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Dresden

Auch die Putzfrau muss wiederbeleben können

Selbst in Krankenhäusern ist ein Kreislauf-Stillstand nicht alltäglich. Im Dresdner Diakonissenkrankenhaus wird die Reanimation trainiert - unangekündigt.

Plötzlich liegt sie da, die Reanimationspuppe, und simuliert den Notfall. Dann müssen die Mitarbeiter des Diakonissenkrankenhauses schnell sein. Die spontane Übung wird anschließend ausgewertet.
Plötzlich liegt sie da, die Reanimationspuppe, und simuliert den Notfall. Dann müssen die Mitarbeiter des Diakonissenkrankenhauses schnell sein. Die spontane Übung wird anschließend ausgewertet. © Marion Doering

Obwohl die meisten Notfälle in Krankenhäusern passieren - also dann, wenn andere Menschen dabei sind oder der Patient technisch überwacht wird - ist die Überlebenschance nach einem Herz-Kreislauf-Stillstand erschreckend gering. So hat eine Studie gezeigt, dass die Erfolgsquote der Wiederbelebung bei unvorhergesehen Notfällen bei nur 16 Prozent liegt. Diese Rate hat sich in den vergangenen 40 Jahren kaum verbessert. Wenn die Pfleger auf den Stationen auf eine solche Situation nicht gut genug vorbereitet sind, wenn die Routine fehlt, kann das Leben kosten. Darauf reagieren auch Krankenhäuser in Dresden mit einem besseren Notfallmanagement. 

Im Diakonissenkrankenhaus in der Dresdner Neustadt werden solche Notfälle regelmäßig trainiert. Das Besondere hier: Es passiert ohne Vorankündigung. Dabei kommt  eine spezielle Technik zum Einsatz. Eine Puppe, die einen Herzstillstand vorspielt, muss wiederbelebt werden. 

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Die Zahlen zeigen, dass es gut ist, schnell reagieren zu können: 2017 mussten 18 Patienten im Diakonissenkrankenhaus reanimiert werden, 2018 waren es 17. Doch es können auch 30 bis 35 Notfälle jährlich sein. Es kommt sogar vor, dass jemand im Wartebereich kollabiert - auch dann zählt jede Sekunde. Bis das alarmierte Notfallteam vor Ort ist, müssen Pfleger und auch Ärzte wissen, was zu tun ist.

Bei einem Herz-Kreislauf-Stillstand muss jeder Handgriff sitzen, jeder Mitarbeiter seine Aufgabe kennen. Bei einer Wiederbelebung wird der Patient auch beatmet.
Bei einem Herz-Kreislauf-Stillstand muss jeder Handgriff sitzen, jeder Mitarbeiter seine Aufgabe kennen. Bei einer Wiederbelebung wird der Patient auch beatmet. © Marion Doering

Mit jeder Minute Herzstillstand sinken die Chancen darauf, dass der Patient überlebt, um zehn Prozent. Oberärztin Katrin Przybilla und Fachkrankenpfleger Jörg Schelzke arbeiten auf der Intensivstation (ITS) und sind Teil des Teams, das im Notfall gerufen wird. Bis sie auf der jeweiligen Station eintreffen - das kann zwei bis drei Minuten oder auch länger dauern -  müssen die Ärzte und Pfleger dort mit der Reanimation beginnen. "In den ersten zwei Minuten kommt es auf Schnelligkeit an", erklärt Przybilla. Auch, um neurologische Schäden am Gehirn zu verhindern, die auftreten können, wenn der Patient minutenlang nicht atmet. Deshalb müssen alle Abläufe sitzen, jeder muss wissen, welche Aufgabe er übernehmen soll. Ansonsten herrscht schnell Chaos.

An diesem Morgen wird die Puppe wieder einmal auf ihren Einsatz vorbereitet. "Er" - das lässt zumindest die Frisur vermuten -  wird in ein Bett gelegt, auf einem Zettel steht "bewusstloser Patient, unsichere Atmung". Das sind wichtige Informationen für die Pfleger, damit sie wissen, in welchem Zustand sie den Patienten vorfinden und entsprechend reagieren können, sagt Przybilla. Heute geht es auf die Station 2, das Bauchzentrum. Die Pfleger dort wissen nicht, dass sie gleich von Oberärztin Katrin Przybilla geprüft werden. Alles läuft wie gewohnt, die Patienten sind versorgt, eine Schwester kommt den Gang entlang. Als sie das Bett mit der Puppe entdeckt, ruft sie laut "Rea!" 

Spontane Übung zeigt Schwachstellen

Dann verständigt sie per Telefon das Notfallteam der ITS, drei weitere Schwestern und Assistenzärzte sind inzwischen am "Patienten". Eine von ihnen beginnt sofort mit der Herzdruckmassage, zwei andere bereiten Geräte vor. Das ITS-Team kommt dazu, zehn Mitarbeiter sind nun mit der Reanimation beschäftigt. Hier wird klar, wie wichtig es ist, dass jeder seine Aufgabe kennt. Sich an dieser Stelle abzusprechen, wer etwas macht, würde unnötig Zeit kosten. 

