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So funktioniert ein Rummel mit Corona

Jahrmärkte fallen in Corona-Zeiten aus. Wie man trotzdem Autoscooter fahren kann? Ein Besuch auf dem ersten Rummel des Jahres in Dresden.

Links, rechts, geradeaus, rumms: Die meisten Fans kommen nicht wegen des Fahrvergnügens, sondern wegen der Zusammenstöße.
Links, rechts, geradeaus, rumms: Die meisten Fans kommen nicht wegen des Fahrvergnügens, sondern wegen der Zusammenstöße. © Christian Juppe

Dresden. Die Plastikchips sind sortiert, die Scooter geputzt. Kurz vor drei noch einmal in Ruhe mit der Frau telefonieren, dann will Richard Berger seinen Autoscooter „Gran Turismo“ starten. Aber Berger muss das Handy wieder weglegen. Eine Oma mit Enkel steht vor ihm. „Zwei Fahrten bitte“, sagt die Seniorin und schiebt drei Ein-Euro-Münzen unter dem Kassenfenster hindurch. Berger zählt ihr zwei Chips hin. „Bitte nur durch diesen Eingang reingehen und auf der anderen Seite wieder raus“, sagt der 46-Jährige. „Und nicht vergessen: die Maske aufsetzen.“ Die alte Dame nickt, kramt den Mundschutz hervor, während der Kleine schon in den Scooter hüpft. Ein bisschen müssen sie warten, bis mehr Wagen besetzt sind. Der Junge guckt derweil die Bilder auf den Planenwänden an, mit comicartigen Motiven von coolen jungen Männern und Frauen mit frisierten Autos.

Eigentlich macht der Rummel an der Dresdner Marienbrücke erst in zehn Minuten auf. Aber die ganz Ungeduldigen strömen schon auf das umzäunte Gelände. Rummel in diesem Sommer heißt Spaß unter Corona-Bedingungen. Statt „Vogelwiese“ heißt das Vergnügen „Freizeitpark“, weil sich die Betreiber an Hygienekonzepten von Parks wie Belantis orientieren. Sicherheitsleute am Eingang passen auf, dass sich jeder mit Name und Telefonnummer in die Liste einträgt. Gäbe es eine Ansteckung, soll das helfen, die Infektionsketten nachzuverfolgen. Es ist nur eine der Bedingungen des Gesundheitsamtes, damit der Rummel überhaupt stattfinden kann.

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Ein Waschbecken ist aufgebaut, Laufwege sind mit Pfeilen markiert. Gegen den Uhrzeigersinn sollen die Besucher gehen, Linien vor den Ständen markieren den Mindestabstand von eineinhalb Metern. Damit es nicht zu eng zugeht, dürfen maximal 700 Besucher gleichzeitig aufs Gelände. Sprühflaschen mit Desinfektionsmittel gehören dazu wie die Dauerschleifen aus Partymusik und grellbunte Lampen.

Auch vor Wurfbuden wird auf den Sicherheitsabstand hingewiesen.
Auch vor Wurfbuden wird auf den Sicherheitsabstand hingewiesen. © Christian Juppe

Der Autoscooter liegt strategisch günstig, nicht weit vom Eingang zwischen Zuckerwatte-/Eisstand und Luftgewehrbude, noch vor den Fahrgeschäften, die den Magen etwas mehr fordern, wie Power-Express und Flipper. Wer es behaglicher mag, steigt ins Kettenkarussell oder ins Riesenrad. Binnen Minuten hat Richard Berger noch sieben Chips verkauft. Eine Seniorin, ihr Sohn und ihr Enkel haben gleich jeder einen Scooter genommen. In den anderen sitzen ein Mann mit Kleinkind, ein Teenager und ein Pärchen. Ein guter Anfang. Berger, strohblond, breites Lächeln, lässt den Blick über die Scooterfläche schweifen.

