merken
PLUS Dresden

Kinos: "Unsere Überlebenszeit ist begrenzt"

Die Leiterin des Dresdner Ufa-Palastes spricht über die schwierige Lage des Kinos, verschobene Film-Premieren und den Ausschluss vom Soforthilfe-Programm.

Der Corona-Lockdown könnte auch die Zukunft des Ufa-Kristallpalasts in Dresden gefährden.
Der Corona-Lockdown könnte auch die Zukunft des Ufa-Kristallpalasts in Dresden gefährden. © Christian Juppe

Dresden. Es sollte ein mitunter düsterer, aber durchaus spannender Film-Sommer werden: Der Agententhriller „James Bond – keine Zeit zum Sterben“, der Superhelden-Streifen „Black Widow“, die Top Gun-Fortsetzung mit Tom Criuse oder der zweite Mulan-Film hätten die Kinos über Monate gefüllt. Doch die Corona-Krise stoppte alles, auch die Premieren. 

Zwar dürfen die Kinos inzwischen wieder öffnen. Die großen Studios haben ihre Blockbuster aber bis heute nicht auf die Leinwände gebracht. Für viele Filmfans gibt es also kaum einen Grund, sich gerade jetzt in dunklen, fensterlosen Sälen abzuschotten. Der Ufa-Kristallpalast im Herzen Dresdens sieht seine Zukunft gefährdet.

Anzeige
Ferientipps für Sachsen
Ferientipps für Sachsen

Da ist sie, die schönste Zeit des Jahres - die Sommerferien! Wir haben die Freizeittipps für Familienausflüge in Sachsen und Umgebung.

„Wir sind leider abhängig von der Lage in den USA und Asien“, sagt Theaterleiterin Katharina Steinhäuser. Solange es dort Öffnungseinschränkungen gebe, solange würden auch im Rest der Welt keine großen Filme veröffentlicht und beworben. Was das für die Filmtheater bedeutet? „Damit ein Kino überleben kann, braucht es mindestens sechs große Filme pro Jahr mit sehr gut gefüllten Sälen – für 2020 sind wir derzeit bei null“, so Steinhäuser.

"Wir verlieren mehr Geld mit der Öffnung als bei Stillstand"

Weniger Einnahmen auf der einen Seite, Ausgaben für Personal und Pacht auf der anderen – wie lange kann das gut gehen? Vom Corona-Hilfsprogramm des Landes Sachsen für Kinos hat der Kristallpalast jedenfalls nicht profitiert, genauso wenig die anderen großen Häuser in Dresden, darunter das Cinemaxx in Blasewitz.

Zwar verkündete die Landesregierung vor drei Wochen, der Freistaat stelle den Kinos insgesamt 1,5 Millionen Euro für Personal, Miete und Versicherungen zur Verfügung. Wer bis zu fünf Beschäftige habe, könne bis zu 9.000 Euro erhalten, größere Kinos bis zu 15.000 Euro. „Viele Kinos waren länger als ein Vierteljahr geschlossen. Sie öffnen jetzt in der traditionell besucherschwächsten Zeit und können ihre Sitzplatzzahlen nur sehr eingeschränkt auslasten“, sagte Staatskanzleichef Oliver Schenk. „Mit unserem Programm wollen wir die Kinos in dieser für sie schweren Zeit unterstützen und damit auch einen Beitrag für den Film- und Medienstandort Sachsen leisten.“ Dass die Soforthilfe alle Kinos mit mehr als sechs Leinwänden ausschließt, stand allerdings nicht in der Mitteilung. Darüber klärte erst die Sächsische Aufbaubank auf ihrer Seite auf. Der Kristallpalast hat acht Säle.

