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Von der Kreuzfahrt zum Kreuzchor

Festtagsschmaus oder Lunchpaket, Rumpsteak oder Döner – so kriegt Koch Mathias Schulz jeden Kruzianer satt.

Als Koch und Kantinenchef der Kruzianer sucht Mathias Schulz die Balance zwischen Leibspeise und gesunder Kost.
Als Koch und Kantinenchef der Kruzianer sucht Mathias Schulz die Balance zwischen Leibspeise und gesunder Kost. © Sven Ellger

Ein bisschen Weihnachten hält sich in diesem Saal übers ganze Jahr. Das alte Parkett, die verzierten Türportale, der Stuck an der Decke und das Kreuz an der Wand strahlen Feierlichkeit aus. Doch das ist alles nichts gegen Heiligabend.

Mathias Schulz greift zu seinem Handy, ruft ein Video auf. Das hat er vor einem Jahr gedreht: „Stille Nacht, Heilige Nacht...“ – Chorgesang ist zu hören, wird immer lauter, und in die Dunkelheit des Raumes treten Knaben mit flackernden Kerzen in den Händen. Rund 100 Kruzianer kehren ein. Hier, in diesem altehrwürdigen Speisesaal endet ihre traditionelle Prozession durchs Schulgebäude. Jetzt ist wirklich Weihnachten. Auch für die Jungs im Alter zwischen dritter und zwölfter Klasse beginnt nun das Fest, fern von ihren Familien, aber für jeden von ihnen eine Herzensangelegenheit.

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„Da bekomme ich Gänsehaut“, sagt Mathias Schulz und legt das Smartphone beiseite. Auch für ihn ist dieser Augenblick ein ganz besonderer, immer wieder neu. Auf ganz eigene Art und Weise hat er einen beträchtlichen Anteil an diesem Festakt. Seit 2015 sorgt der 45-Jährige für das Weihnachtsessen: Mathias Schulz ist der Koch der Kruzianer. Entenkeulen auf Gänsehaut.

Am 1. Weihnachtsfeiertag wird er pünktlich 4.30 Uhr das Frühstück parat haben. Eine halbe Stunde später steigen die Kruzianer in ihren Bus und fahren zur Kreuzkirche, wo bereits Menschenschlangen auf sie und einen Platz im Kirchenschiff warten. Die Christmette des Kreuzchores ist eines der wichtigsten Konzerte im Kalender. Allerdings wird Mathias Schulz sie nicht miterleben. Für ihn beginnt nach dem letzten Frühstück des Jahres etwas sehr wohl Verdientes: der Weihnachtsurlaub.

„Die Großen lieben Rumpsteak"

„Seit ich für den Kreuzchor arbeite, haben wir zu Hause unseren Heiligabend etwas umstrukturiert“, erzählt der Familienvater. Beschert wird am Nachmittag, damit Papa danach Zeit hat, seine jungen Gäste zu bewirten. Das lässt er sich nicht entgehen. Rund ums Jahr sorgt er dafür, dass jeder anwesende Kruzianer die perfekte Verpflegung erhält, ob am Morgen, in der Frühstückspause, mittags, nachmittags oder abends. Im Speisesaal hängt der Sitzplan aus. „Jeder Kruzianer hat seinen festen Platz und an jedem Tisch sitzt mindestens ein älterer, der auf Ordnung achtet“, erklärt Schulz.

Haben die Knaben auswärts Termine, liegen Lunchpakete für sie bereit, und feiert ein Junge seinen Geburtstag, darf er sich sein Lieblingsessen wünschen. „Die Großen lieben Rumpsteak, bei den Kleinen können das auch mal einfach nur Nudeln sein.“ Selbst Döner sei schon vorgekommen. Da nicht alle Jungs an jedem Wochenende heimfahren können, versorgt sie die Kruzianerkantine auch dann.

Sie bleiben sozusagen an Bord, wie Mathias Schulz viele Jahre lang auf seinen Kreuzfahrten. Kurz nach der Wende gelingt ihm, was zu dieser Zeit kaum jemand schafft: Er bekommt einen Ausbildungsplatz in seinem absoluten Traumberuf: Koch. Und das nicht irgendwo, sondern an einem der besten Häuser am Platze, dem Leipziger Astoria Hotel. „Nach der Lehre und dem Zivildienst bin ich für eine Weile in den Westen gegangen“, erzählt er. 

Dann packte ihn das Fernweh und er eine große Chance am Schopfe: „Ich habe mich für den Einsatz auf einem Kreuzfahrtschiff beworben und bin direkt auf Weltreise gegangen.“ Damals fand Weihnachten in der Karibik statt, in sommerlicher Hitze mit echten Tannenbäumen. „Die waren extra mitgenommen worden.“ Gastronomische Berufe laden förmlich dazu ein, die Welt zu sehen und reisend zu arbeiten. Das sollten sich junge Leute nicht entgehen lassen, vor allem, solange sie noch Single und ohne familiäre Verpflichtungen sind, rät Schulz.

Bis zu 150 Essen pro Mahlzeit

Er selbst ist fünf Jahre lang über die Meere geschippert, mit verschiedenen Kreuzfahrtschiffen und sogar auf einer Segeljacht. Die „Lili Marleen“ brachte 30 Passagiere plus Crew in den Oman, die Emirate und nach Dubai. Auch die Erfahrung Flusskreuzfahrt ließ er sich nicht entgehen, bevor er wieder aufs Festland wechselte. Dort absolvierte Mathias Schulz seinen Küchenmeister, eröffnete und leitete Restaurants, übernahm schließlich die Versorgung in einem Seniorenheim.

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„Und dann habe ich diese Annonce gelesen: Der Kreuzchor sucht einen neuen Küchenleiter“, erzählt er. Wenig später bereitete er bis zu 150 Essen pro Mahlzeit vor. Der bisherige Kantinenchef war in Ruhestand gegangen, und für Mathias Schulz begann wieder ein neues Kochkapitel. Dessen Episoden richten sich streng nach dem Chorkalender. „Das nächste Highlight wird das Stadionkonzert“, sagt er. Auch dort erlebe er Gänsehautatmosphäre, dieses Jahr vielleicht noch mehr als sonst: Seine Tochter wird am 19. Dezember acht Jahre alt. „Da haben wir die Geburtstagsfeier kurzerhand ins Stadion verlegt.“

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