merken
PLUS Dresden

Dürre: Hungerstein taucht in der Elbe auf

Die vergangenen Monate waren in Dresden extrem trocken. Das hat Konsequenzen für die Elbe und andere Gewässer - und enthüllt einen alten Bekannten.

Aufgetaucht aus den Elbfluten. Am vergangenen Wochenende sank die Elbe auf den bisher niedrigsten Wasserstand in diesem Jahr. So konnte Steffen Brandes auf dem Nachhauseweg am Abend am Tolkewitzer Ufer diesen Hungerstein fotografieren.
Aufgetaucht aus den Elbfluten. Am vergangenen Wochenende sank die Elbe auf den bisher niedrigsten Wasserstand in diesem Jahr. So konnte Steffen Brandes auf dem Nachhauseweg am Abend am Tolkewitzer Ufer diesen Hungerstein fotografieren. © Foto: Steffen Brandes

Dresden. Steffen Brandes war überrascht, als er am Sonntagabend auf dem Elberadweg mit seinem Fahrrad von Arbeit kam. Der 56-Jährige hat kurz vorm Trollgarten immer einen Blick zum Fluss. Diesmal machte er eine besondere Entdeckung. Der Tolkewitzer arbeitet als Techniker beim MDR und gehört zur „Hungerstein-Gemeinde“ in seinem Stadtteil. Zu der Gruppe gehören auch Hydrologen, Archäologen, Naturwissenschaftler und Handwerker. Im September 2016, als die Elbe besonders niedrig stand, markierten sie einen Basaltbrocken als Hungerstein und weihten ihn feierlich mit einem Gläschen Sekt ein. Seitdem trifft sich die Hungersteingemeinde jedes Jahr, wenn der Stein erstmals auftaucht.

Am vergangenen Sonntagabend war es soweit, wie Steffen Brandes sah. „Der Wasserstand war weit abgesackt“, berichtet er. „Ich bin vorsichtig durch den Matsch gegangen und fast ausgerutscht. Der Stein war aber schon abgetrocknet.“ Ich alarmierte Martin Kaden. Der Tolkewitzer Gesteinskundler von den Senckenberg-Sammlungen gehört mit zur Hungerstein-Gemeinde.

Anzeige
"Was hast du zu essen mit, Mama?"
"Was hast du zu essen mit, Mama?"

Kaum sind die ersten Meter zurückgelegt, ertönt lautstark diese Frage. Denn so schön das Wandern ist, ohne Picknick ist der Spaß nur halb so groß.

Anja Kaltofen, Elmar Vogel und Martin Kaden (v.l.) von der "Hungerstein-Gemeinde" zeigen Ende Juli vergangenen Jahres ihren Tolkewitzer Hungerstein, als der Pegel bei 48 Zentimetern steht. Das war der niedrigste Wasserstand 2019. Bei geringem Pegel taucht
Anja Kaltofen, Elmar Vogel und Martin Kaden (v.l.) von der "Hungerstein-Gemeinde" zeigen Ende Juli vergangenen Jahres ihren Tolkewitzer Hungerstein, als der Pegel bei 48 Zentimetern steht. Das war der niedrigste Wasserstand 2019. Bei geringem Pegel taucht © René Meinig

Doch bereits am Montag war der Stein schon wieder verschwunden. Lag der Elbpegel am Sonntag noch bei 68 Zentimetern, so stieg er bis zum Donnerstag auf 1,13 Meter. Ein Treffen – natürlich mit dem nötigen Sicherheitsabstand, war so nicht möglich. „Wir werden aber dieses Jahr noch mehrfach das Vergnügen haben, den Hungerstein zu sehen“, prognostiziert Brandes. Denn in den vergangenen Jahren sei er immer aus der Elbe aufgetaucht, und das oft sehr lange.

So ist der Tolkewitzer Hungerstein von Steinmetz Elmar Vogel gestaltet worden.
So ist der Tolkewitzer Hungerstein von Steinmetz Elmar Vogel gestaltet worden. © SZ/Peter Hilbert

Die mit Jahreszahlen und Wasserstandslinien gekennzeichneten Hungersteine erinnern an Dürrezeiten, in denen die Elbe sehr niedrig stand. Trockene Zeiten waren hart für die Landwirtschaft, die Schifffahrt und die Fischerei. Also musste die Bevölkerung früher hungern, weshalb die bei Niedrigwasser markierten Steine so genannt wurden. Insgesamt gibt es in Dresden acht Hungersteine an der Elbe. Die Spanne reicht von der Pillnitzer Schlosstreppe bis zur Cottaer Ufermauer.

