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Dresden sieht rot

Die demokratische Novemberrevolution 1918/19 verläuft in der sächsischen Hauptstadt zuerst friedlich. Am Ende wird doch geschossen und ein Minister in der Elbe versenkt.

© SLUB Dresden/Fotothek

Von Freya Klier

Hunger und eine tiefe Erschöpfung liegen nach vier Jahren Krieg über Europa, sowohl aufseiten der Sieger als auch der Besiegten. Deutschland als dem größten Verlierer des Weltkrieges wird von den Siegermächten ein Friedensvertrag diktiert, der die Menschen quer durchs Land in Zorn und Depressionen versetzt. Aus dem Osten droht der Kommunismus, im Westen besetzen England, Frankreich und Belgien deutsche Gebiete. Wie soll es weitergehen? Niemand will die Verantwortung für den Ausbruch dieses Krieges übernehmen, am wenigsten jene, die ihn zu verantworten haben, allen voran der Kaiser und das Militär. Die SPD springt in die Bresche. Nun lastet alles auf ihren Schultern.

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Am Abend des 8. November 1918 wird in Dresden ein Arbeiter- und Soldatenrat gewählt – so, wie in anderen Städten auch, in Leipzig, Hamburg, Lübeck oder Bremen. Gewagtes, völlig Neues geschieht, doch im Unterschied zu Berlin sieht der Umbruch in Dresden nicht nach Gewalt aus. So erheben sich am 8. November im Zirkus Sarrasani während der Vorstellung plötzlich in den oberen Rängen Rufe: „Alles Militär raus! Soldaten raus! Zivil ruhig hierbleiben!“ Die Soldaten verlassen ihre Plätze. Sie werden am Hauptausgang von den Kameraden aufgefordert, sich der Bewegung anzuschließen. Kurze Zeit später kommt ein großer Zug Soldaten in die Manege zurück: Sie haben Säbel umgeschnallt, an denen rote Tücher befestigt sind. Ansprachen werden gehalten, in denen vor Räubereien, Schlägereien und Gewalttaten gewarnt und die Notwendigkeit betont wird, mit anderen Städten zusammenzugehen.

Ins Albert-Theater dringt nach Schluss der Vorstellung Militär ein und nimmt allen anwesenden Offizieren Degen, Achselstücke, Kokarden usw. ab. Auf dem Pirnaischen Platz werden Straßenbahnen angehalten, das Militär wird aufgefordert, herauszukommen. Auch auf dem Altmarkt kann man beobachten, wie ein bewaffneter Soldat und ein postierter Polizist anderen Soldaten die Waffen und Kokarden abnehmen – so, wie auch im Theater. Widerspruch ist zwecklos.

Noch-Soldat Otto Griebel wandert todmüde seiner Kaserne zu, an deren Tor ein Maschinengewehr verlassen steht. Im großen Mannschaftsschlafsaal gähnende Leere – die Kameraden genießen die Freiheit. Doch weil es draußen nichts zu essen gibt in diesen Novembertagen 1918, füllt sich die Kaserne am nächsten Tag wieder.

Auch die Frauenrechtlerin und Schauspielerin Marie Stritt ist von der Atmosphäre dieses Umbruchs hingerissen: „Schlag auf Schlag, mit betäubender Schnelligkeit ist das Alte hinweggefegt, das neue an seine Stelle gesetzt worden: Parlamentarisches System, demokratische Regierung, der Volksstaat anstelle des Obrigkeitsstaates, das Rechtsprinzip an Stelle des Gewaltprinzips – eine ganz neue Welt! Nur in einem Punkt macht die so urplötzlich zur Tat gewordene Erneuerung Deutschlands halt, bewegt sich alles in den alten Gleisen weiter: die neu geschaffene und neu zu schaffende Welt soll immer noch ausschließlich eine Welt des Mannes bleiben, in dem neuen Volksstaat rechnet man immer noch die Frauen nicht mit zum Volke (...) Die Gewährung der vollen Bürgerrechte an die Frauen ist daher heute zu einer Existenzbedingung des deutschen Volkes geworden, die so bald wie möglich erfüllt werden muß und – hoffentlich erfüllt wird.“

