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Hellersiedlung vor der Zerreißprobe

Der größte Kleingartenverein Ostdeutschlands kämpft um seine Zukunft und klagt gegen die Stadt Dresden. Ein Dilemma mit vielen Schuldigen.

Der neue Vereinschef Ramon Himburg will die Aberkennung der Gemeinnützigkeit verhindern.
Der neue Vereinschef Ramon Himburg will die Aberkennung der Gemeinnützigkeit verhindern. © Sven Ellger

Dresden. Hinter dem Tor mit den massiven Eisenstangen ist in der Ferne eine Laube zu sehen. Eigentlich ist es eher ein Haus, oder besser eine kleine Villa mit Tiefgarage und Schornstein. Daneben stehen hohe Nadelbäume und ein stattliches Gewächshaus mit Schwerkraftheizung. Der Mann, der hier zuletzt wohnte, ist vor mehr als zehn Jahren gestorben. Seitdem steht Garten F272b symbolisch für eine besondere Kleingartenanlage und ein städtebauliches Dilemma, das schon nach dem Zweiten Weltkrieg seinen Anfang nahm.

Die Hellersiedlung Nordhöhe im Dresdner Norden ist die größte Kleingartenanlage Ostdeutschlands. Rund 1.500 Kleingärtner sind auf den über 800 Parzellen zu Hause - und für viele von ihnen gilt das sogar wortwörtlich. Sie haben hier ihre Meldeadresse, ein Umstand, der sich normalerweise nicht mit dem Kleingartenwesen vereinbaren lässt.

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360 Kleingartenvereine gibt es in Dresden. Eine Anlage wie die Hellersiedlung jedoch ist in vielerlei Hinsicht einzigartig. Das bezweifelt niemand. Ob diese Tatsache aber gut oder schlecht ist, darüber gibt es höchst unterschiedliche Ansichten.

Breite Straßen, Autos, Nadelbäume: Wie viele Besonderheiten verträgt die Kleingartenwelt?
Breite Straßen, Autos, Nadelbäume: Wie viele Besonderheiten verträgt die Kleingartenwelt? © Sven Ellger

Schon den Name "Hellersiedlung" weist darauf hin, dass es sich hier eher um eine Kleinstadt als eine Kleingartenanlage handelt. Nach dem Krieg wurde das Areal zunächst als Siedlung angelegt - mit sechs Meter breiten Wegen und 1.000 Quadratmeter großen Grundstücken. Am Ende wurden es doch Kleingärten, doch der Platz wollte genutzt werden und so wuchsen zu DDR-Zeiten mehrstöckige Gebäude und Garagen.

Es dauerte bis zum Jahr 2009, bis die Stadt Dresden genug gesehen hatte. Bis 2005 war es einigen Siedlern sogar noch möglich gewesen, ihr Land zu kaufen. Nun wurde dem gesamten Verein kurzerhand die Gemeinnützigkeit aberkannt. Das würde bedeuten: Die Hellersiedlung dürfte sich nicht mehr selbst verwalten, die Pacht würde deutlich steigen und der Kündigungsschutz würde wegfallen.

Der Verein wehrte sich und legte erfolgreich Widerspruch ein. Allerdings gab es Auflagen, die sieben Jahre später überprüft wurden. Daraufhin wurde die Gemeinnützigkeit wieder aberkannt, wieder folgte der Widerspruch. Nun musste die Landesdirektion Sachsen den Streitfall prüfen. 

Das Ergebnis: In einem Schreiben von Ende Juli bestätigte die Landesdirektion die Aberkennung der Gemeinnützigkeit. "Der Anbau von Obst und Gemüse ist untergeordnet und findet in einem Umfeld statt, das von Gebäuden, Carports, Swimmingpools und Freisitzen geprägt wird, die in ihrer Größe als nicht angemessen für Kleingärten zu bewerten sind", sagt Ingolf Ulrich, Sprecher der Landesdirektion. Die 2010 auferlegten Auflagen seien nur unzureichend erfüllt worden. Dazu käme, dass noch immer Dreiviertel der Parzellen in unzulässigem Ausmaß bebaut seien.

Nun bleibt der Hellersiedlung nur noch die Klage vor dem Verwaltungsgericht und genau das will der Verein tun.

Kein Wunder, dass Frank Hoffmann beim Stichwort "Hellersiedlung" erst einmal tief durchatmen muss. Für den Chef des Stadtverbandes Dresdner Gartenfreunde ist es nicht gerade das Lieblingsthema. Recht machen kann er es in dieser Sache gerade niemandem. Die einen forderten ihn schon zum Rücktritt auf, weil er der Hellersiedlung nicht in den Hintern trete - und die anderen, weil er den Verein nicht genug unterstütze.

