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Kunstdiebstahl auf Dresdner Friedhof

Vom Alten Annenfriedhof in der Südvorstadt sind wertvolle Kunstwerke gestohlen worden. Am schwersten wiegt der Verlust einer unersetzbaren Büste.

Nach einem Raubzug auf dem Alten Annenfriedhof fehlen drei Kunstwerke, darunter die Büste von Hermann Hettner.
Nach einem Raubzug auf dem Alten Annenfriedhof fehlen drei Kunstwerke, darunter die Büste von Hermann Hettner. © Annenfriedhof

Dresden. Der Hausmeister des Nachbargrundstück wusste schnell, dass diese Urne dort ganz sicher nicht hingehört. An seiner Seite der Friedhofsmauer fand er am Dienstagmorgen eine Steinurne mit Bronzeverzierungen und verständigte die Verwaltung des Alten Annenfriedhofes an der Chemnitzer Straße.

Eilig suchte daraufhin Lara Schink gemeinsam mit zwei Mitarbeitern das Friedhofsgelände nach gestohlenen Elementen ab. Das bittere Ergebnis: Drei wertvolle Kunstgegenstände sind irgendwann zwischen Freitagnachmittag und Dienstagmorgen verschwunden: eine Bronzebüste, der bronzene Deckel einer Grabschale und eine verzierte Schmetterlingsurne aus Granit, ganz ähnlich derer, die vor der Mauer gefunden wurde.

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"Zum ersten Mal, seit ich Friedhofsverwalterin bin, ist der Alte Annenfriedhof Ziel eines Diebstahls geworden", sagt Lara Schink. Und im Dienst ist sie immerhin schon fünf Jahre lang. 

Auf dem Neuen Annenfriedhof an der Kesselsdorfer Straße, für den sie ebenfalls zuständig ist, sind Diebstähle dagegen keine Seltenheit. Vor allem Buntmetalldiebe treiben hier schon seit Jahren regelmäßig ihr Unwesen, sodass längst viele wertvolle Kunstschätze eingelagert und die Kupferabdeckungen von Gräbern inzwischen durch Platten aus Aluminium ersetzt wurden.

"Im aktuellen Fall sieht es aber eher nach Kunstdiebstahl als nach Beschaffungskriminalität aus", sagt die 29-Jährige. Offenbar hätten sich die Diebe gezielt bestimmte Stücke von kulturhistorischem Wert ausgewählt, während sie viele andere Metallelemente zurückließen. 

Lara Schink verwaltet seit 2014 die Dresdner Annenfriedhöfe.
Lara Schink verwaltet seit 2014 die Dresdner Annenfriedhöfe. © Christian Juppe

Schwer wiegt vor allem der Verlust der Büste Hermann Hettners, einer Arbeit des Bildhauers Ernst Hähnel. Während bei den anderen verschwundenen Grabdekorationen nicht ganz sicher ist, ob es sich um Einzelstücke handelt, ist dieses Kunstwerk zweifellos von hohem Wert. Ulrich Hübner, der für Friedhöfe zuständige Denkmalpfleger im Amt für Kultur und Denkmalschutz, schätzt allein den Wert der Büste auf mehrere Tausend Euro.

Der Literaturhistoriker Herrmann Hettner stammte aus Schlesien. 1855 wurde er als Direktor an die königliche Antikensammlung sowie als Professor der Kunstgeschichte an die Akademie der Bildenden Künste nach Dresden berufen. Er starb im Jahr 1882.

Hettners Grabstelle auf dem Alten Annenfriedhof wurde 1983 als gemeinsame Gedenkstätte für mehrere TU-Professoren umgestaltet, deren Gräber vernichtet wurden und nicht mehr rekonstruiert werden konnten. Unter anderem erinnert die Gedenkstätte an den Physiker August Seebeck und den Mathematiker Julius Ambrosius Hülße. Die Technische Universität ist auch für die Pflege der Grabstätte zuständig.

Herrmann Hettner wirkte ab 1855 in Dresden.
Herrmann Hettner wirkte ab 1855 in Dresden. © Wikimedia/Teich-Hanfstaengl

Die von den Dieben gestohlene Steinurne gehörte unterdessen zu einem derzeit genutzten Grab, in dem es erst kürzlich eine Bestattung gab. Das liebevoll gepflegte Patenschaftsgrab wurde bei dem Diebstahl schwer beschädigt, die Grabplatten umgetreten. "Das ist dann schon richtige Grabschändung", sagt Lara Schink. 

Fälle wie diese seien auch für die Friedhofsmitarbeiter immer wieder ein emotionaler Schlag. "Wir kümmern uns alle von Herzen gern um diese traditionsreichen Orte und da schmerzt es sehr, mit welcher Skrupellosigkeit mit dem Kulturgut aller umgegangen wird." Der fortwährende Verlust kultureller Substanz auf Friedhöfen könnte in nicht all zu ferner Zukunft zu einem völligen Verschwinden dieser Gestaltungselemente führen.

Inzwischen ermittelt die Polizei wegen Diebstahls und Störung der Totenruhe. Der Gesamtwert der gestohlenen Elemente wird auf rund 20.000 Euro geschätzt.

Verwalterin Lara Schink hofft, dass möglicherweise Nachbarn etwas bemerkt haben und Hinweise auf die Diebe liefern könnten. "Meine Hoffnungen sind nach den Erfahrungen bei den letzten Diebstählen zwar gering, aber vielleicht können die gestohlenen Gegenstände doch durch Schwarmintelligenz irgendwie wieder aufgefunden werden", schrieb sie in einem Beitrag auf Facebook. "Eventuell wurden die Diebe ja aufgeschreckt und haben deshalb die Urne zurück gelassen."

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