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"Bei Gewalt müssen wir eingreifen"

Die Dresdner Jugendamtsleiterin Sylvia Lemm über anonyme Meldungen, unbesetzte Stellen und die Situation in den Familien während des Corona-Lockdowns.

Im SZ-Interview spricht Jugendamtsleiterin Sylvia Lemm über Pflegefamilien und wie es mit der Amtsleitung weitergeht.
Im SZ-Interview spricht Jugendamtsleiterin Sylvia Lemm über Pflegefamilien und wie es mit der Amtsleitung weitergeht. ©  Foto: Sven Ellger

Frau Lemm, immer wieder wurde darüber gesprochen, wie schwer die Situation für Kinder in der Corona-Krise ist. Vor allem für Kinder aus Familien, in denen Gewalt, Überforderung oder Drogen eine Rolle spielen. Wie oft musste das Jugendamt eingreifen?

Keine Frage, das Jugendamt war neben dem Gesundheitsamt und der Kita eines der meist geforderten Ämter. Aber die Konflikte waren insgesamt in den Familien geringer als befürchtet.

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Laut Medizinern gab es aber in Dresdner Kliniken einige Kinder, die nach Gewalttaten behandelt werden mussten.

Natürlich mussten wir auch eingreifen und Kinder in Obhut nehmen. So haben wir im März und April dieses Jahres 66 Kinder und Jugendliche aus ihren Familien nehmen müssen.  

Warum mussten Sie diesen Schritt gehen?

Kinder aus den Familien nehmen ist immer der allerletzte Schritt, vorher laufen meist ambulante Hilfen für die Eltern. Doch wenn Probleme wie Überforderung, Gewalt, Missbrauch oder Drogen-und Alkoholsucht überhand nehmen und keine Lösung zu finden ist, müssen wir eingreifen. 

Wie sind Sie auf problematische Fälle aufmerksam geworden? Schulen und Kitas als Instanzen fielen im Lockdown ja größtenteils weg.

Das stimmt, viele Meldungen auf Kindeswohlgefährdungen kommen normalerweise von dort. In der Corona-Zeit kamen die Meldungen vor allem anonym oder aus der Nachbarschaft.

Und wie viele Meldungen liefen ein?

Es kamen dieses Jahr von Januar bis Mai 865 Verdachtsmeldungen auf Kindeswohlgefährdung bei uns an. Zum Vergleich: Im gleichen Zeitraum 2019 waren es 700.

Also schon eine deutliche Steigerung. In wie vielen Fällen ist an den Meldungen auch etwas dran?

Grundsätzlich prüfen wir jede Meldung einer möglichen Kindeswohlgefährdung ab. Unsere Mitarbeiter schätzen dann ein, ob das Wohl des Kindes gefährdet ist, oder ob die Familie beispielsweise einfach nur etwas Unterstützung bei der Erziehung benötigt. Bei den meisten Meldungen kann man sagen, dass diese nicht unbegründet sind. Mit der Öffnung der Schulen und Kitas wurden sie natürlich auch wieder qualifizierter, da diese Mitarbeiter einen geschulteren Blick haben.

Wenn der Schul- und Kitabesuch so wichtig gerade bei schwierigen Familien ist, warum hat die Stadt dann nicht für diese Kinder die Notbetreuung geöffnet?

Das haben wir in einigen Fällen getan. Wie gesagt, das Kindeswohl steht immer an erster Stelle. Wenn wir gemerkt haben, zu Hause fehlen Strukturen wie Essen und Fürsorge und das Kindeswohl war durch die Situation der weggebrochenen Kita gefährdet , haben wir den Kindern in einzelnen Fällen den Besuch von Schule Hort oder Kita in der Notbetreuung ermöglicht.

Nimmt das Jugendamt die Kinder in Obhut, landen sie, wenn keine Bereitschaftspflegefamilie Platz hat, im Kinder-und Jugendnotdienst. Von dort berichteten wir zuletzt von akutem Personalmangel. Wie ist die Situation aktuell?

Wir sind natürlich auch von einer allgemeinen Fluktuation betroffen.

Also haben Sie nach wie vor unbesetzte Stellen?

Ja, das stimmt. Derzeit habe ich im Kinder- und Jugendnotdienst II insgesamt vier unbesetzte Stellen. Wir suchen stetig qualifiziertes Fachpersonal und haben deshalb eine Dauerausschreibung laufen.

Immer wieder gibt es von Stadträten die Kritik, die Kinder würden zulange, teilweise mehrere Monate, im Kinder-und Jugendnotdienst bleiben müssen. Warum ist das so?

Uns fehlen Plätze bei der Familiären Bereitschaftsbetreuung. Aktuell haben wir 17 Plätze plus bei Notfallplätze bei Familien, die sofort ein Kind nach einer Inobhutnahme aufnehmen könnten. Ich bräuchte dringend drei mehr, damit Kinder nach der Inobhutnahme wieder in ein familiäres Umfeld kommen.

Wenn Sie also jetzt akut ein Baby oder Kleinkind aus seiner Familie nehmen müssten, würde es im Notdienst untergebracht werden?

Ja, so ist es leider. Uns fehlen Familien, obwohl wir Kampagnen fahren und regelmäßige Infoabende haben.

Warum ist es so schwer, neue Familien zu finden, müsste das Jugendamt mehr zahlen?

Nein, am Geld liegt es nicht. Das wird uns immer wieder gespiegelt und wir haben die Bezahlung schon aufgestockt. Es ist einfach auch eine herausfordernde Aufgabe. 

In den vergangenen Jahren gab es in Dresden immer wieder Fälle, bei denen Kinder, die bei ihren Vätern zum Umgang waren, von diesen ermordet wurden. Warum  kann das Jugendamt da nicht eingreifen?

Wie der Umgang bei getrennt lebenden Eltern geregelt wird, ist Sache des Familiengerichtes. Wir können da nur beratend zuarbeiten, treffen aber keine Entscheidungen. 

Sie sind aktuell kommissarische Leiterin des Jugendamtes nach der Pensionierung von Claus Lippmann. Wann ist die Suche nach einem Leiter abgeschlossen und haben Sie sich beworben?

Der Prozess läuft noch. Und ob ich mich beworben habe, wissen noch nicht einmal meine Mitarbeiter. 

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