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Dresden investiert in benachteiligte Kinder

Kitas in sozialen Brennpunkten werden von der Stadt besonders gefördert. Was das bewirkt, zeigt ein Blick in zwei Kitas in Prohlis.

Erzieherin Diana Hille (l.) und Kulturdolmetscherin Ashlee Grey (r.) kümmern sich in der Prohliser Kita an der Finsterwalder Straße häufig um Kinder, die in problematischen Verhältnissen leben.
Erzieherin Diana Hille (l.) und Kulturdolmetscherin Ashlee Grey (r.) kümmern sich in der Prohliser Kita an der Finsterwalder Straße häufig um Kinder, die in problematischen Verhältnissen leben. © Christian Juppe

Dresden. Der aktuelle Bildungsbericht hat es Anfang 2020 erneut gezeigt: Nach wie vor leben in den großen Dresdner Wohngebieten wie Prohlis, Gorbitz und Johannstadt viele Kinder, deren Familien finanzielle Sorgen und häufig ein geringes Bildungsniveau haben. Das hat Auswirkungen auf die schulischen Leistungen und den beruflichen Werdegang dieser Kinder. Mit der sogenannten Bildungsstrategie und anderen Programmen will Dresden diesem Problem entgegentreten. So hat die Stadt insgesamt 13 Kitas ermittelt, die besonders gefördert werden. 

Unterstützt werden diese Kitas mit Geld für zusätzliches Personal, das allerdings nicht nur den Betreuungsschlüssel verbessert und den Erziehern etwas Luft im Alltag verschafft. Mit diesem Mitteln werden auch Mitarbeiter beschäftigt, die völlig neues Wissen und einen anderen Blick auf die Kinder in diese Kitas mitbringen. 

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Seit 2018 wurde in diesen Einrichtungen das Personal insgesamt verdoppelt. Bildungsbürgermeister Jan Donhauser (CDU) hat jetzt zwei Prohliser Kitas besucht, um sich erklären zu lassen, wie wichtig diese Förderung ist und was sie bringt.

Bildungsbürgermeister Jan Donhauser (CDU) lässt sich aus erster Hand in der Kita an der Finsterwalder Straße in Prohlis erklären, wie wichtig die finanzielle Förderung für Einrichtungen im Stadtteil ist.
Bildungsbürgermeister Jan Donhauser (CDU) lässt sich aus erster Hand in der Kita an der Finsterwalder Straße in Prohlis erklären, wie wichtig die finanzielle Förderung für Einrichtungen im Stadtteil ist. © Christian Juppe

Kita-Leiterin Christina Lauenstein berichtet, was die Bildungsstrategie in der Praxis bewirkt. 2014 hat sie die Kita in der Finsterwalder Straße mit eröffnet und verfolgt seitdem die Entwicklung hautnah. "Wir können jetzt anders, viel gezielter mit den Kindern arbeiten." Aus damals 16 sind heute 24 Mitarbeiter geworden, darunter Ergo-, Physio- und Kunsttherapeuten, die mit ihrem speziellen Kenntnissen die Kinder aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln beurteilen und mit ihnen arbeiten. 

Eine ganz wichtige Position nimmt die Kulturdolmetscherin ein. An der Finsterwalder Straße ist das die US-Amerikanerin Ashlee Grey, die keine Erzieherausbildung absolviert, sondern Geschichte studiert hat. Sie findet als Ausländerin einen ganz anderen Zugang zu den Kindern, die oft selbst fremd in diesem Land und mit ihren Familien hierher geflüchtet sind. Oder Erzieherin Diana Hille, die eine heilpädagogische Ausbildung hat und dadurch einen intensiveren Blick auf die körperliche Entwicklung bekommt. "Das ist gewinnbringend für alle", sagt Christina Lauenstein.

