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"Das ist für Kinder so gefährlich!"

Seit 45 Jahren arbeitet Birgit Knoll als Kinderkrankenschwester. Am Uniklinikum hat sie eine fatale Sammlung angelegt, die Eltern eine Warnung sein muss.

Anfang Juni hatte Birgit Knoll 45-jähriges Dienstjubiläum als Kinderkrankenschwester am Dresdner Uniklinikum. In der endoskopischen Abteilung hat sie viel erlebt und kann gar nicht genug an die Umsicht junger Mütter und Väter appellieren.
Anfang Juni hatte Birgit Knoll 45-jähriges Dienstjubiläum als Kinderkrankenschwester am Dresdner Uniklinikum. In der endoskopischen Abteilung hat sie viel erlebt und kann gar nicht genug an die Umsicht junger Mütter und Väter appellieren. © Sven Ellger

Dresden. Ihre Hände in die Seiten gestützt, steht Birgit Knoll im schmalen Empfangsraum des endoskopischen Behandlungszimmers. Dort hängt ein Wimmelbild an der Wand. Doch wenn Kinder mit ihren Eltern hierher kommen, ist selten Zeit für lustige Entdeckungen im bunten Getümmel. Dann beginnt eine Suche, die nichts Unterhaltendes hat. Was die Ärzte und ihre Assistenten zu finden hoffen, bedroht die Gesundheit der jungen Patienten. Häufig sogar ihr Leben.

So aufgelöst und voller Angst Mütter, Väter und Kinder auch sind - sie treffen auf eine ebenso liebenswürdige wie resolute Krankenschwester, die es in ihren vielen Arbeitsjahren gelernt hat, Ruhepol im Drama zu sein. Seit 45 Jahren arbeitet Birgit Knoll schon am Dresdner Universitätsklinikum. Dort hat sie 1974 ihre Ausbildung begonnen.

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Damals hießen Klinik und Fakultät Medizinische Akademie, und was sich als Berufsbezeichnung landläufig bis heute hält, war noch der offizielle Name: Kinderkrankenschwester. Über die Zeit hat sich dieser Titel verändert. Die spätere Gesundheits- und Krankenpflegerin heißt seit neustem Pflegefachfrau und kann sich vertiefend in der Pädiatrie ausbilden lassen. 

Birgit Knoll war noch Studentin. In der DDR absolvierten angehende Krankenschwestern ein dreijähriges Fachschulstudium. "Ich erinnere mich noch genau an meine 160 Ostmark Stipendium pro Monat." Dass sie Kinderkrankenschwester werden würde, war der heute 62-Jährigen früh klar. "Als Mädchen habe ich die Babys der Nachbarinnen ausgefahren", erzählt sie, "Ich hätte mir keinen anderen Beruf vorstellen können." Folgerichtig bekam sie den Studienplatz und startete danach in der Milchküche des Klinikums ins Berufsleben. "Im dritten Studienjahr hatte ich unser erstes Kind bekommen, und mein Mann arbeitete in drei Schichten. Da musste ich mir etwas mit verträglichen Arbeitszeiten suchen." Nun sind ihre insgesamt drei Kinder erwachsen, und Birgit Knoll ist froh, dass ihnen nie passiert ist, was sie auf Arbeit fast täglich miterlebt.

"Vor Fernbedienungen als Spielzeug kann ich nur warnen!"

Schräg gegenüber vom Wimmelbild vorm endoskopischen Untersuchungszimmer hängen fünf große Pinnwände, an denen sich noch länger aufhalten lässt, als an der kleinteiligen Zeichnung. Doch was Besucher und Patienten da sehen, ist ein alarmierender Anblick: Dicht nebeneinander sind kleine Folietütchen angepinnt, jede einzelne ist beschriftet. Darin: Knöpfe, Münzen, Murmeln, Spielfiguren, Kettenanhänger, Ohrringe, Verschlusskappen von Stiften und Flaschen, Reißzwecken, Nägel, Magnete.

