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Wie es ist, mit Multipler Sklerose zu leben

Laura Beck ist 25 Jahre und leidet an MS. Trotzdem spielt die Dresdnerin weiter Fußball und geht offen mit der Krankheit um, die als unheilbar gilt.

Zukunftspläne schmiedet Laura Beck trotz ihrer Diagnose. Im Juni heiratete sie ihren Freund, jetzt steht der Masterabschluss im Studium an.
Zukunftspläne schmiedet Laura Beck trotz ihrer Diagnose. Im Juni heiratete sie ihren Freund, jetzt steht der Masterabschluss im Studium an. © Christian Juppe

Dresden. Dass es diese junge Frau nach wie vor regelmäßig auf einen Fußballplatz zieht, ist ein kleines Wunder. Laura Beck ist gerade mal 25 Jahre jung, hat aber bereits fünf Knieoperationen hinter sich. Damit nicht genug: Im März wurde bei der Kickerin Multiple Sklerose (MS) diagnostiziert.

„Ich habe mich den ganzen Sommer 2017 schon relativ schlapp und müde gefühlt“, sagt sie. „Ich bin eigentlich immer nur zwischen Arbeit und Schlafen gependelt. Zudem hatte ich in der Uni häufiger Kopfschmerzen und Probleme mit den Augen“, erklärt die gebürtige Görlitzerin. Damals jobbte sie nebenbei bereits als duale Studentin bei ihrem jetzigen Arbeitgeber.

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Ihre Freizeitaktivitäten schraubte sie dagegen auf ein Minimum zurück. „Dabei mache ich sonst gern unheimlich viel. Aber ich war nur noch abgeschlagen“, erinnert sie sich. Ein Schlüsselerlebnis mit dem Auto schreckte sie auf. „Im Oktober bin ich durch einen Tunnel gefahren. Meine Augen konnten den Kontrast zwischen der hellen Sonne und dem dunklen Tunnel nicht verarbeiten, sodass ich für kurze Zeit gar nichts gesehen habe.“

Sie kann sehr energisch sein

Danach machte sie am Tresen ihrer Neurologin so lange Druck, bis sie zeitnah einen Termin bekam. Die erste Untersuchung war ohne Befund. Damit ließ sich Beck nicht abspeisen. Die Tochter einer Kubanerin und eines Stralsunders kann sehr energisch sein. „Ich wusste einfach, dass etwas nicht gepasst hat“, unterstreicht die Fußballerin, die vor knapp zehn Jahren als größtes sächsisches Kickertalent galt. Nach einer Magnetresonanz-Tomographie (MRT) des Schädels hatte Beck Gewissheit.

„Es wurden drei Entzündungsherde im Kopf gefunden – MS. Ich war eher froh, weil ich endlich etwas Greifbares hatte, mit dem ich umgehen konnte. Es wäre für mich unerträglich gewesen, für den Rest meines Lebens nur noch müde zu sein“, sagt Beck. Endlich musste sie sich nicht mehr entschuldigen oder schämen, wenn sie sich einfach nur mal erholen wollte. „Dann heißt es ja von anderen: Hab' dich mal nicht so, musst früher ins Bett gehen. Du kannst doch nicht immer krank sein.“

Laura Beck (Mitte) spielt beim Fußball-Landesligisten 1. FFC Fortuna Dresden. Trotz ihrer Diagnose will sie am Ball bleiben: „Das ist meine Leidenschaft, mein Ausgleich zum Alltag.“
Laura Beck (Mitte) spielt beim Fußball-Landesligisten 1. FFC Fortuna Dresden. Trotz ihrer Diagnose will sie am Ball bleiben: „Das ist meine Leidenschaft, mein Ausgleich zum Alltag.“ © Foto: Jürgen Lösel

Kann und wird sie. MS gilt als unheilbar. Allerdings führt die Erkrankung des zentralen Nervensystems nicht zwangsläufig zu erheblichen Einschränkungen. Jeder Patient hat einen individuellen Verlauf. In Deutschland sind etwa 200.000 Menschen an MS erkrankt, Frauen doppelt so häufig wie Männer. „Die Krankheit verläuft in Schüben. Es gibt verschiedene Verlaufsformen. Bei einigen gehen die Symptome wieder zurück. Meine Diagnose ist für eine chronische Krankheit relativ frisch. Den Verlauf kann man deshalb bei mir noch nicht absehen“, sagt sie. Seit ihrer Diagnose suchten sie zwei Schübe heim.

