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DDR-Schachgenie Wolfgang Uhlmann tot

Großmeister und großartiger Mensch: In den 1960er- und 70er-Jahren gehörte der Dresdner zur Weltspitze am Brett. Nun ist er mit 85 Jahren gestorben.

Schachgroßmeister Wolfgang Uhlmann wurde am 29. März 85 Jahre alt, die wegen Corona verschobene Feier kann er nicht mehr nachholen.
Schachgroßmeister Wolfgang Uhlmann wurde am 29. März 85 Jahre alt, die wegen Corona verschobene Feier kann er nicht mehr nachholen. © dpa/Matthias Hiekel

Dresden. Ob er privilegiert gewesen sei, wurde Wolfgang Uhlmann vor seinem 85. Geburtstag im März gefragt. „Das muss ich schon mit Ja beantworten“, sagte der Dresdner, der als Schach-Profi zu DDR-Zeiten in die weite Welt reisen durfte, 37 Länder gesehen hat. „Es waren auch einige Privatreisen dabei, aber meine Frau durfte mich vor der Wende nie begleiten, nicht ein einziges Mal“, erzählte er vor seinem Jubiläum. Die kleine Feier mit Familie und Freunden, die er wegen der Corona-Pandemie verschieben musste, wird es nicht mehr geben. Uhlmann ist bereits am Montag gestorben.

„Er war schon die ganze Zeit in Behandlung, und es ging ihm schlecht“, bestätigte seine Frau Christine die traurige Nachricht. Seine letzte Partie in der Bundesliga hatte Uhlmann mit 81 Jahren im April 2016 bestritten. Danach saß er nur noch selten am Brett. „Ausdauer und Kondition sind nicht mehr so da“, erklärte er seinen Rückzug vom aktiven Sport. In den 1960er- und 1970er-Jahren gehörte Uhlmann als Großmeister zur absoluten Weltspitze, rückte bis auf Position acht der Weltrangliste vor. Bei der Schach-Olympiade 1966 in Kubas Hauptstadt Havanna wurde er drittbester Spieler am Spitzenbrett.

Ein Zigarrenkästchen von Che Guevara

Anschließend wurde er prominent beschenkt: ein Schachtisch mit Marmorplatte von Fidel Castro, ein fein geschnitztes Zigarrenkästchen von Che Guevara. Die beiden Revolutionsführer waren ebenfalls begeisterte Denksportler. Bis zuletzt hat Uhlmann Castros Tisch gern genutzt.

Im Alter von neun Jahren brachte ihm sein Vater das königliche Spiel bei. Als er nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges an Tuberkulose erkrankte und ein Jahr lang in einem Sanatorium verbringen musste, studierte er zwei Bücher des russischen Weltmeisters Alexander Aljechin. „Ich konnte dann fast alles auswendig. Damit war ich meinen Altersgenossen natürlich weit voraus“, erzählte Uhlmann über den Anfang seines Aufstiegs. Er absolvierte zwar eine Lehre zum Buchdrucker, arbeitete aber de facto nie als solcher, denn das Schachspiel war für ihn Berufung und Beruf gleichermaßen.

Ab 1960 bis zur politischen Wende hatte er einen Vertrag mit dem Bezirksverband Dresden, der unter anderem die Betreuung von Schülern enthielt, ihm aber auch genügend Zeit fürs Training ließ. Etwa 15.000 Partien hat er bestritten, wurde in der DDR elfmal Meister, gewann 36 internationale Turniere, besiegte fünf Weltmeister. Sein wohl spektakulärster Triumph gelang ihm in Buenos Aires. In der argentinischen Hauptstadt bezwang er am 2. Juli 1960 den späteren Weltmeister Robert „Bobby“ Fischer aus den USA, der für einige Skandale sorgte. Uhlmann hat ihn als Konkurrenten jedoch ganz anders erlebt: „Am Brett war er außerordentlich fair, ein Gentleman. Es gab immer einen Handschlag“, erzählte er über den einstigen Rivalen.

"Leider stiefmütterlich behandelt"

Seine erfolgreichsten Turniere spielte Uhlmann im englischen Hastings. Zweimal besiegte er dort die versammelte internationale Schach-Elite. „Mein Schokoladenturnier.“ Worüber er sich geärgert hat: „Leider wird dieser Sport in Deutschland etwas stiefmütterlich behandelt, obwohl er viele wichtige Eigenschaften zur Persönlichkeitsentwicklung wie Kreativität und Strategiedenken fördert.“

Uhlmann veröffentlichte Schachbücher. Seine 2015 erschienene Autobiografie „Meine besten Partien“ enthält viele Reiseberichte und Erlebnisse, zum Beispiel, wie 1964 in Argentinien erst sein Gepäck abhandenkam, dann die Post streikte und er seine Frau zu Hause nicht informieren konnte. „Ich war sechs Wochen weg, und sie wusste nichts.“Uhlmann sagte: „Schach ist doch mein Leben.“ Mit ihm verliert der Sport nicht nur einen Großmeister, sondern vor allem einen großartigen Menschen. (dpa, SZ/-ler)

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