All diese Dinge haben Kinder und Jugendliche, Babys bis Teenager, verschluckt. Sie sind in ihren Magen oder Darm gewandert oder haben sich auf dem Weg durchs Verdauungssystem verklemmt und verhakt. Manche sind in die Atemwege gelangt und mussten von dort entfernt werden. Allein im ersten Halbjahr 2020 landeten rund 30 Notfälle dieser Art an der Uniklinik. Dazu kamen etwa 200 Untersuchungen zur Diagnostik.

Kleinkinder spielen mit Mamas Schmuckkästchen, dürfen ihr Portmonee aus- und wieder einräumen. Von Kleidungsstücken fallen Knöpfe ab und von der Wand die schönen kleinen Sterne, die im Dunklen leuchten und direkt über Babys Bettchen angeklebt sind. "Das ist für Kinder so gefährlich! Besonders vor Fernbedienungen als Spielzeug kann ich nur warnen", sagt Birgit Knoll. Viele davon werden mit sogenannten Knopf-Batterien betrieben, die herausfallen können, wenn sich die Verschlussklappe beim Spiel öffnet. 

Von Kindern verschluckte Gegenstände: Birgit Knoll hat Knöpfe, Münzen, Magnete und noch viel Gefährlicheres archiviert.
Von Kindern verschluckte Gegenstände: Birgit Knoll hat Knöpfe, Münzen, Magnete und noch viel Gefährlicheres archiviert. © Sven Ellger

"Diese Batterien sind meistens ja noch nicht vollständig entladen und können im Inneren des Körpers schwere Verbrennungen verursachen." Verletzungen im Gewebe rühren auch von spitzen und scharfen Gegenständen her. "Sehr problematisch war die Bergung von etlichen Stabmagneten", sagt die Krankenschwester. Ein Teil dieser sehr kleinen, aber extrem kraftvollen Magneten hatte sich im Magen, und ein Teil im Darm eines Kindes festgesetzt und sich dort gegenseitig angezogen. So fest waren sie schließlich miteinander verbunden, dass sie sich nur mit Mühe lösen ließen. 

Nachdem Birgit Knolls Kinder aus dem Gröbsten heraus waren, hatte sie nach einer neuen beruflichen Herausforderung gesucht. Als eine Krankenschwester für diagnostische Untersuchungen in der damals noch sehr jungen endoskopischen Abteilung gesucht wurde, übernahm sie die Aufgabe und absolvierte eine Weiterbildung zur Fachschwester für Endoskopie. "Das waren die Anfänge der Darm- und Magenspiegelungen bei Kindern. Der Bereich wurde dann immer weiter entwickelt", erzählt sie. Rund sieben Jahre später sind 400 Endoskopien an Kindern und Jugendlichen im Jahr üblich. 

"Ich mache nur eine einzige Ausnahme!"

"Was ich auf Arbeit erlebe, muss ich im Privaten von mir abschütteln", sagt Birgit Knoll. Sonst wäre sie zur überbehütenden Mutter geworden. "Jetzt sind meine Kinder groß, doch es kommen schon die Enkel nach, um die ich mich sorge." Knöpfe, Münzen und Schmuck kämen ihr nie in Kinderhände. "Wenn ein Kleinkind noch keine vollständigen Zähne hat, sind auch Apfelstücke, Möhren oder Wiener viel zu gefährlich", warnt sie. Sieht sie Kinder mit Lolly im Buggy sitzen, weiß sie nur zu gut, wie schnell ein solcher Stiel im Hals des Kleinen landet. 

Was auch immer die Ärzte und Birgit Knoll aus Kinderkörpern zutage fördern, die Eltern bekommen es nicht zurück - mit nur einer einzigen Ausnahme. In ihr Archiv sind alle erdenklichen Gegenstände eingegangen, und die Sammlung wächst stet. Nur Eheringe gibt Birgit Knoll den Eltern zurück. An ihrer Stelle steckt ein Foto des Ringes in der kleinen Folietüte an der Pinnwand. 

"In zwei Jahren gehe ich in Rente. Wer weiß, ob dann noch jemand die Dinge archiviert, wie ich es mache", sagt sie. Wichtig wäre es. Denn nichts ruft so eindrücklich zur Vorsicht auf, wie ihre Dokumentation unnötiger Lebensbedrohung. 

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