Acht Wagen warten auf den Startschuss. Der schnarrt wie ein überlauter Türöffner. Bergers Mitarbeiter Benjamin Zange drückt den Knopf auf der Fernbedienung, der Strom vom Deckennetz auf die Abnehmer der Scooter gibt. Das Rennen ist eröffnet. Gaspedale klackern, Reifen wimmern, Gummiflanken knallen aneinander. Die Oma und ihr Enkel werden gerammt, dann nimmt der Kleine auch Kurs auf die anderen. Johlen, juchzen, jubeln. Jeder Treffer ein Lacher. Die andere Oma pflügt quer durch die Scooterfläche.

Berger hat sich mit Mundschutz am Rand aufgebaut und guckt zu. Solange die Besucher über das Gelände streifen, brauchen sie keinen Mundschutz, aber auf der Scooterbahn kommen sie sich oft näher als eineinhalb Meter. Das Schnarren kündet vom Ende der ersten Runde. Die Oma mit Enkel und der Mann mit dem Kleinkind bleiben sitzen, die anderen Scooter leeren sich. Der Eingang bleibt noch zu. Berger und sein Kollege wischen die Lenkräder mit Desinfektionsmittel ab. Vier neue Besatzungen warten schon.

Hygiene ist wichtig auf dem Rummel. Richard Bergers Kollege Benjamin Zange desinfiziert nach jeder Runde die Lenkräder der kleinen Flitzer.
Hygiene ist wichtig auf dem Rummel. Richard Bergers Kollege Benjamin Zange desinfiziert nach jeder Runde die Lenkräder der kleinen Flitzer. © Christian Juppe

Zwei Scooter schiebt Berger in die Ecke, damit sie nicht im Weg rumstehen. Das Klacken eines Gaspedals ist zu hören, Berger hebt den Kopf und ruft: „Ey, das kann kaputt gehen.“ Dass es der Mann mit dem Kind war, der ungeduldig aufs Gaspedal trat, weiß der Scooter-Chef ohne hinzugucken. „So ne Reparatur ist teuer.“ Noch ein Dudu mit dem Zeigefinger und der Mann senkt den Kopf. „Okay.“ Nicht nur Jugendliche schlagen beim Autoscooter gern mal über die Stränge. Wird es zu doll, kann Richard Berger die Stromzufuhr drosseln. Dann geht es nur noch ganz langsam.

Berger hat Erfahrung, seit 1995 ist er im Geschäft, seit 2008 hat er den Scooter und auf dem Rummel ist er sowieso schon sein Leben lang zu Hause. Die Ururoma war mit einem Kinderkarussell unterwegs, der Uropa mit einem und der Opa mit zwei Riesenrädern. Richard Bergers Eltern blieben dem bis 1990 treu, verkauften dann Süßwaren. „Es ist schon so, dass sich die Schaustellerei von Generation zu Generation weitervererbt, aber ich war zur Wende noch zu jung und mein Vater fühlte sich zu alt für die Investition in ein neues Riesenrad.“

Der junge Richard sollte Schmied lernen. Solche Fähigkeiten kann man im Schaustellergewerbe gut gebrauchen. Weil es in dem Bereich aber praktisch keine Lehrstellen mehr gab, lernte er Steuerfachgehilfe. Das hilft bis heute bei allem, was mit dem Finanzamt zu tun hat.

„Ey, fahr mal bissl ordentlicher“, brüllt er durch die dudelnde Popmusik. Bergers Blick ist nicht entgangen, dass ein Teenager alle rammen will. Die anderen sollen auch Spaß haben. Alle zahlen drei Euro für drei Minuten, es sei denn, es ist Donnerstag und Doppeldeckertag, oder Familientag. Dann gibt es für zehn Euro acht Chips.

