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Dresdner Bäche vorm Kollaps

Das dritte Dürrejahr in Folge hat fast die Hälfte der Bäche austrocknen lassen. Welche Pläne die Stadt für die Wasserläufe hat.

Er macht sich angesichts des dritten Dürresommers Sorgen um die Dresdner Bäche: Gewässerökologe Harald Kroll-Reber vom Umweltamt steht in der fast ausgetrockneten Prießnitzmündung.
Er macht sich angesichts des dritten Dürresommers Sorgen um die Dresdner Bäche: Gewässerökologe Harald Kroll-Reber vom Umweltamt steht in der fast ausgetrockneten Prießnitzmündung. © René Meinig

Dresden. Die Prießnitz ist verschwunden. Lediglich ein winziges Rinnsal gibt es derzeit nach dem wenigen Regen am Montag an der Mündung in die Elbe. "Doch auch das ist bald wieder ausgetrocknet", sagt Gewässerökologe Harald Kroll-Reber vom Umweltamt. Er spricht darüber, welche Folgen die Trockenheit für die 40 Bäche der Stadt hat.  

In welchem Zustand befinden sich die Gewässer?

Wie der Prießnitz geht es fast der Hälfte der Dresdner Bäche. 43 Prozent sind entweder  ganz trocken oder haben nur noch wenige Restpfützen. Darunter so bekannte wie der Gorbitzbach, der Keppbach, der Leubnitz- und der Nöthnitzbach, der Blasewitz-Grunaer Landgraben oder der Weidigtbach, In weiteren 46 Prozent gibt es nur noch einen sehr geringen Durchfluss.

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"Unsere Mitarbeiter beobachten seit Mai einmal monatlich den Zustand der Bäche", sagt der Sachgebietsleiter kommunale Gewässer im Umweltamt und zeigt auf seine Auflistung. Lediglich der Unkersdorfer Silberbach ist darin grün unterlegt. Das bedeutet, dass er noch eine mittlere Durchflussmenge hat. Für Kroll-Reber ist die Situation dramatisch. Der Klimawandel ist in Dresden angekommen. Die Niederschlagsmengen bieten dafür aussagekräftige Fakten.

Nur im Februar ist mit 239 Prozent der üblichen Menge mehr Regen oder Schnee gefallen als sonst in dem Monat, im April waren es lediglich vier Prozent, im Mai fiel gerade mal die Hälfte und im Juli nur ein Viertel der Regenmengen. Dafür ist die Anzahl der Sonnenstunden gestiegen,  lag im April sogar bei 203 Prozent der durchschnittlichen Werte für diesen Monat. Lediglich im Februar und Juni blieben sie mit 72 und 98 Prozent unter dem Durchschnitt. "Das hat auch Folgen für die Verdunstung, die zunimmt", sagt der Gewässerfachmann.

Die Prießnitzmündung in der Neustadt auf einer Aufnahme aus dem vergangenen Jahr. Immer wieder wird der Bach zu einem Rinnsal.
Die Prießnitzmündung in der Neustadt auf einer Aufnahme aus dem vergangenen Jahr. Immer wieder wird der Bach zu einem Rinnsal. © Archiv: Sven Ellger

Was passiert mit dem Leben im Bach?

Wie gut es einem Gewässer geht, lesen die Experten daran ab, welche Tiere und Pflanzen es darin gibt. Doch wo kein Wasser ist, da gibt es auch nur noch wenig Leben. Fische ziehen sich in die letzten übrig gebliebenen tieferen Kolke zurück. Wenn diese austrocknen, sterben auch die Fische. 

Bei Kleinstlebewesen wie Bachflohkrebsen sei es möglich, dass sie sich über Eier in den kommenden Monaten wieder entwickeln, wenn das Wasser zurück ist. Pflanzen können sich zum Teil wieder regenerieren oder über Samen erneuern. "Erstaunlich war für uns, dass in der Prießnitz 2019 trotzdem wieder Fische wie Bachforellen, Bachneunaugen, Groppen und Schmerlen nachgewiesen wurden, obwohl der Bach 2018 völlig ausgetrocknet war", sagt Kroll-Reber. Das hat eine Befischung durch das Land Sachsen ergeben. Die Fische hätten sich entweder in Zuflüsse zurückgezogen oder noch unentdeckte Rückzugsmöglichkeiten gehabt.

Gibt es regionale Besonderheiten?

Die Bäche im rechtselbischen Teil Dresdens mit der Heide haben es meist schwerer als die auf der anderen Elbseite. Schuld daran ist die Geologie. Denn dort gibt es vorrangig Sandböden, die Regen zwar zunächst besser aufnehmen, aber auch viel schneller wieder abgeben. Ihre Speicherfähigkeit ist sehr begrenzt. Ganz im Gegenteil zu den Lössböden, die im linkselbischen Bereich vorherrschen. Sie nehmen das Wasser langsamer auf und geben es auch in diesem Tempo wieder ab. Bäche und Flüsse hatten hier also länger Wasser. Doch auch die sind inzwischen fast oder ganz trocken. 

Wie kann die Stadt den Bächen helfen?