Dieser Stein an der Augustusbrücke soll späteren Generationen zeigen, wie niedrig das Wasser im Sommer 2019 gestanden hat. Am 28. Juli war der Pegel bis auf 48 Zentimeter gefallen. Die Idee für Dresdens neuen Hungerstein mit der Tafel hatte der Hobbygesch
Dieser Stein an der Augustusbrücke soll späteren Generationen zeigen, wie niedrig das Wasser im Sommer 2019 gestanden hat. Am 28. Juli war der Pegel bis auf 48 Zentimeter gefallen. Die Idee für Dresdens neuen Hungerstein mit der Tafel hatte der Hobbygesch © Bernd Gross

Besonders die vergangenen beiden Jahre hatten sehr lange trockene Phasen. Am niedrigsten stand die Elbe 2019 am 29. Juli mit 48 Zentimetern. Der normale Wasserstand der Elbe liegt in Dresden bei 1,65 Metern. Am vergangenen Wochenende hatte sie den bisher niedrigsten Stand in diesem Jahr erreicht, erklärt Sprecherin Karin Bernhard vom Landesamt für Umwelt und Geologie. Am Sonnabend und Sonntag lag der Dresdner Pegel bei 68 Zentimetern. Durchschnittlich flossen nur 102 Kubikmeter Wasser je Sekunde die Elbe hinab. „Das ist der niedrigste Tagesmittelwert des Durchflusses in einem Mai seit der Inbetriebnahme der Moldaukaskaden im Jahr 1964“, erklärt Bernhardt. Mit 68 Zentimetern hatte der Dresdner Pegel die Niedrigwassermarke erreicht. Im vergangenen sehr trockenen Jahr war der Wasserstand erstmals Ende Juni unter diese Marke gefallen.

Das Einzugsgebiet der Oberen Elbe liegt zu 95 Prozent in Tschechien. Seit dem Wochenende ist der Pegel aufgrund der Niederschläge sowie der erhöhten Abgabe über das Strekov bei Usti von 88 Kubikmetern je Sekunde am Sonnabend auf 188 Kubikmeter je Sekunde am Dienstag wieder gestiegen. Aber nicht nur in der Elbe ist das Wasser knapp, sondern auch im Untergrund. Aufgrund der geringen Niederschläge im März und April sind die Grundwasserstände wieder gesunken

Besonders extrem war der April. Die Stadtentwässerung erfasst den Regen seit 1996 an 19 Stationen im Stadtgebiet. „Die Messwerte zeigen, dass die mittlere Niederschlagssumme aller Regenschreiber 14 Prozent des langjährigen Wertes des Deutschen Wetterdienstes (DWD) entspricht“, erklärt Udo Zimmermann, der bei dem Unternehmen für die monatliche Auswertung zuständig ist. Durchschnittlich wurden im April nur 6,4 Liter Regen je Quadratmeter gemessen, der langjährige DWD-Durchschnitt für diesen Monat liegt bei 47,3 Litern. Damit war der April der zweittrockenste Monat seit Beginn der Niederschlagsaufzeichnung durch die Stadtentwässerung, resümiert Zimmermann. Nur im April 2007 war mit 1,2 Litern je Quadratmeter noch weniger Regen gefallen.

Nachdem es bereits im März wenig geregnet hatte, wurde es im April besonders extrem. Da fielen nur 6,4 Liter je Quadratmeter, was 14 Prozent des langjährigen Durchschnitts für diesen Monat entspricht.
Nachdem es bereits im März wenig geregnet hatte, wurde es im April besonders extrem. Da fielen nur 6,4 Liter je Quadratmeter, was 14 Prozent des langjährigen Durchschnitts für diesen Monat entspricht. © SZ Grafik

Die erfassten Werte an den unterschiedlichen Stationen sind allerdings sehr unterschiedlich. Am meisten hatte es im April in Cossebaude (13,8 Liter), Obergorbitz (10,4 Liter) und am Hauptbahnhof (8,4 Liter) geregnet. Der wenigste Niederschlag wurde an den Messstationen Nickern (3,4 Liter), Trachau (3,6 Liter) und Pieschen (4,3 Liter) aufgezeichnet.

Trotz der langen Trockenheit gab es jedoch am 29. April ein Extrem. An dem Tag hatte es überall in Dresden geregnet. In Obergorbitz fielen binnen einer Dreiviertelstunde 11,6 Liter Regen je Quadratmeter. Das ist ein so starker Niederschlag, der statistisch gesehen nur einmal im Jahr fällt. In Trachau wurden an dem Tag nur 0,6 Liter Regen gemessen. „Diese Unterschiede zeigen, dass es immer extremer wird, so wie es die Klimaforscher auch sagen“, findet Zimmermann.

Abonnieren Sie unseren kostenlosen Newsletter "Dresden kompakt" und erhalten Sie alle Nachrichten aus der Stadt jeden Abend direkt in Ihr Postfach.

Mehr Nachrichten aus Dresden lesen Sie hier.

Mehr zum Thema Dresden