu zählen unter anderem rund 500 private Geldanleger, so genannte Kommanditisten. Eine Anlageberatungsgesellschaft der Münchener Reederei Conti namens "Corona" sammelte damals umgerechnet 17,6 Millionen Euro, vor allem bei Investoren in Süddeutschland. Einer Liste vom Januar 2019 zufolge leben von rund 500 Anlegern nur 14 im Osten, einige in der Schweiz, in England, Schweden und Arizona. Unter den Anlegern ist auch der letzte Bundesjustizminister der Ära Kohl: Edzard Schmidt-Jortzig. Die Höhe der Einlagen liegt zwischen 3.200 Euro und 1,3 Millionen Euro. Der älteste, Jahrgang 1913, lebt in Südhessen. Die jüngste ist 25 und kommt aus Bremen, eine Erbin. 

Das Archivfoto aus dem Sommer 2019 zeigt einige Schiffe der Weißen Flotte bei Elbe-Niedrigwasser am Terrassenufer in Dresden.
Das Archivfoto aus dem Sommer 2019 zeigt einige Schiffe der Weißen Flotte bei Elbe-Niedrigwasser am Terrassenufer in Dresden. © Archiv/Christian Juppe

Ob sie ihr Geld wiedersehen werden? In Finanzkreisen heißt es , "eher nicht". Das alte Firmenkonstrukt von der Sächsischen Dampfschiffahrt GmbH & Co. KG wird wohl zum Abwracken geschickt: Insolvenz und Liquidation mangels Masse. Die Kommanditisten sähen dann ihr investiertes Geld nicht wieder. Schlimmer noch: Der künftige Insolvenzverwalter könnte sich auf Paragraf 172 im Handelsgesetzbuch berufen und die an die Anleger ausgezahlten Liquiditätsüberschüsse zurückverlangen. 

Werden die Altanleger doppelt gestraft?

Insgesamt waren das rund zehn Millionen Euro. Das Geld floss sogar noch, als die Gesellschaft bereits 2010 erstmals bilanziell überschuldet war. Erst 2012 endete dieses Procedere. Später folgten heiße Sommer und regenschwache Winter, zu niedrige Pegelstände der Elbe, neue Verluste, zurückgehende Passagierzahlen und schließlich Corona. Das Geld ging zur Neige, Ende Mai stellte man den Antrag auf Eröffnung einer Insolvenz in Eigenregie. Sanierer Jung konstatierte: Die Unternehmenskrise sei „aus der Kombination von einem massiven Umsatzausfall durch Niedrigwasser und der Notwendigkeit von Investitionen“ entstanden. Außerdem gebe es keine Liquiditätsreserven.

Die Wege von Straubhaar und Noch-Flottenchefin Hildebrand kreuzen sich nicht das erste Mal. Im Herbst 2016 erwarben die Schweizer für rund 5,6 Millionen Euro die damals ebenfalls defizitäre Köln-Düsseldorfer Deutsche Rheinschiffahrt AG (KD). Verkäufer war eine Beteiligungsgesellschaft, die mehrheitlich erst ihrem inzwischen verstorbenen Mann, zum Schluss aber Karin Hildebrand selbst gehört hatte. Straubhaar sagte damals der Kölnischen Rundschau, man sei nicht "bei der KD eingestiegen, um umzuschulden oder wegen kurzfristiger Renditechancen. Die KD ist eine Ikone und eine Perle, die es weiter zu entwickeln gilt." 

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Der Freistaat, der in der haftenden GmbH der Kommanditgesellschaft bislang die Mehrheit hatte, wird bei der neuen Firma keine Rolle mehr spielen. Allerdings soll er seinen Pachtzins für das freistaateigene Grundstück am Dresdner Terrassenufer deutlich erhöht haben. Das verlautet zumindest aus Verhandlungskreisen. Bislang sollen dafür nur eher symbolische 50 Euro im Jahr fällig gewesen sein. Weiter heißt es, die Landesregierung habe darauf gedrungen, die Kulturerbe-GmbH zu gründen. Schließlich habe Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer stets betont, die Weiße Flotte sei „ein Kulturgut unseres Landes wie die Frauenkirche“.

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