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Dresden

Frühjahrsputz auf der Hofewiese

Rund 30 Bäume lassen Holger Zastrow und seine Frau dort von Misteln befreien. Sie erneuern den Zaun und sähen Rasen. Nur nicht aufgeben!

Wink mit dem Zaunpfahl: Holger Zastrow erneuert auf dem Areal der Hofewiese rund 200 Meter Zaun. Außerdem tut er der Natur Gutes.
Wink mit dem Zaunpfahl: Holger Zastrow erneuert auf dem Areal der Hofewiese rund 200 Meter Zaun. Außerdem tut er der Natur Gutes. © René Meinig

Dresden. Laut und gefräßig macht sich der Schredder über haufenweise Grünschnitt her. Was in der Weihnachtszeit so romantisch wirkt und für viel Geld verkauft wird, wandert jetzt auf den Kompost: Misteln. So viel können nicht einmal über beide Ohren Verliebte küssen, wie die kugeligen Parasitengewächse in den Baumkronen wuchern. Das ist für die Gehölze gefährlich und schädigt sie. So auch auf der Hofewiese.

Dort machen sich Ariane und Holger Zastrow große Sorgen um die schönen alten Bäume, die rund um ihr Landgut wachsen. "Sie gehören doch hier her und müssen erhalten bleiben", meinen sie. Besonders um die etwa 200 Jahre alte Linde, die gleich links am Eingang zum Biergarten steht,  wäre es jammerschade. "Erst dachten wir, dass sie bald umstürzen könnte und gefällt werden muss. Aber wir wollten nichts unversucht lassen", erzählt Holger Zastrow. 

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Deshalb beauftragte seine Frau die Baumpflegefirma Impulsgrün, die sich auch mit der Sanierung geschädigter Bäume auskennt. Experten durchleuchteten den Stamm und testeten die Standfestigkeit der Linde. Dafür gaben sie mithilfe von Gurten und einer Winde dosiert Zug auf die Baumkrone und maßen mit Sensoren, wie gut die Wurzel der Belastung standhält. "Damit simulieren wir die Wirkung von Stürmen in verschiedenen Stärken", erklärt Firmeninhaber Yeves Brendahl. Er kam zu dem Schluss: Der Baum hält und darf stehenbleiben.

Ein Baumpfleger der Firma Impulsgrün befreit auf dem Landgut Hofewiese Bäume von Totholz und vor allem von belastenden Misteln.
Ein Baumpfleger der Firma Impulsgrün befreit auf dem Landgut Hofewiese Bäume von Totholz und vor allem von belastenden Misteln. © René Meinig

Doch auch in seinen Wipfeln haben sich massenweise Misteln ausgebreitet. Baumexperte Brendahl nennt sie "Halbschmarotzer". Vögel fressen die weißen Beeren der Mistel, lassen mit ihrem Kot neue Samen auf die Äste fallen und sorgen auf diese Weise dafür, dass sich die Baumparasiten vermehren. Mit ihrem Wachstum entziehen sie ihrem Wirt Wasser und Nährstoffe. Eine Woche lang ist er nun mit seinen Leuten auf der Hofewiese zugange, verpasst rund 30 Bäumen einen Frühlingsschnitt und befreit sie von dem belastenden Wildwuchs.

Wenn Holger Zastrow dieser Tage in Arbeitshose, dicker Wattejacke und mit Arbeitshandschuhen an den Händen über das Gelände stapft, fühlt sich das für ihn einerseits vertraut und doch befremdlich an. "Wir haben immer zwischen Mitte Januar und Ende März geschlossen und nutzen die Zeit für unseren Frühjahrsputz", sagt er. Gartenmöbel abkärchern, die Fassade des Gutshauses ausbessern, Pflanzkübel frisch begrünen, all das gehört dazu.

In diesem Jahr hat er sich nun ausgerechnet die große Baumaktion vorgenommen. Außerdem lagern Holzlatten in großen Stapeln auf dem Hof. Rund 200 Meter Zaun erneuert Zastrow in den nächsten Tagen und bessert an anderen Stellen die Felder aus. "Solch große Investitionen anzugehen, ohne zu wissen, wann die Coronakrise ausgestanden ist und wir wieder Geld verdienen, gibt schon zu denken", sagt der 51-Jährige. Allein die Pflege seiner Bäume lässt er sich eine fünfstellige Summe kosten.

Es nicht zu tun, wäre für den Unternehmer und FDP-Politiker aber auch keine Option. Das käme ihm vor, als gäbe er klein bei und verliere den Mut. "Für mich ist das die pure Eigenmotivation. Ich sage mir: Es muss weitergehen!"

Per Schredder wird alles zerkleinert, was beim Frühjahrsbaumputz dran glauben muss.
Per Schredder wird alles zerkleinert, was beim Frühjahrsbaumputz dran glauben muss. © René Meinig

Und das, obwohl schon jetzt klar ist, dass so viele geplante Veranstaltungen auf der Hofewiese nicht stattfinden können. Am 26. März hätten die Trödel-Händler ihre Stände aufbauen sollen. Vor allem der Verlust zu Ostern schmerzt. "Da verstecke ich immer rund 2.000 Schokoladeneier auf der großen Wiese, und die Kinder rennen alle los, um zu suchen." Ein solches Gedränge kann Zastrow nicht verantworten. Ob Corona an den Maifeiertagen und zu Pfingsten den Betrieb erlaubt, ist unklar und erscheint immer unwahrscheinlicher. 

"Ich bin in dieser Zeit einmal mehr froh, dass wir an den Kauf und die Sanierung der Hofewiese so bedacht herangegangen sind", sagt Holger Zastrow. Klar hätte er mit großen Darlehen auf einen Schlag alles neu und schön haben können. Doch er realisiert die Wiederbelebung des beliebten Ausflugszieles Schritt für Schritt mit geringen Mitteln und viel Eigenleistung. "Hätten wir jetzt riesige Kredite zu bedienen, würde ich wohl keine Nacht ruhig schlafen." Seit Mitte der 1990er-Jahre ist Zastrow selbstständig und hat schon viele schwere Zeiten erlebt. Die Erfahrung lässt ihn nun gut Ruhe bewahren.

Unterdessen wird er mehr und mehr zum Handwerker in eigener Sache. "Ich habe auch in der langen Schlange gestanden, um noch schnell Farbe zu kaufen, bevor die Baumärkte schlossen", gesteht er. Die Stimmung hat er als sehr angespannt in Erinnerung. Inzwischen verlegt er sich auf Onlinebestellungen. Riesige Säcke Saatgut für neuen Rasen stehen schon bereit, ein Vertikutierer ebenso, und eine Bodenfräse erwartet er schon sehnsüchtig. Da gerade keine Kinder über die Wiesen rennen können, nutzt Holger Zastrow die Zeit dafür, Schäden der vergangenen Jahre zu beseitigen.

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In diesem Zuge legt er eine neue Blühwiese als Bienenweide an, und zehn neue Nistkästen warten darauf, an die frisch geschnittenen Bäume gehängt zu werden. Zur rechten Zeit die rechten Dinge tun, nur das macht für Holger Zastrow Sinn. In einer beklemmenden Zeit gibt ihm das Optimismus.

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