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Wenn Kindern der Rückhalt fehlt

An Dresdens Schulen kommt es immer wieder zu körperlichen Auseinandersetzungen. Wie Schulbegleiter Mario Krause das verhindern will.

Von Nora Domschke & Julia Vollmer
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Mario Krause ist Teil der Initiative Teach First und begleitet Dresdner Schüler, die Probleme haben.
Mario Krause ist Teil der Initiative Teach First und begleitet Dresdner Schüler, die Probleme haben. ©  privat

Dresden. Die Schlägerei an der Oberschule in Cossebaude sorgte für viele Debatten unter Dresdner Eltern, die sich um die Sicherheit ihrer Kinder sorgen. Derartige Übergriffe gibt es auch an anderen Dresdner Schulen. Von 2016 bis Mai 2020 gab es insgesamt 158 Meldungen besonderer Vorkommnisse in Oberschulen in Dresden. Das antwortet Kultusminister Christian Piwarz (CDU) auf eine Landtagsanfrage. Unter den Vorfällen, die den Schulalltag erheblich beeinflussen und dem Kultusministerium gemeldet werden müssen, finden sich Gewalt- und Drogendelikte genauso wie Beleidigung gegen Lehrer und sexuelle Belästigung.

Ein Projekt will mit den Schülern, Lehrern und Eltern gemeinsam an möglichen Problemen der Kinder und Jugendlichen arbeiten. Teach First Deutschland schickt sogenannte Begleiter an ausgewählte Dresdner Schulen, um die Kinder zu stärken und mit ihnen zu arbeiten. Einer dieser Begleiter ist Mario Krause, seit beinahe zwei Jahren arbeitet er als "Fellow" an der Gemeinschaftsschule in Pieschen. Die Schulleitung bewarb sich bei diesem Projekt mit dem Ziel, Schüler bei dem Übergang von der Grund- zur Oberschule individueller unterstützen zu können.

"Ich sitze mit im Unterricht und helfe den Schülern direkt bei Fragen und ich biete auch am Nachmittag Angebote an", sagt der 33-Jährige. Er hat 20 sogenannte Fokusschüler an der Schule. Kinder, die entweder Unterstützung im Unterricht brauchen oder die zu Hause Probleme bewältigen müssen. Denn kein Kind wird ohne Grund auffällig. "Oft erleben wir, dass zum Beispiel die Trennung der Eltern die Kinder stark beeinflusst und diese das in ihrem Verhalten und ihren Leistungen zeigen", sagt Schulleiterin Petra Bräutigam. Außerdem nehme sie wahr, dass manche Elternhäuser nicht in der Lage sind, den Kindern den nötigen Rückhalt zu bieten, da sie selbst mit der eigenen Lebenssituation nicht klar kommen. Versagensängste bis hin zur Schulangst, fehlende Unterrichtsmaterialien, kein Mittagessen oder Pausenbrot, die Suche nach Aufmerksamkeit, der falsche Freundeskreis, die Flucht in die Magersucht – die Problemlagen sind sehr vielfältig.

Vormittags "Herr Krause", nachmittags "Mario"

Gemeinsam mit den Lehrern und Sozialarbeitern wird auch hier Mario Krause tätig. "Bei einem meiner Schüler musste ich sechs Wochen immer wieder nachfragen, weil er keinen Zirkel mit hatte und so im Fach Geometrie nicht richtig mitarbeiten konnte", sagt er. Das Nachhaken und Dranbleiben bei Kind und Eltern hat sich gelohnt. "Er war so stolz, als er mir den Zirkel präsentieren konnte", so Krause. Um die Schüler noch besser zu erreichen und sie aufzuschließen, auch von Problemen mit Freunden oder Familie zu erzählen, gründete der studierte Philosoph und frühere Marketingmann eine Rap-AG.

"Hier lernen sie, sich auszudrücken und ihre Gefühle zu artikulieren." Am Vormittag ist er für seine Schüler "Herr Krause", am Nachmittag "Mario". So vertrauen ihm die Schüler. "Auch in der Corona-Zeit, als alle Kinder zu Hause waren, haben wir uns bemüht, den Kontakt zu halten", so Krause. Er bot regelmäßige Sprechstunden per Chat an und die Kinder berichteten ihm von Schwierigkeiten bei manchen Aufgaben oder auch mal von Streit mit den Geschwistern. Auch die Lehrer von Schulleiterin Petra Bräutigam ließen sich viel einfallen, um die Kinder zu unterstützen. "Wir haben mit Laptops ausgeholfen, wenn es in einer Familie keine gab und haben viel kommuniziert", sagt sie. Nicht alle Kinder konnten durchgängig motiviert werden, aber die meisten hätten sich bemüht. 

Seit 2018 ist die Initiative Teach First auch an sächsischen Schulen aktiv. Die Schulbegleiter kümmern sich vor allem um Kinder und Jugendliche, die in einem schwierigen sozialen Umfeld heranwachsen. Als Vertrauenspersonen unterstützen sie nicht nur die Lehrer im Unterricht, sondern betreuen die Schüler individuell und in speziellen Projekten. "Fellows" sind überdurchschnittliche Hochschulabsoventen aller Fachrichtungen, die in einem mehrstufigen Verfahren ausgewählt und in einem Programm intensiv auf ihre Aufgabe vorbereitet werden. 

Die gemeinnützige Bildungsorganisation Teach First Deutschland will sich für faire Bildungschancen für alle Kinder einsetzen und arbeitet mit dem Sächsischen Kultusministerium zusammen. Ein weiteres Hilfsangebot bekommen Dresdner Schüler über die Schulsozialarbeit. Derzeit gibt es das an insgesamt 73 Schulen, das heißt Grundschulen, Oberschulen und Gymnasien, rund 95 Vollzeitkräfte sind dafür im Einsatz. Dennoch gibt es auch Einrichtungen, die nicht über solch ein Angebot verfügen. Laut Rathaus sei es aber Ziel, Schulsozialarbeit an allen Schulen in Dresden zu etablieren. Das soll aber abhängig von dem vom Land bereitgestellten Geld passieren.

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