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Experten loben Dresdner Hochhausleitbild

Im Gegensatz zu Berlin legt Dresden klare Gebiete fest, an denen sich Investoren orientieren können. Warum ein Hochhaus in Dresden trotzdem ein Privileg ist.

Die Hochhäuser in der Johannstadt stören den Blick von den Elbhängen auf die Innenstadt. Falls später geplant ist, sie zu sanieren, sollten sie in jedem Fall um mehrere Geschosse niedriger werden, so die Empfehlung des Hochhausleitbildes.
Die Hochhäuser in der Johannstadt stören den Blick von den Elbhängen auf die Innenstadt. Falls später geplant ist, sie zu sanieren, sollten sie in jedem Fall um mehrere Geschosse niedriger werden, so die Empfehlung des Hochhausleitbildes. © Foto: Tobias Wolf

Dresden. Fast bis auf den letzten Platz ist der Rathaus-Plenarsaal am Dienstagabend gefüllt, das Interesse am neuen Hochhausleitbild ist groß. Geduldig verfolgen die Gäste den fast 80-minütigen Vortrag von Stadtplaner Christian Blum und Architekturhistoriker Christoph Schläppi. Seit Mai 2019 haben die beiden Schweizer sämtliche Gebäude in Dresden, die höher als 30 Meter sind, erfasst und wichtige Sichtachsen analysiert. 

Daraus haben sich drei Gebiete herauskristallisiert, in denen weitere Hochhäuser entstehen können. Neben dem Areal um den Hauptbahnhof sind das Bereiche zwischen Nossener Brücke und Freiberger Straße sowie in Dobritz und Niedersedlitz. Im innerstädtischen Raum empfehlen die beiden Leitbild-Autoren, die Hochhäuser an Grunaer Straße und Stübelallee bei Sanierungen zu erneuern sowie neue dazwischenzusetzen. Dagegen sollten die Hochhäuser in der Johannstadt  perspektivisch durch niedrigere Wohngebäude ersetzt werden.  

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Nicht nur das Publikum findet lobende Worte für das Dresdner Hochausleitbild, das Ende März fertiggestellt und nach der Sommerpause im Stadtrat diskutiert werden soll. Auch der Professor für Baugeschichte an der TU Dresden, Hans-Georg Lippert, erklärt den Dresdner Ansatz, genaue Ja- und Nein-Gebiete für den Hochhausbau  festzulegen, als sehr gut. Im Vergleich zu Berlin, wo ebenfalls ein Hochhausleitbild erarbeitet werde, sei dies konkret und mit Gestaltungskriterien versehen. Dagegen sei das Berliner Modell sehr abstrakt. "Ihre Arbeit hat eine hohe analytische Qualität", lobt Lippert die Autoren. "Nicht prominente Einzelstandorte sollten das Ziel in Dresden sein, sondern die Verantwortung für die Stadt als Ganzes."     

Cornelius Scherzer, Professor im Fachgebiet Freiraumplanung der Hochschule für Wirtschaft und Technik Dresden,  hebt die plausible Ableitung der möglichen Hochhausstandorte aus der Topografie der Stadt hervor. Zu beachten sei, dass Kaltluftschneisen, die auch an Gewässer gekoppelt sind, nicht weiter zugebaut werden.   

Einer, der in der Praxis viele Hochhausprojekte mitentwickelt, ist Stephan Schütz. Der Architekt vom Büro Gerkan, Marg und Partner (GMP) findet besonders gut, dass das Leitbild in Dresden öffentlich diskutiert wird und sich Bürger mit einbringen können. "Herausgekommen ist etwas, das klare Handlungsanweisungen bietet und Standorte benennt", sagt er. Das Gegenteil davon sei das Berliner Hochhausleitbild. "Ein Glück, dass Dresden jetzt solch ein konkretes Handlungsszenario hat." 

Wie viel öffentliche Nutzung Hochhäuser bieten können, zeigen die Beispiele seines Büros aus China. Dort sei Mehrwert für die Stadt ein wichtiges Thema. "Deshalb ist es auch für Dresden wichtig, möglichst viel öffentliche Bereiche in künftigen Hochhäusern vorzusehen", sagt Schütz. GMP hat das neue Verwaltungsgebäude von Drewag und Enso an der Fritz-Löffler-Straße entworfen. Dort wird es einen öffentlich zugänglichen Innenhof mit Wasserspiel geben. 

Ein Hochhaus gegenüber dem World Trade Center?

Aus der interessierten Dresdner Bürgerschaft kommen neben viel Lob auch Hinweise und Anfragen. Dass ein Hochhaus immer auch ein optischer Magnet ist, der die Umgebung aufwerten soll und Zentrumscharakter bekommen soll, regt ein Herr an. Genau das sei die Absicht des Hochhausleitbildes, neue Zentren zu schaffen, sagt  Christian Blum.

Warum nicht auch Blickachsen aus dem Dresdner Westen, zum Beispiel Mobschatz, für die Analyse zugrundegelegt wurden, will Torsten Kulke wissen, der Vorsitzende der Gesellschaft Historischer Neumarkt Dresden. Die seien nochmals geprüft, aber keine schützenswerten gefunden worden, sagt Blum. 

Kulke fragt auch, ob bei den  Kostenstrukturen für Hochhäuser auch Sozialwohnungen denkbar wären. In München gelingt es bereits, in einem Hochhaus sowohl Sozialwohnungen für rund sechs Euro Kaltmiete, sowie andere für 24 Euro pro Quadratmeter bei fast gleicher Ausstattung anzubieten, erklärt der Leiter des Stadtplanungsamtes, Stefan Szuggat.  

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Und es gibt es auch Anfragen zu konkreten Grundstücken. Ob gegenüber dem World Trade Center nicht auch ein Hochhaus stehen könnte, fragt ein Architekt. Laut Leitbild sind dort aber nur höhere Häuser mit maximal 28 Meter Höhe möglich. "Natürlich wird es immer Fälle geben, bei denen sich Investoren durch unsere Vorgaben reglementiert sehen", sagt Baubürgermeister Raoul Schmidt-Lamontain (Grüne). Doch es sei Aufgabe der Stadt Regeln zu definieren. Grundsätzlich wird es in Dresden ein Privileg bleiben, ein Hochhaus zu bauen, sagen die Leitbild-Autoren.

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