Richard Berger hat die Chips für den Autoscooter vorbereitet. Die Fahrgäste können dafür nicht nur in bar, sondern ganz modern mit Karte oder Handy bezahlen.
Richard Berger hat die Chips für den Autoscooter vorbereitet. Die Fahrgäste können dafür nicht nur in bar, sondern ganz modern mit Karte oder Handy bezahlen. © Christian Juppe

Es schnarrt und die Scooter bleiben stehen. Wieder heißt es: Lenkräder desinfizieren, überzählige Wagen parken. Bergers große Tochter hat an der Kasse Platz genommen. Für die 14-Jährige ist es ein Ferienjob, für den Vater Familiennähe. Die jüngere Tochter ist zu Hause. Seine Frau half früher mit und arbeitet wieder als Krankenschwester. In der Nähe von Eilenburg hat die Familie ihr Haus. Berger ist mit dem Autoscooter in Sachsen und nicht bundesweit unterwegs, damit er sie sehen kann.

„Die Corona-Schutzmaßnahmen waren wie ein Berufsverbot“

Frühlingsfest, Vogelwiese, Herbstfest: Allein in Dresden ist er sonst drei Mal im Jahr für jeweils zwei Wochen. Er bespielt Leipzig und Umgebung, das Vogtland, die Sächsische Schweiz, das Elbland mit Radebeuler Weinfest oder Lorenzmarkt in der Nähe von Riesa. Manchmal buchen ihn Firmen. Sein einziges Engagement etwas weiter weg ist eine Art Oktoberfest eines bayerischen Möbelhauses in Köln.

Die Corona-Pandemie hat das Schaustellergewerbe hart getroffen. „Die Corona-Schutzmaßnahmen waren wie ein Berufsverbot.“ Beginnt die Saison sonst im März und geht bis zum Ende der Weihnachtsmarktzeit im Dezember, müssen Selbstständige wie Berger froh sein, dass in Dresden der erste Rummel des Jahres jetzt stattfindet. „Wir haben Glück, in anderen Bundesländern ist das komplett verboten.“ Es sei aussichtslos, die ausgefallenen Einnahmen auszugleichen. Berger hofft, dass er in diesem Jahr noch ein paar seiner Standard-Plätze besuchen kann.

Erst 2018 hat er die Scooterbahn neu gekauft. Eine Anlage wie seine kostet gut eine halbe Million Euro und wird in Tschechien produziert. Bei manchen Herstellern aus Westeuropa bekomme man dafür nicht mal die Zelthalle, sagt Berger.

Was, wenn das Schaustellergewerbe Corona nicht überlebt, Betriebe reihenweise in die Pleite schlittern? Was wären Stadt- und Dorffeste, Jahrmärkte oder die Kirmes ohne Schausteller und Fahrgeschäfte? „Die Finanzspritzen der Regierung helfen uns und vielen anderen in der Branche beim Überleben“, sagt Berger. „In Dresden sind wir nur ein Teil des Freizeitangebots, aber auf dem Dorf gehören wir zur Identität der Veranstaltungen.“ Dort kämen die Kinder immer wieder zum Scooter, während Eltern und Großeltern im Bierzelt sitzen.

Nur für Hartgesottene: das Fahrgeschäft "Flipper".
Nur für Hartgesottene: das Fahrgeschäft "Flipper". © Christian Juppe

Auf dem Dresdner Rummel gibt es jetzt eigentlich nur zwei Angstgegner. Das Virus und das Wetter. „24 Grad sind optimales Rummelwetter“, sagt Richard Berger. Momentan pendelt das Thermometer um die 30 Grad und höher. Da gehen die meisten lieber baden oder in den Schatten.

Berger sagt, er rechne und gucke, was er sich leisten kann. In den ersten 18 Jahren als Selbstständiger sei es schwierig gewesen, die „schwarze Null“ zu erreichen, die in der Branche schon als Gewinn gilt. Im Winter will er jetzt zusätzlich für eine Spedition Lkw fahren, statt sich nur um Wartung und Pflege des Autoscooters zu kümmern und ein paar Tage frei zu machen wie sonst.