„Bisher haben sich 90 Prozent der Symptome zurückgebildet. Was am Ende passiert, weiß keiner“, erklärt Beck. Das MS-Zentrum am Uniklinikum Dresden behandelt diese Wellen häufig mit einer Cortisonschub-Therapie – bei Beck ebenfalls. Drei oder fünf Tage fließt täglich jeweils eine Infusion des Steroidhormons in ihren Körper – auch mit optischen Folgen. „Du bekommst ein Cortison-Gesicht, siehst aus wie ein Streuselkuchen, quillst auf“, sagt die junge Frau.

Cocktail für ein ziemlich normales Leben

Zudem nimmt sie morgens und abends jeweils eine Tablette und reichert die mit Nahrungsergänzungsmitteln in Tablettenform an. Der Cocktail ermöglicht ihr ein ziemlich normales Leben, findet die Fußballerin des Landesligisten 1. FFC Fortuna Dresden. „Ich habe einen guten Alltag für mich gefunden“, bestätigt sie. Beck arbeitet als Ingenieurwirt für Versorgungstechnik in der Dresdner Filiale eines Leipziger Unternehmens. „Ich plane Klima- und Kälte- sowie Lüftungsanlagen“, erklärt sie. Nebenbei absolviert sie parallel dazu ein Master-Studium in Versorgungs- und Energiesystemtechnik.

Im Juni heiratete sie ihren Freund Steve Maschik, den Trainer von Fortuna. Dass sie trotz der beruflichen und gesundheitlichen Beschränkungen mindestens einmal pro Woche zum Training kommt, ist für Beck enorm wichtig. „Fußball ist meine Leidenschaft, mein Ausgleich zum Alltag und für mich der Punkt, wo ich mich auspowern, meinen Kopf ausschalten kann, wo alles Drumherum nicht wichtig ist“, sagt sie.

Die Mittelfeldspielerin will sich von der Krankheit ihr Leben nicht begrenzen lassen. „Es macht Spaß, mit den Mädels zu kicken. Ich wäre froh, wenn ich perspektivisch wieder ein Spiel mitspielen kann“, sagt sie. Bewegung empfehlen auch die Ärzte. „Wenn ich mich dazu überwinde, geht es mir danach immer besser“, erklärt die MS-Patientin. „Laura“, sagt ihr Mann stolz, „hat gefühlt 5.000 Energiegeneratoren auf dem Rücken.“

Team im Job ein großer Rückhalt

Die 25-Jährige sprengt Grenzen, geht offen mit ihrer Krankheit um. Auf ihrem Instagram-Account veröffentlicht sie schonungslos auch die weniger schönen Begebenheiten aus dem Alltag einer MS-Patientin. „Ich finde es wichtig, dass man offen damit umgeht. Für viele ist das ein Tabuthema – im Job, im Freundeskreis oder in der Familie.“ In Becks Umfeld wissen alle Bescheid. Das verhindert falsche Mutmaßungen, Getratsche. „Ich kann den anderen die Unwissenheit nehmen. Man kann nur etwas bewirken, wenn man den Mund aufmacht“, sagt sie. Dass Beck häufiger krankgeschrieben ist als andere, wird von ihrem Arbeitgeber toleriert. „Ich bin froh, dass wir so ein angenehmes und engagiertes Team haben. Das ist ein großer Rückhalt.“

Den braucht sie. Denn Beck ist eine, die sich damit beschäftigt, was die Krankheit im schlimmsten Fall mit ihr macht. Manche würde das quälen. „Ich kann mir so immer vor Augen führen, wie gut es mir geht und wie viel Glück ich in Anbetracht der Umstände habe. Es gibt wesentlich jüngere Leute, die schlimmere Symptome haben, sich beispielsweise mit Inkontinenz herumplagen“, sagt Beck und fügt leise an: „Man sieht auch Menschen im MS-Zentrum, die nur noch da sind. Ich habe keine Angst davor, was kommen könnte.“

Es könnte auch nur ein Fußballspiel sein – mit Beck am Ball.

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