merken
PLUS Dresden

"Schickt eure Kinder auf Problemschulen!" 

Dazu fordert eine Dresdner Mutter andere Eltern auf und lebt es selbst vor. Denn soziale Durchmischung findet sie wichtig. Wie das klappen kann.

Schulischer Erfolg hängt von der sozialen Herkunft ab, zeigt der aktuelle Dresdner Bildungsbericht.
Schulischer Erfolg hängt von der sozialen Herkunft ab, zeigt der aktuelle Dresdner Bildungsbericht. © dpa

Dresden. Entsetzt sei sie gewesen, als sie das gelesen hat. Mit großer Spannung habe Claudia Lämmer den neuen Bildungsbericht für Dresden erwartet. Nicht erwartet hat sie allerdings das Ergebnis: Der Bildungserfolg eines Kindes ist nach wie vor eine Frage von dessen Herkunft. Die Stadt reagiert zwar darauf und verkündet, künftig wolle man mehr Geld in zusätzliches Personal für Schulen und Kitas investieren, an denen besonders viele Kinder aus sozial schwachen Familien und mit Migrationshintergrund lernen. Aber Claudia Lämmer reicht das nicht. "Allein damit ist das Problem nicht zu lösen."

Dass mehr investiert wird, sei eine tolle Sache. Was Claudia Lämmer, selbst vierfache Mutter und studierte Verkehrswirtschaftlerin, kritisiert, ist folgende Aussage, die bei der Vorstellung des Bildungsberichtes gefallen ist: "Eine soziale Durchmischung ginge nur mit Zuweisungen. Und welche Eltern wollen schon gern vorgeschrieben bekommen, wohin sie ihre Kinder schicken sollen." 

Anzeige
Bio-Angebote von Vorwerk Podemus
Bio-Angebote von Vorwerk Podemus

Dresdens Biohof steht seit fast 30 Jahren für Bio aus der Region. In den Märkten ist eine besondere Kooperation zu entdecken: Die Käsefreundschaft zu vier kleinen Bio-Dorfsennereien in Graubünden.

Gesagt hat das Antje Jahn, die bei der Landeshauptstadt als Koordinatorin für Bildungsmanagement arbeitet. Jahn hat den Bildungsbericht mit erstellt und im Januar vorgestellt. Claudia Lämmer findet, dass diese Aussage ein falsches Signal an Dresdner Eltern ist. "So werden auch in Zukunft Kinder aus wohlhabenden Familien nicht mit Kindern aus benachteiligten Familien gemeinsam lernen." Dabei sei die soziale Mischung in den Klassen gerade wichtig.

"Vorbehalte sind sehr stark"

Dass Eltern durchaus bereit sind, ihre Kinder auf "Problemschulen" zu schicken, zeigt die 39-jährige Dresdnerin mit ihren eigenen Kindern. Ihr Sohn besucht die dritte Klasse an der 14. Grundschule in der Südvorstadt. Schon ihre größere Tochter hat dort gelernt, bevor sie an die weiterführende Schule wechselte - und auch die beiden kleineren Mädchen sollen in vier Jahren an der 14. Grundschule eingeschult werden.

Im Jahrgang ihres Sohnes kommt gut die Hälfte der Kinder aus Familien mit einem Migrationshintergrund, viele von ihnen wachsen in ärmeren Verhältnissen auf. "In den jüngeren Jahrgängen sind es sogar noch mehr ausländische Kinder", sagt Claudia Lämmer. Das liegt vor allem am Einzugsgebiet der Schule, zu dem auch die großen Plattenbaublöcke an der Budapester Straße gehören. Aufgrund der preiswerten Mieten wohnen dort viele Familien mit geringem Einkommen, was nicht selten auch mit einem schlechten Bildungshintergrund zusammenhängt. Dass diese Konstellation im Schulalltag Probleme mit sich bringt, will Claudia Lämmer gar nicht verschweigen. 

Gewalt sei an ihrer Schule kein Thema. Aber sie habe den Eindruck, dass viele Familien aus anderen Kulturkreisen nicht wissen, wie das deutsche Schulsystem funktioniert und ein Austausch zwischen ihnen und der Schule nur unzureichend passiert. "Viele Eltern kommen zum Beispiel nicht zum Elternabend." 

Die Gründe dafür kennt Lämmer nicht, aber das dürfe nicht einfach so hingenommen werden. Sie vermutet, dass hier das Desinteresse am schulischen Weg der Kinder bei diesen Familien noch durch die Sprachbarriere verstärkt wird. Die Schule müsse an die Eltern herantreten, wenn nötig mit Briefen, die in ihren Sprachen verfasst sind. "Dass diese Arbeit die Lehrer nicht allein stemmen können, ist klar." 