Wieder schnarrt es. Dem Rentner Manfred Groß steht der Respekt ins Gesicht geschrieben, als es losgeht. Aber wie ein routinierter Autofahrer umklammert der 80-Jährige mit beiden Händen das Steuer, der zehnjährige Enkel Max darf mit der Linken mitlenken. Der Senior, das schlohweiße Haar zurückgekämmt, Mund und Nase von einer karierten Schutzmaske verdeckt, lässt es gemächlich angehen. Links, rechts, geradeaus. Runde um Runde versucht er, Kollisionen auszuweichen. Ein vielleicht zwölfjähriger Schüler und ein Pärchen um die 18 legen es darauf an, schneiden in die Kurvenfahrt hinein. Rumms. Enkel und Großvater werden durchgeschüttelt. Der Opa lacht, dann gibt er wieder Gas.

Autoscooter-Chef sein bedeutet auch Kraftsport. Die Wagen, die nicht gebraucht werden, müssen nach jeder Runde neu geparkt werden.
Autoscooter-Chef sein bedeutet auch Kraftsport. Die Wagen, die nicht gebraucht werden, müssen nach jeder Runde neu geparkt werden. © Christian Juppe

Zwei Minuten später rollen die Scooter aus. Der Enkel springt aus dem Wagen, der Opa braucht ein bisschen länger, bis er sich aus dem tiefen Sitz geschält hat, guckt dann prüfend an sich herab. „Ich hab mir das Knie aufgeschlagen.“ Aber es habe Spaß gemacht. „Das letzte Mal, dass ich in so einem Ding saß, ist vielleicht 60 Jahre her.“ In jenen fast vergessenen Zeiten bescherte ein Autoscooter männlichen Teenagern wohl ähnliche Erfolgserlebnisse in der Damenwelt, wie die schicken Motorräder junger Männer vor Straßencafés.

Am Eingang des Scooters tummeln sich jetzt ein paar Jugendliche, die auf diese Effekte zu setzen scheinen, ein rares Phänomen auf dem Rummel im Digitalzeitalter. „Setzt eure Masken auf, okay“, sagt Richard Berger mit väterlichem Ton und grinst. Die Mädchen kichern und folgen, auch die Jungs halten sich daran. Es geht höflich zu. Bis das laute Schnarren ertönt. Gas, scharf einlenken, Kurve schneiden, rumms. Aus dem Kichern wird lautes Lachen, hier und da Triumphgeheul. Im wirklichen Leben wäre das ein Unfall nach dem anderen.

Sicherheit beim Umgang mit Schusswaffen: Auch an den Schießbuden sieht man Menschen mit Mund-Nasen-Masken.
Sicherheit beim Umgang mit Schusswaffen: Auch an den Schießbuden sieht man Menschen mit Mund-Nasen-Masken. © Christian Juppe

Vielleicht gewinnt der klassische Rummel gerade in Corona-Zeiten neue Attraktivität. Nicht nur beim Autoscooter oder bei romantischen Runden im Riesenrad. Wo kann man schon ganz undigital echte Plastikringe auf Kegel schmeißen und damit Plüschtiere gewinnen, mit dem Luftgewehr auf Zielscheiben schießen oder Karussell fahren? „Viele können in diesem Jahr wegen Corona nicht in den Urlaub fahren, so ein Rummelplatz bringt da auch ein bisschen Abwechslung“, sagt Berger.

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Zur blauen Stunde wird es noch richtig voll. Die Lampen des Rummels leuchten und glitzern um die Wette, die Endlosschleifen wetteifern um Gehör, und der Duft von Zuckerwatte, Pommes und Bratwurst liegt in der Luft. Die Senioren sind weg. Die Jugend und ein paar Familien dominieren den Platz, der langsam an seine Belastungsgrenze kommt. Bergers Scooter sind ausgebucht. Desinfizieren, umparken, schnarren, ermahnen. Er ist zufrieden, es war ein guter Tag auf dem Rummel. Und morgen geht alles wieder von vorn los.

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