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Kinder an der Macht: So ist es in der Kitrazza

Nix für Erwachsene! Das ist die wichtigste Regel in der Kindertraumzauberstadt in Dresden. Trotzdem durften wir Gäste sein - und sehen, was sonst keiner sieht.

Emilia begleitet Besucher durchs große Kitrazza-Tor und durch ihre Stadt. Die Zehnjährige hat hier eine besondere Aufgabe gefunden.
Emilia begleitet Besucher durchs große Kitrazza-Tor und durch ihre Stadt. Die Zehnjährige hat hier eine besondere Aufgabe gefunden. © Marion Doering

Dresden. Staubige Hitze vor der Stadtmauer. Die Sonne brennt auf die Brache zwischen Haus der Presse und Kongresszentrum an der Elbe. Gähnende Leere im Erwachsenengarten. Dort stehen Tische und Bänke für seltene Besucher. Fehlen nur Mundharmonikaklänge wie im Western.

Umso lebendiger geht es jenseits des märchenhaften Tores zu diesem abgesperrten Areal zu. Durch die Bauzäune ringsum dringen fröhliche Kinderstimmen. Klopfgeräusche und Akkuschraubergesumm sind zu hören. Emilia packt mit festem Griff die beiden eisernen Torflügel am Eingang zur Kindertraumzauberstadt und drückt sie auf: "Bist du die Presse?", fragt die Zehnjährige.

Familie
Vater, Mutter und Kinder
Vater, Mutter und Kinder

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Eigenheim mit Dachterrasse

Hier begrüßt zu werden, ist gar nicht so leicht. Das oberste Gesetzt der "Kitrazza" lautet: Nix für Erwachsene! Um die Stadt der Kinder besuchen zu dürfen, braucht es einen offiziellen Antrag. Der nimmt dann den gleichen Weg wie die Fragen: Sind Haustiere in der Kitrazza erlaubt? Wollen wir in der Kitrazza Musik hören? Soll es eine Zirkusvorstellung geben? Weil das wichtige Dinge sind, die das Leben in der Kinderstadt und alle ihre Bewohner betrifft, führt Emilia Delegationen zuerst in ein großes, rundes, gelb-weiß gestreiftes Zelt inmitten des Platzes.

Anna und Hong (v.l.) sind gerade in ihr Eigenheim mit Sonnendeck eingezogen. Ein kleiner Garten gehört auch dazu. Dass ihre Nachbarn noch laut hämmern, stört die beiden nicht.
Anna und Hong (v.l.) sind gerade in ihr Eigenheim mit Sonnendeck eingezogen. Ein kleiner Garten gehört auch dazu. Dass ihre Nachbarn noch laut hämmern, stört die beiden nicht. © Marion Doering

"Das ist unser Raz", erklärt sie, "Hier besprechen wir alle Wünsche, die Kinder einreichen." In der täglichen Razversammlung diskutieren die Mädchen und Jungen im Alter von sieben bis zehn Jahren darüber, was sie von einem Anliegen halten und stimmen darüber ab. Manchmal entscheiden sie auch über Anträge von außen, wie, wenn Reporter von Zeitungen, Rundfunk oder Fernsehsendern ihre Stadt besuchen wollen. Oder falls Eltern es vor Neugierde nicht aushalten und unbedingt sehen wollen, was ihre Kleinen da eigentlich machen.

Die beweisen jeden Tag, dass sie groß genug sind, sich genau zu überlegen, wie Menschen am besten zusammenleben können. Das beginnt mit Regeln, auf die sich alle einigen. Auf einem Plakat im Razsaal sind sie nachzulesen: Neben dem Grundsatz "Erwachsene haben keinen Zutritt!" gilt: Auf Stopp hören! Nicht klauen! Nicht verletzen - weder innerlich, noch äußerlich, noch die Natur! Die Regeln sind zu beachten, sie können im Raz aber auch verändert oder ergänzt werden.

Kiosk direkt am Pool

Zum Beispiel durch ein Handyverbot. "Wir haben beschlossen, dass niemand in der Kitrazza das Handy benutzt." Nur außerhalb seien dringende Telefonat mit den Eltern erlaubt, erzählt Emilia. "Wir wollen hier unsere Stadt aufbauen und nicht dauernd abgelenkt sein." Schwierige Sache jedoch, wenn sich Kinder Musik wünschen. Die CD ist von gestern und für Spotify oder Youtube braucht es keinen Player, sondern Handy plus Lautsprecher. "Es gab viele Argumente dafür und dagegen, aber zum Schluss haben wir beschlossen, dass zum Musikhören Handys okay sind."

Einmal Saft und Wasser bitte! Fabian (2.v.l.) bietet in seinem Laden Getränke an und hat immer die Bude voll. Melissa, Tamara und Henry (v.l.) sind bei dieser Hitze treue Kunden.
Einmal Saft und Wasser bitte! Fabian (2.v.l.) bietet in seinem Laden Getränke an und hat immer die Bude voll. Melissa, Tamara und Henry (v.l.) sind bei dieser Hitze treue Kunden. © Marion Doering

Nicht okay fanden die allermeisten Kinder den Vorschlag, einen Bürgermeister zu wählen. Emilia begründet es so: "Das hätte bedeutet, dass jemand über uns bestimmt. Wir wollen aber lieber selber Boss sein." Dabei haben die rund 80 Kinder schnell begriffen, dass es hier nicht um Anarchie geht. Ihre Kitrazza-Gesetze empfinden sie als Basis für all die Freiheit innerhalb ihrer Stadtgrenzen. Die haben sie sogar gemessen: Rund 270 Meter lang ist die Bauzaunmauer.