Eine Schwester legt eine Kanüle, verabreicht dem Patienten ein Medikament. Der Defibrillator wird vorbereitet, mit gezielten Stromstößen soll das Herz wieder in den richtigen Rhythmus gebracht werden. "Das ist auch für uns eine wichtige Übung", sagt Jörg Schelzke vom Notfallteam. Der Defibrillator gehört nicht zum Krankenhausalltag, wird also nur selten genutzt, muss im Notfall aber schnell eingesetzt werden können.

Unter dem kritischen Blick des Notfallteams üben die Schwestern und Assistenzärzte im Bauchzentrum, wie der Defibrillator eingesetzt wird. Kein routinemäßiger Handgriff, der deshalb immer wieder geübt werden muss.
Unter dem kritischen Blick des Notfallteams üben die Schwestern und Assistenzärzte im Bauchzentrum, wie der Defibrillator eingesetzt wird. Kein routinemäßiger Handgriff, der deshalb immer wieder geübt werden muss. © Marion Doering

Eine andere Schwester beatmet den Patienten, ihre Kollegin wird bei der Herzdruckmassage abgelöst. Eine körperlich anstrengende Arbeit: 30 Mal wird der Brustkorb mit großer Kraft zusammengedrückt. "Das ist gar nicht so einfach, das müssen die Schwestern immer wieder in der Praxis üben", erklärt Schelzke. Nun übernimmt eine dritte Schwester die Herzdruckmassage. 

"Alle weg vom Patienten." Der Defibrillator kommt zum Einsatz. An der Puppe können per Fernbedienung verschiedene Herzrhythmen eingestellt werden - auf dem Monitor ist zu sehen, dass der erste Einsatz noch nicht gereicht hat. Also noch einmal. Nach gut zehn Minuten ist der Herzschlag ruhig, der Patient stabil. "Gerettet!", sagt eine Schwester erschöpft.

Katrin Przybilla hat sich während der Übung viele Notizen gemacht, sie werden im Anschluss mit den Pflegern ausgewertet. Ein erstes Fazit? "Ich bin zufrieden, aber es war zu sehen, dass die Abläufe noch verbessert werden müssen." So sei der Umgang mit den Geräten und Kanülen zu unstrukturiert gewesen, die Pausen zwischen den Herzdruckmassagen waren zu lang. Auch müsse klarer verteilt werden, wer Anweisungen gibt. "Es haben zwischenzeitlich zwei Ärzte gesprochen, das ist natürlich nicht hilfreich." Doch auch die Technik spielt nicht immer mit. "Das Pad vom Defibrillator hat nicht richtig geklebt, das hat mich verunsichert", berichtet eine junge Ärztin. 

Die Übung hat gezeigt, wo es Schwachstellen gibt und was nun gezielt trainiert werden muss.  Ab diesem Jahr sollen alle anderen Mitarbeiter des Diakonissenkrankenhauses ebenfalls mit der Puppe geschult werden. "Auch die Putzfrau muss im Notfall handeln können", sagt Katrin Przybilla.

Wichtig: Notfall zeitig erkennen

Das Dresdner Uniklinikum hat für das Reanimationstraining seit 2002 sogar ein eigenes Simulationszentrum. Das regelmäßige Training an Puppen zeigt auch dort Erfolg: Am Uniklinikum liegt die Rate der erfolgreichen Reanimationen um 20 Prozent über dem Durchschnitt aller 150 am Deutschen Reanimationsregister teilnehmenden Kliniken. 2017 hatte das Uniklinikum mit 38,7 Prozent die höchste 30-Tage-Überlebensrate von Patienten, die im Krankenhaus einen Herz-Kreislaufs-Stillstand hatten. 

Friedrich Krügel, Mathias Kunath, Oberärztin Katrin Przybilla und Jörg Schelzke (v.l.) auf dem Weg zu einer unangekündigten Reanimationsübung. Die Männer sind Fachkrankenpfleger und arbeiten wie die Oberärztin auf der Intensivstation. Bis sie im Notfall a
Friedrich Krügel, Mathias Kunath, Oberärztin Katrin Przybilla und Jörg Schelzke (v.l.) auf dem Weg zu einer unangekündigten Reanimationsübung. Die Männer sind Fachkrankenpfleger und arbeiten wie die Oberärztin auf der Intensivstation. Bis sie im Notfall a © Marion Doering

Bei den Schulungen wird aber nicht nur vermittelt, was bei einer Wiederbelebung zu tun ist, sondern auch, wie ein bevorstehender Kollaps verhindern werden kann, wenn die Symptome dafür rechtzeitig erkannt werden. In 80 Prozent der Fälle gibt es schon vor dem Kreislauf-Stillstand Anzeichen darauf, dass mit dem Patienten etwas nicht stimmt, etwa eine veränderte Atmung. Wenn dann das Notfallteam rechtzeitig gerufen wird, muss die Situation nicht lebensbedrohlich für den Patienten werden. Pro 1.000 Patienten gibt es am Uniklinikum heute nach eigenen Angaben nur 1,1 Fälle von Kreislaufstillstand. An anderen Krankenhäusern liege der Schnitt bei 1,8 Fällen pro 1.000 Patienten.

Auch am Städtischen Klinikum gibt es ein eigenes Simulatorzentrum in der Friedrichstadt, in dem die Mitarbeiter in jeweils sechs Kursen geschult werden. Zudem werden regelmäßig vitale Notfälle trainiert, damit Symptome schon vorher erkant werden und dadurch eine Reanimation gar nicht erst nötig ist. 

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