Weil Trockenphasen aufgrund des Klimawandels in den nächsten Jahren häufiger auftreten werden, überlegt die Stadt, wie man Rückzugsmöglichkeiten in den Gewässern insbesondere für Fische schaffen kann. Das Umweltamt setzt zunehmend darauf, die Sohlstruktur der Flüsse und Bäche möglichst naturnah zu gestalten und sogenannte Kolken zu erzeugen. Das funktioniert, indem Lenkbuhnen aus Steinen oder mit Stämmen eingebaut werden, die zur natürlichen Verwirbelung des Wassers beitragen. Dadurch bilden sich kleine Vertiefungen auf dem Grund des Baches oder Flusses, in denen bei Trockenheit das Wasser stehenbliebt. Hierin können sich Fische und andere Organismen zurückziehen. Allerdings schränkt er ein, dass Organismen, die in einem Fließgewässer leben, nur eine begrenzte Zeit in kleinen Mulden überleben können, da die Sauerstoffversorgung gestört ist.

Auch ganz ausgetrocknet war die Prießnitz in früheren Jahren bereits . Dann lud das Flussbett zum Spazieren ein.
Auch ganz ausgetrocknet war die Prießnitz in früheren Jahren bereits . Dann lud das Flussbett zum Spazieren ein. © Archiv: Marion Doering

Auch Niederigwasserrinnen sind eine Möglichkeit, Tieren Überlebenschancen zu geben. Eine ist am Koitzschgraben schon eingearbeitet worden, eine andere an der Keppbachmündung in die Elbe, wo das Bett trapezförmig modelliert wurde. Außerdem geht es verstärkt darum, das weniger werdende Wasser besser zu nutzen, sagt Kroll-Reber. Das funktioniert zum Beispiel über Rückhaltebecken oder Teiche, die angelegt werden und aus denen Wasser dann dosiert in Bäche abgelassen wird, sodass sie nicht austrocknen. "Das funktioniert aber meist nur über Bebauungspläne, oft ist auch Landerwerb dafür nötig", sagt der Sachgebietsleiter. Aus der Talsperre Kauscha könnte der Geberbach zum Beispiel mit Wasser gefüllt werden. Diese gehört der Landestalsperrenverwaltung. Jetzt soll es ein Forschungsprojekt geben, wie das ganz praktisch umgesetzt werden kann. 

Was ist für die Wasserspeicherung sinnvoll?

Neben den Arbeiten an den Bächen und zum Bau von Rückhaltebecken sei auch die bewusstere Nutzung des Regenwassers wichtig, sagt der Gewässerökologe. So sollte bereits beim Bau neuer Häuser berücksichtigt werden, dass Regenwasser in Mulden und Rigolen aufgefangen wird, um dann dosiert abgegeben werden zu können. Die Stadt habe dabei mit ihren eigenen Gebäuden Vorbildfunktion.

27 Hochwasserspeicherbecken sind in Dresden gebaut worden. Auch für diese sollte überlegt werden, hieraus Wasser je nach Bedarf abzugeben. "Der Hochwasserschutz hat aktuell höhere Priorität, deshalb werden sie derzeit meist sehr schnell abgelassen, um schnell wieder aufnahmebereit zu sein." Zudem schaue man sich im Umweltamt auch an, wie man in Ländern, die unter ständiger Dürre leiden, Wasser auffängt. Das geschieht meist über das Aufschütten von Dämmen, um Wasser dann in engen Tälern zu sammeln.

Weshalb darf jetzt kein Wasser entnommen werden?

Um die Dresdner Fließgewässer zu schützen, gilt seit dem 6. Juni  bis zum 15. Oktober 2020 ein Wasserentnahmeverbot aus den oberirdischen Gewässern im Stadtgebiet Dresden. Die Allgemeinverfügung betrifft vorwiegend Anlieger und Eigentümer, aber auch alle diejenigen, die darüber hinaus Gießwasser aus den Bächen schöpfen. Ausgenommen von der Allgemeinverfügung sind die Elbe und in punkto Wasserentnahme mit Handgefäßen die Vereinigte Weißeritz sowie der Lockwitzbach. Werden bei Gewässerkontrollen Verstöße festgestellt, kann dies als Ordnungswidrigkeit geahndet werden. Das Bußgeld beträgt mindestens 50 Euro.

"Im Vergleich zu den langfristig gemessenen Monatsmittelwerten des Deutschen Wetterdienstes für Dresden hat sich seit 2013 ein Niederschlagsdefizit von rund 470 Liter pro Quadratmeter summiert. Das entspricht der Regenmenge, die in Dresden durchschnittlich in einem dreiviertel Jahr fällt", sagt Wolfgang Socher, der Leiter des Umweltamtes. Dies habe zu den gravierenden Veränderungen an den Bächen geführt.

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Aktuelle Informationen zum Wasserstand der Dresdner Gewässer und auch des Grundwassers stehen im Themenstadtplan unter stadtplan.dresden.de bereit. Im Themenfeld Umwelt, Kategorie Wasser lassen sich Daten aktuell einsehen und Hintergrundinformationen zu einzelnen Gewässern aufrufen.  

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