Deshalb fordert Claudia Lämmer - wie unlängst von der Stadt im Zuge des Bildungsberichtes angekündigt - mehr Personal. Schulsozialarbeiter und -assistenten, die als Schnittstelle zwischen Einrichtung und Familien agieren. Schulpsychologen, die sich speziell um verhaltensauffällige Kinder kümmern und dafür schnelle Termine bereitstellen. Dolmetscher, die die Kommunikation mit den Familien vor Ort in der Schule verbessern. All das wären wichtige Verbesserungen für Schulen wie die 14. Grundschule, sagt die vierfache Mutter. 

Austausch unter den Kindern ist wichtig

Weil das aber nicht der Fall ist, würden immer mehr Eltern aus ihrem Bekannten- und Freundeskreis die 14. Grundschule meiden. Claudia Lämmer weiß aus eigener Erfahrung, dass gut gebildete Eltern ihre Kinder natürlich lieber in Schulen mit "gutem Ruf" schicken. Also dorthin, wo Kinder aus Familien mit ähnlichem sozialen Hintergrund lernen. Sie erkenne und respektiere schon den Zusammenhang zwischen dem  Bildungshintergrund der studierten Eltern und dem Wunsch, auch den eigenen Kindern diese Möglichkeit zu bieten. 

In der Südvorstadt trenne sich das ganz klar auf zwei Grundschulen auf: Da gibt es die 14. Grundschule, die "Problemschule", und die 49. Grundschule, die mit dem "guten Ruf". Für letztere nehmen Familien sogar längere Schulwege in Kauf, sagt Claudia Lämmer. Dabei sei es nicht so, dass Eltern der 14. Grundschule gegenüber grundsätzlich abgeneigt sind, aber viele hätten schlechte Dinge über sie gehört. "Genau da liegt das Problem: Die Vorbehalte sind sehr stark. Wenn ich gefragt werde, sage ich immer ehrlich, wie es bei uns läuft, aber dass das alles machbar ist." 

Gerade, wenn die eigenen Kindern pfiffig sind, sei es kein Problem, wenn auch ausländische Kinder in den Klassen mit lernen. Ihr eigener Sohn habe einen Freund aus Kamerun. "Die Kinder selbst sind komplett ohne Vorbehalte, sie lernen voneinander, sind neugierig, erklären sich gegenseitig Dinge." Daran sieht sie, wie wichtig der Kontakt zwischen den Kindern aus Familien mit ganz unterschiedlichem sozialen Hintergrund ist.

"Liebe Eltern, traut euch!"

Claudia Lämmert sagt ganz klar: "Liebe Eltern, traut euch, schickt eure Kinder auf diese Schulen!" Aber sie fordert auch, dass die Bedingungen besser werden, für Lehrer, Schüler und Eltern. Nicht nur mit mehr Personal, sondern auch mit einer entsprechenden Zusammensetzung der Klassen. Wenn zu viele Kinder aus einem Kulturkreis zusammen lernen, bleiben sie unter sich, hat Claudia Lämmer beobachtet. "Ich denke, dass ein Anteil von Kindern aus Migrantenfamilien von etwa 20 Prozent pro Klasse gut funktionieren würde." Auf die richtige Mischung komme es eben an. 

Weiterführende Artikel

Dresden investiert in benachteiligte Kinder

Dresden investiert in benachteiligte Kinder

Kitas in sozialen Brennpunkten werden von der Stadt besonders gefördert. Was das bewirkt, zeigt ein Blick in zwei Kitas in Prohlis.

Das sind Dresdens begehrteste Schulen

Das sind Dresdens begehrteste Schulen

18 Schulen können nicht allen angemeldeten Kindern einen Platz bieten. Wann die Familien endlich Gewissheit haben und wie die Plätze verteilt werden.

Schule: So ungleich sind Bildungschancen in Dresden

Schule: So ungleich sind Bildungschancen in Dresden

In Prohlis, Gorbitz und Johannstadt haben es nicht nur Kinder mit Migrationshintergrund an den Schulen schwer. Was Dresden dagegen tun will.

Mehr Gewalt an Dresdner Schulen?

Mehr Gewalt an Dresdner Schulen?

Eine Familie berichtet von brutalen Übergriffen, zunehmend auch durch ausländische Jugendliche.

Wie die im Dresdner Schulalltag umgesetzt werden kann? Einen konkreten Vorschlag hätte Claudia Lämmer schon: "Vielleicht mit Fahrdiensten." So könnten ganze Kindergruppen, auch schon im Kita-Alter, in eine etwas entferntere Einrichtung gebracht werden, ohne dass die Kinder ihren Freundeskreis verlieren. Dafür müssten die Grundschulbezirke größer gefasst oder neu strukturiert werden, schlägt die Mutter vor. Ihre Idee: Die Stadt spricht mit Eltern, nutzt ihre Erfahrungen, nimmt ihre Hilfe. "Wir sollten gemeinsam überlegen, wie es besser funktionieren kann."

Abonnieren Sie unseren kostenlosen Newsletter "Dresden kompakt" und erhalten Sie alle Nachrichten aus der Stadt jeden Abend direkt in Ihr Postfach.

Mehr Nachrichten aus Dresden lesen Sie hier.

Mehr zum Thema Dresden