„Weder gab es Unterstützung für die Jobsicherheit unser vorwiegend studentischen Teilzeitmitarbeiter noch – und viel wichtiger – gibt es eine Verpflichtung von Vermietern, bei Stillstand eine Einigung treffen zu müssen“, sagt die Kristallpalast-Leiterin. „Quintessenz: Wir verlieren derzeit mit der Öffnung des Hauses mehr Geld als bei Stillstand.“ Dennoch habe sich die Betreiberfamilie gewünscht, das Filmtheater zu öffnen, um Kino am Leben zu erhalten. Über die genaue finanzielle Lage will Katharina Steinhäuser keine Auskunft geben. Aber: „Sie können sich sicher anhand unserer Innenstadtlage und der Größe des Objektes vorstellen, dass sich unsere Miete und die Nebenkosten in Größen bewegen, die sich über die letzten Monate gesehen im oberen sechsstelligen Bereich bewegen.“

Wird ohne Mindestabstand das Vertrauen verspielt?

Sicherlich, volle Kinos wären für die Dresdner Betreiber ein Lichtblick. Immerhin haben die Studios angekündigt, viele Premieren im Herbst nachzuholen. James Bond soll im November erscheinen, Black Widow bereits Ende Oktober. Die Chancen stünden also gut. Ob es derzeit wirklich nur an Filmneuheiten mangelt, da ist sich Katharina Steinhäuser nicht so sicher. Denn nach wie vor müssen Kinobesucher wegen der Corona-Pandemie Hygieneregeln einhalten. Dazu gehört die Angabe von Namen und Kontaktdaten, um im Falle eines infizierten Besuchers die anderen Gäste informieren zu können, die ebenfalls im Saal saßen. Dies ermöglicht wiederum, auf den Mindestabstand im Kinosaal zu verzichten. 

Eine Kann-Regelung, die von der Landesregierung beschlossen wurde. Der Kristallpalast will vorerst lieber die Abstandregelung beibehalten. Aufgrund der verhaltenen Nachfrage könne man ohne Probleme Sitze zwischen den Gästen freihalten, so Steinhäuser. Aber: „Es besteht die Frage: Verlieren wir mit der verpflichtenden Abgabe personenbezogener Daten mehr Gäste und/oder verliert der Gast das Vertrauen in die Sicherheit, wenn im Saal der Abstand von 1,50 Meter nicht zwingend eingehalten werden muss?“ Der Kristallpalast überarbeite derzeit das Hygienekonzept. Spätestens Ende August, wenn der Science-Fiction-Action-Spionage-Film „Tenet“ starte, wolle man Änderungen vornehmen.

Katharina Steinhäuser hofft auf weitere Premieren im Herbst und im Winter, trotz schlechter Nachrichten aus Hollywood: So ist der Start von „Mulan“ auf unbestimmte Zeit verschoben worden und Top Gun 2 soll nun erst im Sommer nächsten Jahres in die Kinos kommen. „Auch unsere Überlebenszeit ist begrenzt“, so die Kino-Leiterin. „Je mehr Filme ins nächste Jahr verschoben werden oder gleich auf den Streamingportalen landen, um so mehr wird diese Zeit verkürzt.“ 

Weiterführende Artikel

So geht's den Dresdner Programmkinos

So geht's den Dresdner Programmkinos

Seit 18. Juli dürfen Filmfans wieder enger in den Sälen sitzen, der Freistaat unterstützt die Betreiber finanziell. Hilft das den kleineren Kinos?

Filmnächte werden verlängert

Filmnächte werden verlängert

OB Dirk Hilbert ist damit einverstanden, dass in diesem Jahr länger Filme im Open-Air-Kino gezeigt werden.

Großes Kinosterben befürchtet

Großes Kinosterben befürchtet

Es muss Umsatz gemacht, sonst geht die Kinolandschaft verloren. Doch es gibt noch ein viel größeres Problem.

Nachrichten und Hintergründe zum Coronavirus bekommen Sie von uns auch per E-Mail. Hier können Sie sich für unseren Newsletter zum Coronavirus anmelden.

Abonnieren Sie unseren kostenlosen Newsletter "Dresden kompakt" und erhalten Sie alle Nachrichten aus der Stadt jeden Abend direkt in Ihr Postfach.

Mehr Nachrichten aus Dresden lesen Sie hier.

Mehr zum Thema Dresden