Eine schöne Kita, wie die städtische Kita an der Finsterwalder Straße in Prohlis mit einer weitläufigen Außenanlage, reicht nicht, um die Kinder pädagogisch zu fördern. Deshalb investiert die Stadt hier vor allem in mehr Personal, das sich individuell mit
Eine schöne Kita, wie die städtische Kita an der Finsterwalder Straße in Prohlis mit einer weitläufigen Außenanlage, reicht nicht, um die Kinder pädagogisch zu fördern. Deshalb investiert die Stadt hier vor allem in mehr Personal, das sich individuell mit © Christian Juppe

Ein sehr wichtiger Punkt ist die Sprache, sagt die Kita-Chefin. Das betrifft nicht nur die ausländischen Kinder, sondern auch die deutschen, die oft ein verwaschenes Deutsch sprechen würden. Auch der aktuelle Bildungsbericht hat die sprachlichen und motorischen Defizite bei vielen Kindern aufgezeigt, die in Stadtteilen mit vergleichsweise geringen Mietpreisen groß werden. Im Leben dieser Kinder spielt die Kita eine wichtige Rolle. Zum Beispiel auch, wenn es um das Schwimmenlernen geht. 

Die Kurse sind preisintensiv, viele Familien im Viertel können sich das nicht leisten. Auch dafür wird das zusätzliche Geld der Bildungsstrategie verwendet. "Wir wissen: Wenn wir das nicht machen, macht es niemand", sagt Christina Lauenstein. Das betreffe auch den Umgang mit Büchern oder den Blick hinaus über die Grenzen von Prohlis. Besuche im Verkehrs- oder im Hygienemuseum seien genauso wichtig, um den Kindern zu zeigen: "Es gibt noch etwas anderes, als das, was euch hier im Stadtteil vorgelebt wird."

"Die Erzieher müssen den Stadtteil kennen"

Nora Engert ist Kita-Leiterin im "Prohliser Spatzennest", das sich nur wenige Hundert Meter entfernt an der Georg-Palitzsch-Straße befindet. Auch hier verschafft sich Donhauser einen Überblick über die Arbeit der Erzieher. Der Kita-Träger Verbund sozialpädagogischer Projekte (VSP) entwickelt seit 2005 gemeinsam mit der Stadt das Handlungsprogramm "Aufwachsen in sozialer Verantwortung", das vor allem auf den Austausch mit den Eltern setzt. Nur dadurch könnten Probleme innerhalb der Familien erkannt und gelöst werden. Was Nora Engert wichtig ist: "Hier kann nicht jeder arbeiten", sagt sie. "Man muss die soziale Verantwortung spüren und Prohlis kennen." Deshalb stammen viele ihrer Erzieher selbst aus dem Stadtteil.

Dabei ist der Dialog mit ausländischen Familien gar nicht so einfach, oft sprechen sie kein Deutsch. "Mit zusätzlichen Mitarbeitern wie einem Kulturdolmetscher gelingt es erstaunlich schnell, dass die Familien einen Anschluss finden." Das sei vor allem in der Kita-Eingewöhnung wichtig, die Kindern sehr viel leichter falle, wenn jemand ihre Muttersprache beherrscht. Das gibt Sicherheit, auch für den späteren schulischen Weg. 

Drei Millionen Euro fehlen noch

Jan Donhauser, der selbst als Lehrer gearbeitet hat, weiß, wie wichtig die Förderung dieser Kinder ist, damit später der schulische Erfolg nicht ausbleibt. "Wir müssen dort ansetzen, wo es sinnvoll ist: im Kindesalter." Als Stadtrat hat er die Bildungsstrategie einst mit beschlossen - nun ist es seine Aufgabe als zuständiger Bürgermeister, sie fortzuführen. Sieben Millionen Euro sind dafür im Haushalt 2021/22 bereits eingeplant, sie sichern weiterhin das doppelte Personal in den 13 Kitas. Drei Millionen Euro fehlen noch, um 26 weitere Kitas mit einem zusätzlichen Sozialpädagogen zu unterstützen. 

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