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Dresden ist nicht Palermo

Kann der neue Dresden-„Tatort“ am Sonntag an den Erfolg der letzten Folge anknüpfen? Diesmal geht es um die Mafia und ein Familiendrama.

Leonie Winkler (Cornelia Gröschel) ist in Dresden und im Team angekommen. Ihre Joggingrunde an der Elbe muss die Kommissarin vorzeitig beenden, weil sie an den Tatort gerufen wird.
Leonie Winkler (Cornelia Gröschel) ist in Dresden und im Team angekommen. Ihre Joggingrunde an der Elbe muss die Kommissarin vorzeitig beenden, weil sie an den Tatort gerufen wird. © MDR/W&B Television/Daniela Incoronato

Ganz egal, wer nun wen aus welchem Grund meuchelte, schon immer wurde an der Elbe eifrigst diskutiert, wie viel Dresden ein Dresden-„Tatort“ mindestens braucht und wie viel er höchstens verträgt.

Dieses Mal könnte das richtige Maß gefunden sein. Die Folge „Nemesis“, mit der an diesem Sonntag die „Tatort“-Saison wieder beginnt, ist ordentlich mit Dresdner Postkartenmotiven garniert: Barock-Bauten, Elbe-Panorama und Dynamo-Wimpel. Es gibt eine Verfolgungsjagd im Parkhaus der Centrum-Galerie, eine Fahrt mit der Schwebebahn und sogar einen Ausflug nach Oybin, in die mystischen Wälder des Zittauer Gebirges. Aber alles, ohne dass es allzu muffig nach Heimattümelei röche. „Der Blick auf Stadt und Gesellschaft ist mir wichtig, der Zuschauer muss sich wiedererkennen können“, findet Regisseur Stephan Wagner. Es ist ihm gelungen.

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Das Drehbuch bedient sich sogar ungeniert im wahren Dresdner Leben. Ein Nobel-Gastwirt wird erschossen am Schreibtisch im Büro seines Restaurants aufgefunden. Im Film heißt der Tote Joachim Benda. Aber es ist Gerd Kastenmeier, der leibhaftige Dresdner Promiwirt, für den es ein Spaß war, mitzuwirken. Wenn die Szene schon in seinem Fischlokal im Kurländer Palais, aus dem er inzwischen ausgezogen ist, gedreht wurde, dann konnte er ja auch gleich die stumme Rolle übernehmen. Kein schlechtes Marketing. Wobei: Der tote Gastronom stellt sich im Film als eine ziemlich dubiose Person heraus. Ist kurz vor der Pleite, pflegt Kontakte zu osteuropäischen Geldwäschern, hat mit Flutgeldern jongliert und steht im Verdacht, seine Frau malträtiert zu haben.

Alles sieht zunächst nach einem Mord im Mafiamilieu aus. Als Zuschauer lernt man einiges über die Methoden moderner Mafiosi: „Man schiebt Geld so lange hin und her, bis es nicht mehr da ist.“ Also Spurensuche im Sachsensumpf? Das wäre dann doch ein bisschen zu simpel. Denn, wie ein Insider der organisierten Kriminalität den Kommissaren klarmacht: „Dresden ist nicht Palermo.“ Also konzentrieren sich die Ermittler bald auf private Motive und entdecken die psychischen Abgründe der Familie Benda aus dem Goldstaubviertel am Elbhang.

Ausgerechnet Kommissariatsleiter Schnabel (Martin Brambach gewohnt brummbärig) war mit der Familie persönlich befreundet, nun kümmert er sich hingebungsvoll um die Hinterbliebenen. Neben der verstörten Gattin des Toten sind da nämlich noch zwei traumatisierte Söhne, die offenbar etwas zu verbergen haben. Bemerkenswert, wie Britta Hammelstein als Katharina Benda und die beiden Jung-Schauspieler Juri Sam Winkler und Caspar Hoffmann als ihre Söhne Viktor und Valentin die völlig traumatisierte Restfamilie verkörpern, die ein gemeinsames Geheimnis hütet. „Nemesis“ heißt schließlich die Folge. War das nicht die griechische Göttin der gerechten Vergeltung? 

Hommage an Schimanski?

Spannend ist er schon, dieser Krimi, wenngleich vor allem ein Familiendrama und bei Weitem nicht so ein fesselnder Thriller wie die letzte Folge „Das Nest“, die bei Publikum und Kritikern gleichermaßen gefeiert wurde. Deshalb konnte man besonders gespannt sein, ob der Dresden-“Tatort“, der so lange vergeblich seinen Platz im Reigen der Sonntagskrimis gesucht hat, nun seine Spur gefunden hat. Und, so viel sei verraten: Das neue Konzept geht auf. Auch diese Folge lohnt sich.

Es ist der zweite Fall für die neue Kommissarin Leonie Winkler, gespielt von der Dresdnerin Gröschel, die eine belebende Bereicherung ist, frisch und forsch. Auch dieser Fall ist vor allem auf sie zugeschnitten, denn da ist ja noch dieses mysteriöse Verhältnis zwischen ihr, ihrem Chef und ihrem Vater, die sich aus früheren Zeiten kennen und ihre zigarrenrauchgeschwängerten Männer-Geheimnisse hüten. Allmählich emanzipiert sich die junge Frau zwar von diesen beiden alten Männern. Aber als Zuschauer ahnt man, dass in dieser Parallelhandlung noch einiger Zündstoff für weitere Folgen drinsteckt.

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Jedenfalls hat sich nun endlich ein Dresdner Ermittlertrio gefunden, dem man die richtigen Drehbücher schreibt und das Potenzial hat. Sie siezen sich zwar noch, aber verbünden sich immer mehr: Die beiden selbstbewussten Frauen und ihr bräsiger, immer leicht hysterischer Chef. In seiner pegidösen Miesepetrigkeit stellt er auch dieses Mal wieder fest, dass „Dresden vor die Hunde geht“. Sein erstes Wort in dieser Folge heißt „Scheiße“. Soll das etwa eine Hommage an Schimanski sein, der vor vier Jahrzehnten dies böse Wort erstmals im deutschen Fernsehen aussprach und damit Geschichte schrieb? Das wäre ziemlich vermessen. Denn nicht nur Dresden ist nicht Palermo, auch Martin Brambach ist nicht Götz George.

Der Tatort „Nemesis“ läuft am Sonntag, 18. August, 20.15 Uhr in der ARD und um 21.45 Uhr noch einmal auf One.

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