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Schlechte Kopfnoten, kein Job?

Über die Notwendigkeit der Zensuren wird in Dresden derzeit heftig diskutiert. Wie wichtig sind sie für die Betriebe? Wir haben nachgefragt.

Mit dem Zeugnis bewirbt man sich um Ausbildungs- oder Arbeitsplätze. Schauen die künftigen Arbeitgeber dabei auch auf die Kopfnoten?
Mit dem Zeugnis bewirbt man sich um Ausbildungs- oder Arbeitsplätze. Schauen die künftigen Arbeitgeber dabei auch auf die Kopfnoten? © Sven Ellger

In Betragen nur eine 4, in Mitarbeit eine 3 und in Ordnung und Fleiß jeweils eine 2 – mit diesen Kopfnoten bangte es einem sächsischen Schüler so sehr vor Bewerbungsgesprächen, dass er vor Gericht zog. Mit Erfolg: Das Verwaltungsgericht Dresden erklärte die Bewertung für unzulässig, weil sie nicht im sächsischen Schulgesetz verankert ist. Das Landesamt für Schule und Bildung ging zwar in Berufung. Doch der Schüler durfte sich ohne Kopfnoten bewerben. Doch sind den Ausbildungsbetrieben die Kopfnoten wirklich so wichtig?

Einer der viel Wert auf diese Zensuren legt, ist Thomas Gaier. Er ist Chef vom Schloss Eckberg sowie der Dresdner Hotel-Allianz. Die Gerichtsentscheidung macht ihn „fassungslos“, wie er sagt. „Wir sind nun mal eine Leistungsgesellschaft und kein Kindergarten“, so Gaier.

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Auch Infineon, mit 2.700 Mitarbeitern eines der großen Dresdner Unternehmen, legt großen Wert auf Kopfnoten. Besonders Fleiß und Betragen seien dem Unternehmen sehr wichtig, sagt der Dresdner Sprecher Christoph Schumacher. „Für uns sind sie wichtig, weil neben guter Leistung auch angemessenes Verhalten ein prägender und wichtiger Aspekt unserer Unternehmenskultur ist“, erklärt er. Infineon habe sich daher in einigen Fällen bereits für Bewerber entschieden, die in Mathematik schlechtere Zensuren, dafür aber bessere Kopfnoten hatten. „Nach unserer Erfahrung ist es häufig leichter, fehlendes Wissen zu erwerben, als unangemessenes Verhalten zu korrigieren“, so Schumacher.

"Abschaffung würde Auswahl nicht erleichtern"

Die Kopfnoten seien ein gutes Kriterium für die Vorauswahl der Bewerber, sagt der Sprecher der Dresdner Verkehrsbetriebe (DVB), Falk Lösch. „Wenn die Kopfnoten abgeschafft werden, gibt es nur noch die Fachzensuren. Von denen wissen wir, dass die Schulen oft sehr unterschiedliche Bewertungskriterien haben“, so Lösch. „Diese Noten sagen auch nichts über den Aufwand oder den Fleiß, mit dem diese Note erzielt wurde. Grundsätzlich würde uns die Abschaffung der Kopfnoten die Auswahl nicht erleichtern.“

Weniger Wert auf die Kopfnoten legen die Stadtwerke Drewag. Trotzdem sollten keine schlechteren Zensuren als eine 3 auf dem Zeugnis stehen, wenn man bei dem Unternehmen arbeiten möchte. „Wichtiger sind uns aber absolvierte Praktika zur Berufsorientierung und die da erreichten guten Einschätzungen“, sagt Sprecherin Gerlind Ostmann. Im Auswahlverfahren gibt es dann Tests, Gespräche und kleine Arbeitsproben, die Aufschluss über die Eignung der Kandidaten geben. Für Ostmann gibt es eine Alternative zu den Zensuren, die derzeit für Betragen, Fleiß, Ordnung und Mitarbeit vergeben werden: „Die Kopfnoten könnten auch durch verbale Einschätzungen gut ersetzt werden“, sagt sie.

Probetag statt Kopfnoten

Für die Dresdner Stadtverwaltung spielen Kopfnoten fast keine Rolle. Denn Abiturienten haben keine, Bewerber aus anderen Bundesländern oft keine vergleichbaren Zensuren, erklärt Stadtsprecher Karl Schuricht. Sofern Kopfnoten in Schulzeugnissen vorhanden sind, seien sie in Einzelfällen geeignet, nach besonderen Hintergründen für die Noten zu fragen und daraus gelegentlich Rückschlüsse zu ziehen.

Eine Branche, die derzeit vom Fachkräftemangel gebeutelt ist, ist das Bäckerhandwerk. Für Elisabeth Kreutzkamm-Aumüller, Geschäftsführerin des Dresdner Backhauses, ist deshalb ganz klar, dass Kopfnoten kein Kriterium für eine Bewerberauswahl sein können. Doch schon vor der Krise hat die Unternehmensleiterin nicht viel Wert auf diese Zensuren gelegt. „Uns ist es wichtiger, dass der Auszubildende für seinen Beruf brennt“, sagt Kreutzkamm-Aumüller. 

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Die Bewerber werden daher meist zu einem Probetag eingeladen. „Da sieht man dann viel besser, ob die Leute geeignet sind.“ Zudem werden im Dresdner Backhaus viele Flüchtlinge ausgebildet, die keine Kopfnoten vorweisen können. Als Mutter von vier Kindern weiß Kreutzkamm-Aumüller außerdem aus persönlicher Erfahrung, dass die Kopfnoten nicht immer aussagekräftig sind.

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