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Corona: Die Schuldnerwelle kommt noch

Schon jetzt sind die Zahlen der Beratungsgespräche in Dresden im Vergleich zum Vorjahr gestiegen. Und es kommt eine neue Klientengruppe dazu.

Nicht nur Paare haben in Dresden finanzielle Sorgen, weil sie Schulden angehäuft haben.
Nicht nur Paare haben in Dresden finanzielle Sorgen, weil sie Schulden angehäuft haben. © 123rf/David Pereiras

Dresden. Die Corona-Pandemie führt dazu, dass wieder mehr Dresdner Schuldnerberatungsstellen aufsuchen. Bis Ende Juli kamen bereits 510 Klienten in die Pieschener Beratungsstelle der gemeinnützigen AWO Sonnenstein GmbH. Im ganzen vergangenen Jahr waren es 752. "Die Steigerung ist schon da, und das, obwohl wir im Frühjahr fast zwei Monate lang keine persönlichen Gespräche führen konnten", sagt Jens Heinrich. Er leitet alle Beratungsstellen der AWO Sonnenstein in Dresden und dem Landkreis Sächsische Schweiz sowie die in der Justizvollzugsanstalt am Hammerweg.

Von einer Welle durch die Corona-Maßnahmen will Heinrich aber bisher nicht sprechen. "Die staatlichen Hilfen wie das Kurzarbeitergeld haben das Leid gelindert", sagt er. Hinzu kommt, dass während des Lockdowns Zwangsvollsteckungen ausgesetzt wurden und auch die Bezahlung von Ratenkrediten nach hinten geschoben werden konnte. "Das hat bei einigen Schuldnern den Druck rausgenommen, aber eben nur zeitweise", sagt Heinrich, der bereits 27 Jahre Menschen in finanziellen Schwierigkeiten berät. 

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Er ist sich sicher, dass es bis zum Jahresende einen deutlichen Anstieg der Beratungsgespräche geben wird. "Und es wird auch eine Gruppe betreffen, die bisher eher selten bei uns war." Konkret meint er Kleingewerbetreibende, freiberufliche Künstler und Handwerker, die ihre Produkte auf Märkten anbieten. Er denkt beispielsweise an die Vermieter von Ferienwohnungen oder Töpfer. "Die haben es bis Corona immer geschafft, sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen.  Aber jetzt fehlen Einnahmen, sie haben nur wenige Rücklagen und die Kosten wie für Krankenversicherungen laufen weiter", sagt der Sozialpädagoge. Diese Gruppe sei nun sehr gefährdet sich zu verschulden.     

Mehr Männer lassen sich beraten

Im vergangenen Jahr haben genau 3.970 Menschen die kostenlose Unterstützung der Dresdner Schuldnerberatungsstellen in Anspruch genommen. Neben der AWO Sonnenstein bieten auch der Caritasverband Dresden und die gemeinnützige Gesellschaft Striesen Pentacon diesen Dienst an. Männer machen mit 1.655 den größeren Anteil aus. Fast alle Klienten kommen mehrmals zur Beratung, manche werden jahrelang betreut, weiß Heinrich. 

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Die Schuldenursachen sind ganz unterschiedlich. Heinrich hat sie über einen langen Zeitraum analysiert und für sich in mehrere Modelle gegliedert. Daran habe sich auch jetzt nichts verändert, sagt er. So geraten Menschen häufig durch Jobverlust, einen Unfall, einen unversicherten Schadensfall oder eben auch durch eine Pandemie in finanzielle Nöte, weil die Kosten und laufende Verträge nicht an die neue Situation angepasst werden können. Auch die Veränderung des Lebenskontextes, das kann eine Trennung, eine schwere Erkrankung oder eine Inhaftierung sein, ist häufig mit Schulden verbunden. Genau wie eine plötzliche Kostensteigerung durch die Geburt eines Kindes, Unterhaltszahlungen oder auch Schulgeld.

Jens Heinrich berät seit 27 Jahren Menschen in finanziellen Notlagen.
Jens Heinrich berät seit 27 Jahren Menschen in finanziellen Notlagen. © privat

Aber natürlich gibt es auch die Schuldner, die stets mehr ausgeben als sie haben. Heinrich nennt das "emotionale Überlagerung der wirtschaftlichen Realität" und führt als Beispiel Familien an, die hohe Ausgaben zum Wohl ihrer Kinder tätigen, obwohl es ihnen am Ende auf die Füße fällt. "Vielen geht das Gefühl für Geld durch die Plastikkarten verloren. Wer schaut sich schon ständig seine Kontoauszüge an, um die Ausgaben zu kontrollieren?", fragt er.

Für ihn und seine Kollegen steht an erster Stelle, eine Lösung für die sogenannten Primärschulden zu finden. Das sind Schulden beim Vermieter, den Energieversorgern oder die Tilgung von Bußgeldern und Geldstrafen. Denn werden die nicht bezahlt, droht Wohnungslosigkeit oder bei Geldstrafen Haft. 

Rentner sehr zurückhaltend

Schulden zu haben, hat nichts mit den Einkommensverhältnissen zu tun, sagt Heinrich. Deshalb sitzen in seinem Beratungsraum auch Klienten aus allen sozialen Schichten und  Altersgruppen. Rentner machen rund acht Prozent davon aus, der Wert ist seit Jahren gleichbleibend. Aber Heinrich ist sich sicher, dass dies nicht die Realität widerspiegelt. Die Renten stiegen langsamer als die Mieten in Dresden. "Doch Rentner sind zurückhaltend. Sie denken, sie müssten es allein schaffen und es sei peinlich, Schulden zu machen. Die sind noch anders sozialisiert", sagt der Berater. Zum Glück würden viele junge Leute anders damit umgehen und eher in die Beratungsstellen kommen. 

Die Statistik der Schuldnerberatungsstellen bilde aber nicht die genaue Zahl der Schuldner in Dresden ab. "Darin sind lediglich die erfasst, die den Weg zu uns finden. Es wird aber auch viele geben, die es weiterhin allein versuchen zu überleben."  

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