Im Rahmen dieser kleinen Welt wird emsig gebaut. Der beliebteste Baustoff - Europaletten - findet rasend Absatz. "Zum Glück haben wir uns gleich am ersten Tag genug Paletten geholt", erzählen Hong und Anna, die sich unter einem Baum ihr Haus mit Dachterrasse, Gardinen, Klingel und Namensschildern gezimmert haben. Eigenheime sind sehr beliebt. Überall entstehen Buden, zum Teil mehrgeschossig, wie die von Ypu und Friedrich. Besonders stolz sind sie auf ihr neues Sonnensegel auf dem Dach. Drinnen haben sie es sich mit Decken und Kissen gemütlich gemacht. Damit alle Häuschen stabil genug sind, erklären sogenannte "Kimas" den Kindern, worauf sie beim Konstruieren und Verschrauben achten müssen. Insgesamt 20 erwachsene Begleiter stehen als Helfer bereit, darunter viele Pädagogen und Sozialarbeiter, zudem Ehrenamtliche mit anderen Berufen.

Nichts geht ohne Paletten und Arbeitsschutz

Ihr Einsatz ist auch beim Poolbau gefragt. Eine Kindergruppe hat den Rohbau fertig, nun muss eine riesige Plane eingezogen werden. Reicht der Schlauch überhaupt bis zum Hydranten? "Hoffentlich können wir den Pool heute noch einweihen", ruft ein Junge. Morgen erst fände er schlecht, denn das ist schon sein letzter Tag in der Kitrazza.

Sicherheit wird in der Kitrazza groß geschrieben. Wer bauen will, muss auf viele Dinge achten. Nicht nur auf die Statik der Holzhäuschen, sondern auch auf Lärmschutz, so wie Emil und Egon.
Sicherheit wird in der Kitrazza groß geschrieben. Wer bauen will, muss auf viele Dinge achten. Nicht nur auf die Statik der Holzhäuschen, sondern auch auf Lärmschutz, so wie Emil und Egon. © Marion Doering

Insgesamt drei Wochen lang veranstaltet die Outlaw Kinder- und Jugendhilfe mit Unterstützung der Stadt Dresden, der Bürgerstiftung und dem Deutschen Kinderhilfswerk dieses Ferienprogramm. Eine Woche länger als sonst. Grund sind die Corona-Bestimmungen, nach denen nicht 150 Kinder pro Woche, sondern nur 80 das Gelände nutzen dürfen.

Neben dem neuen Badebecken hat Fabian schon seinen kleinen Kiosk eröffnet. Dort bietet er "Getrengke" an, Wasser und Saft in bunten Bechern. Um Kundschaft muss er sich nicht sorgen, die Kinder lieben seinen Laden. Ebenso wie das Kunstatelier, das versteckt in einer Ecke steht. Erst haben dort die Inhaberinnen Bilder und Perlenschmuck nur ausgestellt. Als Kinder die Dinge kaufen wollten, war guter Rat teuer. Wie handeln, ohne Geld? Schließlich gaben sie ihre Kunst gegen eine guten Witz her.

Viel mehr als ein Abenteuerspielplatz

Emilia bestätigt: Geld spielt in der Kitrazza keine Rolle. Das ist alles so anders, als sie es aus dem normalen Leben kennt. "Mein Papa hat mich einfach angemeldet, und ich habe mir so etwas wie einen großen Kletterpark vorgestellt." Anfangs wusste sie nicht recht, was sie von morgens um neun bis nachmittags um drei anfangen soll. Weder mit Holz zu bauen noch im Kreativzelt zu basteln, interessiert sie besonders. 

Doch dann entdeckte Emilia Fotokameras, die die Kinder benutzen dürfen. Seitdem ist sie im Raz, im Zirkuszelt, auf dem Bau, in den Werkstätten, auf der Krankenstation und in der Küche als Fotoreporterin unterwegs. Überall dort dokumentiert sie, wie die Kindertraumzauberstadt entsteht, sich verändert und viel mehr ist, als nur ein Abenteuerspielplatz. 

Verschnaufpause. Ypu und Friedrich haben sich die Mittagsruhe verdient. Ihr Haus hat drei Etagen und ein Sonnensegel auf dem Dach. Die Kinder dürfen nach Anleitung echte Werkzeuge benutzen.
Verschnaufpause. Ypu und Friedrich haben sich die Mittagsruhe verdient. Ihr Haus hat drei Etagen und ein Sonnensegel auf dem Dach. Die Kinder dürfen nach Anleitung echte Werkzeuge benutzen. © Marion Doering

Für die beiden ersten Augustwochen gibt es in der Kitrazza noch freie Plätze.

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