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Dresden

Mein Leben als Camper-Nomadin

Anja Müller wohnt und arbeitet in ihrem Auto. Die Übersetzerin braucht keinen festen Ort, um sich zuhause zu fühlen. Nur auf eines kann sie nicht verzichten.

Mit ihrem rollenden Zuhause sucht sich Anja Müller einsame Orte, an denen sie beides hat: Natur und Netz.
Mit ihrem rollenden Zuhause sucht sich Anja Müller einsame Orte, an denen sie beides hat: Natur und Netz. © Christian Juppe

Gemächlich schlappt ein Entenpärchen durch die schlammigen Pfützen vor Anja Müllers Tür. Sie schaut den beiden vom Fenster aus zu. Graubraun liegt die Landschaft da draußen. Februarfarbe, die  keinen ins Freie lockt. Menschenleer ist der Weg entlang der Elbe. Anja lehnt sich im Sessel zurück, gießt Tee aus der Thermoskanne in ihre Tasse. Wie sie dieses stille Alleinsein liebt. Deshalb sucht die 39-Jährige solche Plätze, am besten am Rand der Stadt, in der Nähe des Wassers und der Wälder. 

An kalten Tagen ist die Standheizung Anjas bester Freund. Sie pustet warme Luft in ihr  winziges Zuhause. Es hat Motor, Lenkrad und vier Räder zum Fahren, eine Fläche zum Liegen und einen kleinen Tisch zum Kochen, Essen, Arbeiten. Drei bis vier Quadratmeter. Ein Pressspanregal Marke Eigenbau beherbergt alles Weitere: Kleidung, Geschirr, Notfallapotheke, Werkzeug. Citroen Belingo heißt Anjas Adresse. An seiner Frontscheibe klemmt eine Karte. "Fernweh" steht darauf: Anjas Lebensgefühl - egal, wo der silbergraue Kastenwagen auch hält. 

Zuverlässigkeit und Erfahrung

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Vor ziemlich genau drei Jahren hat die gebürtige Dresdnerin ihre kleine Wohnung in der Neustadt geräumt. Ein Zimmer, Küche, Bad. Es geht noch kleiner, davon war sie überzeugt. Vor allem aber wollte sie flexibler, freier, unabhängiger leben. Ausprobiert hatte die gelernte Touristikassistentin das bereits im Sommer davor. Als Backpackerin reiste sie durch Spanien und Portugal, traf unterwegs eine erfahrene Camperin ohne festen Wohnsitz und fuhr schließlich mit dem festen Entschluss, es ihr gleichzutun, nach Hause. 

Oma ist ihr größter Fan

"Ich habe meine Wohnung gekündigt und mir ein Campmobil gekauft. Verglichen mit meinem jetzigen war das luxuriös", erzählt sie. Bad mit Dusche und Toilette, Kochstelle und Kühlschrank, Bett und großer Tisch, alles da. So fuhr Anja als Neu-Nomadin in Richtung Süden: Slowenien, Kroatien, Serbien, Monte Negro bis nach Griechenland. 

Nach ihrer Touristik-Ausbildung hatte sie studiert und sich als Übersetzerin für Englisch und Polnisch selbstständig gemacht. Ihren Job kann Anja Müller überall ausüben. Sie braucht dafür nur Handy, Laptop, ausreichend mobiles Datenvolumen sowie schnelles und stabiles Netz. Inzwischen ist sie auf Vertragstexte überwiegend aus der Reisewirtschaft spezialisiert. "In den vergangenen Wochen hatte ich extrem viele Aufträge, die mit dem Coronavirus zu tun haben." Vor allem Verhaltensregeln zur Gesundheitsvorsorge sind gefragt. 

Bevor Anja Müller in ihren Belingo zog, probte sie das Nomadenleben mit einem deutlich komfortableren Campmobil.
Bevor Anja Müller in ihren Belingo zog, probte sie das Nomadenleben mit einem deutlich komfortableren Campmobil. © Anja Müller

Als Anja ihre Wohnung aufgab, um unter die Campernomaden zu gehen, musste sie ihr altes Leben aussortieren: "Fast alle Möbel habe ich verkauft, verschenkt und weggeschmissen." Etliche Kartons voller Habseligkeiten stellte sie in der Laube ihrer Oma unter. Die ist jetzt 80 Jahre alt und ihr größter Fan. "Sie kennt sich in Sachen Social Media echt gut aus und sieht alle Fotos und Videos, die wir posten."

Wir, das sind all jene Gleichgesinnte, die sich zur Community "Camper Nomads" zusammengetan haben, mehr oder weniger eng miteinander in Verbindung bleiben, sich austauschen, beraten und dem Nomadennachwuchs mit ihrem reichen Erfahrungsschatz den Sprung in die Freiheit erleichtern.