Verbandschef Frank Hoffmann bekommt beim Thema Hellersiedlung von allen Seiten Feuer.
Verbandschef Frank Hoffmann bekommt beim Thema Hellersiedlung von allen Seiten Feuer. © SZ/Henry Berndt

Genau deswegen will er nicht urteilen, sondern wünscht sich nur eines: Alle wieder an einen Tisch, und gemeinsam eine Lösung finden, um die Kleingärten zu erhalten. Die Klage dagegen hält er für kontraproduktiv. "Damit wird das Problem doch nur in die Zukunft verlagert", sagt er.

Aus Sicht des Vereins jedoch kann die so gewonnene Zeit durchaus sinnvoll genutzt werden. Die Hellersiedlung Nordhöhe hat sich erst vor wenigen Wochen personell neu aufgestellt und sieht sich selbst auf einem guten Weg, die Vorgaben immer besser zu erfüllen. Demnächst soll dafür ein hauptamtlicher Geschäftsführer eingesetzt werden, was der Stadtverband ausdrücklich begrüßt.

Bei Pächterwechseln in den Parzellen werde nun endlich genau darauf geachtet, dass die Gärten so zurückgebaut werden, dass sie im Einklang mit den Regeln der Rahmenkleingartenordnung des Freistaats stehen. Heißt: Nur ein Gebäude pro Parzelle mit maximal 24 Quadratmetern Dachfläche. 

Was so einfach klingt, kann im Einzelfall allerdings ein Tausende Euro teures Problem sein. Und wer soll das bezahlen? Genau aus diesem Grund konnte Nummer F272b schon jahrelang nicht mehr an Kleingärtner vergeben werden. Auf anderen verwaisten Parzellen sieht es ähnlich aus. Dabei stehen derzeit rund 30 Familien auf der Warteliste.

Wenn nun die Zukunft der Hellersiedlung als Kleingartenanlage infrage steht, dann ist das ein Dilemma mit vielen Schuldigen: dem Freistaat und der Stadt, die zu lange untätig geblieben sind, dem Stadtverband, der nicht früh genug eingegriffen hat und natürlich dem Verein selbst, der sich zu lange einzig auf seinen Sonderstatus berufen hat.

Die Altlasten wiegen schwer: Bis auf Weiteres kann Garten F272b nicht neu vergeben werden.
Die Altlasten wiegen schwer: Bis auf Weiteres kann Garten F272b nicht neu vergeben werden. © SZ/Henry Berndt

Der gerade neu ins Amt gewählte Vereinsvorsitzende Ramon Himburg sieht nun keinen anderen Weg als die Konfrontation. "Der Bescheid differenziert überhaupt nicht zwischen bestandsgeschützten, rechtmäßig vor 1990 errichteten Baulichkeiten und in der Tat kritikwürdiger Bebauung einzelner Parzellen", kritisiert der 60-Jährige. "Weder die Landeshauptstadt Dresden noch die Landesdirektion haben diese Mängel klar benannt. Dieser Mangel an Transparenz erschwert uns als ehrenamtlichen Vorstand die Arbeit."

Die Besonderheiten seiner Anlage würden nicht ausreichend gewürdigt. Zum Beispiel die breiten Wege, die den Autos die Durchfahrt bis direkt in die Gärten ermöglichen. "Durch die Befahrbarkeit unserer Parzellen schließen wir Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen nicht von einer Gartennutzung aus." Letztlich stelle sich für den Verein die Frage, welche Interessen der Freistaat Sachsen als  Eigentümer der Flächen verfolge. 

In dieser aufgeheizten Diskussion bemüht sich Verbandschef Frank Hoffmann nach Kräften um ein bisschen kleingärtnerische Entspannung. "Ich denke, der Verein hat gute Chancen, wieder gemeinnützig zu werden", sagt er. Dafür müssten jetzt aber alle etwas tun. "Ich kann mich nicht für Missstände einsetzen, aber ich kann und werde ehrliche Bemühungen unterstützen."

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Seine Idee, das riesige Areal in mehrere kleinere Vereine aufzuteilen, kommt für den Vorstand der Hellersiedlung nicht infrage. "Unsere große Gemeinschaft macht doch gerade das Wesen der Anlage aus", sagt Vereinssprecher Alexander Darre. "Welchen Sinn sollte es bringen, wenn wir uns aufspalten?" Wohl nur den einen, befürchtet er: Kleine Vereine ließen sich womöglich leichter entsorgen.

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