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"Ich will doch nur Gerechtigkeit"

Vor 13 Jahren überlebte Hartmut Kuhlmann nur knapp einen Verkehrsunfall, bei dem ein Freund starb. Seinen schwersten Kampf kämpft er bis heute.

Beim Männernetzwerk in der Neustadt fand Hartmut Kuhlmann zum ersten Mal nach dem Unfall Halt im Leben.
Beim Männernetzwerk in der Neustadt fand Hartmut Kuhlmann zum ersten Mal nach dem Unfall Halt im Leben. © Marion Doering

Dresden. Der 11. Mai 2007 war ein regnerischer Tag. Hartmut Kuhlmann und seine Kollegen waren früh morgens im Transporter auf dem Weg zu einer Baustelle in Görlitz. Sechs saßen bereits im Auto, drei sollten noch abgeholt werden. Kurz vor 6 Uhr gerät der Fahrer in einer Kurve auf der nassen Fahrbahn ins Schlingern und fährt gegen den Bordstein. Von dort wird der Wagen gegen einen Baum geschleudert. 

Bei dem Unfall bricht sich der 24-jährige Fahrer das Genick und ist sofort tot. Hartmut Kuhlmann sitzt auf dem Beifahrersitz. Schwer verletzt wird er mit einem Hubschrauber in eine Klinik in Cottbus geflogen, liegt dort vier Tage lang im Koma. Seine Verletzungen sind dramatisch: Schädel-Hirn-Trauma dritten Grades, Beckenbruch, Splitter im Gesicht. Zudem wurde er durch die Scheibe skalpiert und hatte Glück, dass sein Gehirn nicht getroffen wurde. Lange Zeit konnte er kaum laufen, sah Doppelbilder und sprach nur Kauderwelsch.

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All diese Geschehnisse kennt Kuhlmann nur von den Schilderungen anderer. Er selbst kann sich an nichts erinnern. Nicht an den Unfall, nicht an den Regen, nicht ans Einsteigen ins Auto. "Der getötete Fahrer war ein guter Freund von mir", sagt er. "Er war im Alter meines Sohnes. Am 31. August hätte er Geburtstag."

Nach sechs Jahren zum Therapeuten

So berichtete die Sächsische Zeitung 2007 über den Unfall.
So berichtete die Sächsische Zeitung 2007 über den Unfall. ©  privat

Es hat lange gedauert, bis Kuhlmann über den Unfall und seine Folgen sprechen konnte - oder besser durfte. Erst 2013, sechs Jahre später, hatte er in der Uni-Klinik den ersten Termin bei einem Traumatherapeuten. Inzwischen weiß er, dass es eine Stärke ist, sich Schwäche eingestehen zu können. Seit einem Jahr nutzt der 57-Jährige regelmäßig die freie Werkstatt des Männersnetzwerks Dresden in der Neustadt, wo er unter anderem an einer hölzernen Voliere für einen Taubenverein mitarbeitete.

Von seiner früheren Heimat Weißwasser nach Dresden zog Kuhlmann 2013 mit seiner damaligen Lebenspartnerin. Vor zwei Jahren beendeten die beiden die Beziehung. Zu Hause in seiner Wohnung in Omsewitz wohnt er heute meist allein, wenn nicht gerade seine Tochter bei ihm ist. Noch immer hat er jeden Tag Kopfschmerzen. Weil er nicht mehr in der Lage ist, sich lange auf Dinge zu konzentrieren, bekommt er EU-Rente. "Dafür bin ich sehr dankbar", sagt er. Das ist jetzt sein Leben. Es ist anders als das alte.

Bis zum Unfall 2007 war Kuhlmann ein Maurer mit Leib und Seele. Mit seinen 45 Jahren war er gerade auf bestem Wege, zum Vorarbeiter aufzusteigen. "Ich war ein sehr positiver Mensch, der das Leben genoss." Zu Hause malte, bastelte und schnitzte er leidenschaftlich gern. 

Privatinsolvenz? Schulden? Was ist da schiefgelaufen?

An jenem Mai-Tag war er im Transporter der Älteste - und sah sich nachher nicht nur einmal mit der Frage konfrontiert, warum er den Transporter denn nicht selbst gefahren sei. "Ich weiß es nicht", sagt er, "aber die Schuldgefühle haben mich lange belastet".

Wahrscheinlich wäre er in der Aufarbeitung heute schon deutlich weiter - wenn da nicht diese Briefe von der Versicherung wären, die ihn immer wieder mit dem Thema konfrontieren. "Das, und nicht mehr der Unfall selbst, ist heute die größte Last für mich", sagt Kuhlmann. 13 Jahre nach dem Schicksalschlag steht er vor der Frage, ob ihn nur eine Privatinsolvenz aus der Schuldenfalle befreien kann. Privatinsolvenz? Schulden? Was ist da schiefgelaufen, fragt man sich unweigerlich. 

Eine Unfallversicherung besaß Kuhlmann nicht. Die Autoversicherung des getöteten Fahrers überwies ihm zunächst von sich aus 20.000 Euro. Die anderen Autoinsassen, die weniger schwer verletzt wurden, bekamen weniger. Sie überzeugten ihn später, gemeinsam gerichtlich gegen die Versicherung vorzugehen, um mit mehr Geld entschädigt zu werden. Der Prozess ging verloren.

"Ich bin doch ein Opfer"

Außerdem fiel der Versicherung plötzlich auf, dass sie doch nicht zur Zahlung der 20.000 Euro verpflichtet gewesen sei und forderte den Betrag zurück. "Das konnte ich aber nicht und das kann ich bis heute nicht", sagt er. Durch die Zinsen habe sich die Forderung der Versicherung inzwischen auf 28.000 Euro erhöht. "Ich habe jeden Tag die Angst, dass der Gerichtsvollzieher bei mir klingelt", sagt Kuhlmann, "auch wenn bei mir nun wirklich nichts zu holen ist".

Der Kampf mit der Versicherung habe ihn depressiv gemacht. Immer wieder zermartert er sich den Kopf über die Frage, welche Schuld er denn selbst auf sich geladen haben soll. "Ich bin doch ein Opfer", sagt er immer wieder. "Ich will doch nur Gerechtigkeit." Deswegen weigert er sich auch, die Unterlagen für die Privatinsolvenz zu unterschreiben.

Sein größter Wunsch? Dass die Versicherung endlich Ruhe gebe. "Ich will schon längst kein Geld mehr. Die sollen mich einfach in Ruhe lassen." Erst dann könne er einige Türen in seinem Leben schließen, die schon viel zu lange offen stünden. 

"Ohne Heike und die Kinder wäre ich gar nicht so weit gekommen", sagt Kuhlmann. Sechs Monate nach dem Unfall habe ihn seine damalige Partnerin mit einer Party zum Geburtstag überrascht. Freunde und ehemalige Kollegen vom Bau waren da. "Das war einer der schönsten Momente, an die ich mich erinnern kann."

Wie gern würde er noch mehr dieser schönen Momente in seinem Herzen festhalten. Doch dafür muss erst einmal der Kummer Platz machen.

Das Männernetzwerk Dresden e. V. ist ein anerkannter freier Träger der Jugendhilfe und Mitglied im Paritätischen Sachsen und setzt sich für die Belange von Jungen, jungen Männern und Männern in ihren unterschiedlichen Lebenslagen ein. Kontakt: Männernetzwerk Dresden, Schwepnitzer Straße 10, 01097 Dresden, Telefon 0351 796 63 48, E-Mail: [email protected]

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