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Klimasünde Kinderkriegen

Warum eine 32-jährige Dresdnerin für sich entschieden hat, dass sie keine Nachkommen in diese Welt setzen will.

Theresa hat sich für ein Leben ohne KInder entschieden.
Theresa hat sich für ein Leben ohne KInder entschieden. © Sven Ellger

Im Internet hat Theresa* schon immer gern provoziert. In ihren Beiträgen geht es ums Fahrradfahren, Klima schützen, Nazis ärgern. Doch ihre Provokationen laufen ins Leere. Das ändert sich ausgerechnet, als sie auf Twitter mit einer ganz persönlichen Entscheidung um die Ecke kommt. Theresa möchte keine Kinder bekommen. Ihre Begründung: Der Klimawandel. Ihr Tweet beginnt in rechten Netzwerken die Runde zu machen.

Warum sie genau mit dieser Aussage einen wunden Punkt getroffen hat, kann sich die 32-jährige gar nicht so richtig erklären. „Ich bin blond, aber nicht blauäugig. Vielleicht war das der Grund“ , mutmaßt Theresa augenzwinkernd. „Weil, wenn ich mich nicht vermehre, wo sollen denn dann die ganzen Deutschen herkommen.“ Auf den ersten Blick macht die Dresdnerin einen distanzierten Eindruck, dabei steckt in ihr ein ungeahnter Idealismus, wenn es um Themen geht, die ihr am Herzen liegen oder um ihren Traumberuf.

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Eine Passion, von der sie noch nicht leben kann und so arbeitet sie halbtags in der Gastronomie, um sich in der restlichen Zeit als Musikwissenschaftlerin auf die Spuren alter Komponisten begeben zu können. Mit Anfang zwanzig zog sie dafür aus dem Spreewald nach Dresden. Eigentlich nur für ihr Studium, aber sie verliebte sich sofort in die geschichtsträchtige Stadt. „Ich brauche nur vor die Tür zu gehen und bin da, wo meine Lieblingskomponisten früher gelebt haben – das ist wunderschön.“ In der Stadt ist sie am liebsten allein unterwegs. Wenn Theresa so erzählt, muss sie selbst ein bisschen schmunzeln. „Ehrlich gesagt, lebe ich fast ein bisschen zu viel in der Vergangenheit.“ Dabei hat Theresa konkrete Vorstellungen von ihrer Zukunft – eben ganz ohne Kinder. Daran gibt es für sie keinen Zweifel.

Gründe hat sie einige. „Ganz entscheidend ist dabei der Zustand unseres Planeten. Wenn ich nur davon lese, wird mir schon schlecht. Das könnte ich einem Kind nicht antun.“ In erster Linie meint sie das Klima, Hitzeperioden und die Kreislaufzusammenbrüche, unter denen sie jetzt schon leidet. „Eigentlich bin ich eine Optimistin, trotzdem hab ich in diesem Punkt das Gefühl, dass es einfach nicht besser wird“, erzählt Theresa, „Unsere Kinder wird das noch viel härter treffen.“ Davon hängt auch ihr zweites großes Argument gegen das Kinderkriegen ab. Die zurückhaltende Dresdnerin beschreibt es selbst als „übertriebenes Gluckendasein“. „Wenn ich sehe, was auf der Welt so los ist, da würde ich das Kind am liebsten in ein Zimmer sperren, um es zu beschützen.“ Dass das keine Basis für eine Mutterschaft ist, weiß sie selbst. Im Gegensatz zu anderen ziehe sie jedoch schon vorher die Konsequenzen daraus .

Auch vor Bekannten muss sie sich dafür immer wieder rechtfertigen. „Wenn das Thema nur aufkommt, werde ich komisch beäugt und wie eine Außenseiterin behandelt.“ Die Reaktionen fallen dabei sehr unterschiedlich aus, erzählt Theresa. Von reiner Verwunderung bis zu interessierten Nachfragen sei alles dabei. Dabei sei es doch ganz einfach. Jeder Säugling braucht Windeln, später ein Smartphone und irgendwann ein Auto, bekommt selbst Kinder, die auch wieder Windeln brauchen und so weiter. Das alles aufgewogen, mache Kinderkriegen zum Klimakiller Nummer eins, bestätigt eine Studie, die letzten Herbst die Runde macht. Ein Kind weniger zu bekommen, habe eine 25 Mal größere Auswirkung auf den CO2-Verbrauch, als ein autofreies Leben.

Auch immer mehr Prominente gehen fürs Klima in den Geburtenstreik. Seit Ende März gehört auch die britische Popsängerin Blythe Pepino dazu und in Deutschland wirbt eine Lehrerin in diversen Talkshows dafür. Theresa bewundert diese Menschen. „Es ist ganz schön mutig, sich vom Mainstream abzuwenden und sein eigenes Ding zu machen.“ Doch das Thema sei zu emotional, um darüber richtig zu diskutieren. Am verletztesten sei es, wenn sie überhaupt nicht ernst genommen werde. „Da fallen Sprüche wie: ‚Warte nur ab, irgendwann findest du den Richtigen, dann wirst du deine Meinung schon noch ändern.‘“

Nein, wird sie nicht. Seit vier Jahren steht das Thema für sie nicht mehr zur Debatte. Das änderte sich auch nicht, als sie den „Richtigen“ kennen lernt. „Über so einen fehlenden Kinderwunsch muss man natürlich früh sprechen“, sagt sie, „selbstverständlich war es eine große Erleichterung, zu wissen, dass wir in diesem Punkt das gleiche wollen.“ Wenn auch aus unterschiedlichen Gründen. Theresas Partner ist ein bisschen älter als sie und bereits glücklicher Vater.

Doch Theresa hat für sich ihren ganz eigenen Sinn des Lebens gefunden: „Es ist nicht die Arbeit alleine, es ist die Liebe. Das ist mir jetzt ganz klar geworden. Und die habe ich mit meinem Partner gefunden“, erzählt sie strahlend. Auch wenn für ihren Partner Kinderkriegen ein wichtiger Bestandteil des Lebens ist, kann er Theresas Sichtweise nachvollziehen. „Das gilt übrigens für alle Menschen, die mich besser kennen.“ Echte Freunde und ihre Eltern stehen da voll hinter ihr. „Meine Mutter hätte sich zwar gefreut, wenn ich ihr Enkel geschenkt hätte, aber sie kann es in jeder Hinsicht verstehen.“

* Name von der Redaktion geändert

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