Doch mit einem Bett auf Rädern ist es nicht getan. "Freiheit beginnt und endet im Kopf", sagt Anja. Wenn sie sich demnächst das Lauben-Depot ihres früheren Lebens noch einmal in Ruhe vornimmt, wird sie wieder etwas freier atmen. "Ich will die Dinge, die ich behalte und unterstelle auf maximal fünf Kartons beschränken." Nach ihrer Wohnung war sie in den Camper-Bus gezogen. Seit anderthalb Jahren lebt sie nun in ihrem Citroen, der nicht viel größer als ein Pkw-Kombi ist, und fühlt sich angekommen. "Im Moment kann ich mir nicht vorstellen, jemals wieder einen Mietvertrag zu unterschreiben", sagt Anja. Selbst ihr früherer Ford mit Bad und Küche bot mehr, als sie zum Glücklichsein braucht. 

Anja Müller betreibt in ihrem Citroen Belingo das wohl kleinste Übersetzungsbüro der Welt.
Anja Müller betreibt in ihrem Citroen Belingo das wohl kleinste Übersetzungsbüro der Welt. © Christian Juppe

Als Toilette genügt Anja die Natur, Duschen findet sie auf Rastplätzen oder in den Studios einer Fitnesskette, deren Mitglied sie ist. "Wäsche wasche ich in Waschsalons oder auch mal fix mit der Hand." An sonnigen Tagen erzeugt sie selbst Strom. Dafür hat sie sich ein Faltmodul gekauft. Es lässt sich aufklappen und hinstellen. "Andere Frauen haben Handtaschen, ich habe eine sogenannte Solartasche", sagt Anja. 

Bis zu 13 Grad minus hat sie im Auto schon überlebt. Damals fiel ihre Standheizung aus. Für solche Notfälle oder einfach nur für das Bedürfnis, mal wieder in einem richtigen Bett zu schlafen, auf einer echten Couch zu lungern, bleiben immer noch rettende Pensionen. Gelegentlich gönnt sich Anja diesen Luxus, am ehesten jedoch dann, wenn es ihr mal gesundheitlich nicht besonders geht.

"Es ist nicht immer alles nur schön", gibt Anja Müller zu. Die private Infrastruktur, die Menschen in Wohnungen vorfinden, muss sie sich mühsam suchen, und das verbraucht Zeit. Wo fülle ich meinen Wasserkanister? Wo wasche ich? Wo dusche ich? Wo kann ich ungestört parken und übernachten, und wo zeigt mein Handy ausreichend Balken fürs LTE-Netz? Mit dieser Logistik müssen sich Campernomaden ständig beschäftigen. 

Kein Verständnis für Neid

Andere Menschen wiederum beschäftigen sich mit ihr - als Exotin. "Ich werden häufig angesprochen und ausgefragt", erzählt Anja. Die meisten Leute seien ehrlich interessiert, oft voller Bewunderung, manche in Sorge: So ganz allein unterwegs, als Frau! Doch Anja hat nie negative Erfahrungen gemacht. Im Gegenteil: "Wenn man Unterstützung braucht, bekommt man auch welche", sagt sie, "Die allermeisten Menschen sind gut." An eine ganz besondere Herzlichkeit denkt sie gern zurück. Die hat sie in Albanien erlebt, als ihr damaliger Camper wenige Meter vom Meer hoffnungslos im Sand feststeckte. Kurz vor Sonnenuntergang kamen ihr zwei Einheimische zu Hilfe - eine unerwartet freundschaftliche Begegnung und selbstlose Zuwendung.

Gelegentlich begegnet ihr Neid. Neid auf die Leichtigkeit ihres Gepäcks und die Größe ihrer Welt. "Dafür habe ich keine Kinder, keine eigene Familie, das alles, was andere haben", sagt sie. Es hat sich nie ergeben. So gern Anja ihre Ruhe genießt und Abgeschiedenheit sucht - Freunde und Familie sind ihr wichtig. "Meine Eltern fremdeln  ein wenig mit meiner Lebensweise, aber sie sind immer für mich da", erzählt sie. Zu ihnen hält sie engen Kontakt. "Anfangs habe ich regelmäßig meine Koordinaten durchgegeben, damit sie wissen, wo ich mich aufhalte."

Am wenigsten kann Anja mit der Unterstellung anfangen, Leute wie sie gönnen sich als Sozialschmarotzer ein chilliges Surferleben. Ihre Communityfreunde arbeiten als Fotografen, Grafiker, Online-Händler, Masseure, Youtuber, Handwerker oder Dozenten. Anja rückt ihren Laptop zurecht. Ein Auftraggeber wartet auf eine Übersetzung, die wird sie heute noch liefern. "Die Arbeitswelt ändert sich", sagt sie, "Sein Leben entsprechend einzurichten, steht jedem offen." 

Kontakt zu den Camper Nomads finden Sie hier.

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