Marie Stritt, die Galionsfigur der deutschen Frauenstimmrechtsbewegung, lebt seit Jahren mit ihrem Mann, einem Opernsänger, und zwei Kindern in Dresden. Seit nun schon Jahrzehnten kämpft sie mit Tausenden von Mitstreiterinnen um das volle Wahlrecht für Frauen. Und plötzlich erhalten sie es – „betäubend rasch“, wie Marie Stritt später beschreibt, durch „die große Flut der Revolution“. Denn im Gegensatz zu den bürgerlich-konservativen Kreisen, in denen der Gedanke des Frauenstimmrechts nie populär war, gehört für die Arbeiter- und Soldatenräte, die am 9. November 1918 die Macht übernehmen, die Forderung nach Wahlrechtsreform und Frauenstimmrecht genauso zu den Parolen der Revolution wie die Vergesellschaftung an Produktionsmitteln. Der fast ein halbes Jahrhundert währende Kampf der Frauen um das Recht, wählen zu dürfen, findet im November 1918 sein Ende. Doch leicht wird es den Frauen nun nicht gemacht.

So wie München oder Berlin hat auch Dresden seine eigene Temperatur in dieser Umbruchzeit. Doch was ist das Besondere an der Elbe-Stadt? Erich Kästner zieht es nun weg von hier, Viktor Klemperer gerade jetzt hierher. In Berlin tobt der Klassenkampf, doch gilt das auch für Dresden – die „vornehmste, schönstgelegene Kunst- und Fremden-Stadt Deutschlands“, wie es 1919 in ihrer Werbung heißt? Jeder versucht, sich neu zu finden, und Bettler prägen die Stadt ebenso wie eine pulsierende Künstlerszene. Kriegsheimkehrer wie Otto Dix und Oskar Kokoschka malen sich ihre Traumata von der Seele. Und während Dix den Gewinn seiner Bilder gern ins Bordell trägt, sehnt sich Kokoschka nach zärtlichen Mädchenhänden. Den Maler aus Österreich, der aus Liebeskummer in den Krieg zog, hat ein Privatsanatorium in Loschwitz bei Dresden zurück ins Leben geholt. Dass er noch existiert, grenzt an ein Wunder: Gut sichtbar, in Blau und Gold, war er mit einem österreichischen Regiment gegen den russischen Feind geritten. „Attacke!“, erinnert er sich später: „Wer hätte sich vorgestellt, daß dies ritterliche Zauberwort mein schönes Dragonerregiment jäh zu einer blutigen Masse, Mann wie Pferd, verwandeln würde?“

Oskar Kokoschka erhielt einen Schläfenschuss, sein totes Pferd fiel auf ihn. Während einer langen Ohnmacht kippten ihn russische Sanitäter von der Trage, weil sie ihn für tot hielten. Doch sein Martyrium war da noch nicht zu Ende: Durch einen Bajonett-Stich wurde der Maler auch im Brustbereich noch schwer verletzt. In Dresden wohnt er nun bereits zwei Jahre – gesundheitlich noch immer angeschlagen, was ihn jedoch nicht mehr am Malen hindert, am Schreiben oder der Begegnung mit anderen Künstlern.

In keiner deutschen Stadt gründen sich 1919 so viele Vereine wie in der sächsischen Hauptstadt, und das liegt an Dresdens geografischer Besonderheit. Christen und Juden, Mädchen und Jungen, Kommunisten und Nationalisten, alle wollen jetzt die Welt verändern – und dabei auch wandern. Die Sächsische Schweiz liegt gleich nebenan. Und je mehr das erste Friedensjahr ins Land zieht, desto leidenschaftlicher wird getanzt. Keineswegs allen ist danach zumute, die meisten Bewohner drücken schwere Alltagssorgen.

Dresdens Oberbürgermeister Bernhard Blüher händelt die anfallenden Probleme mit Einfallsreichtum und frei von Ideologie. Beispielsweise durch einen „sachverständigen Handel, der zu diesem Zwecke in Gesellschaften mit beschränkter Haftung zusammengeschlossen ist“. Längst hat er ein Netzwerk zur Beschaffung noch freier Lebensmittel organisiert, das inzwischen weit über Dresden hinausgeht: Pirna und Meißen sind in dieses Programm integriert, Bautzen und Ostsachsen.

„Ich kann mit Befriedigung bestätigen, daß sich dieses Zusammenarbeiten mit den benachbarten Amtshauptmannschaften wie auch mit dem zusammengeschlossenen Handel im wesentlichen gut abgewickelt hat“, konstatiert Blüher im Dezember 1918. Die Stadtverwaltung hat auch eine Reihe von eigenen Einrichtungen geschaffen, um die Versorgung mit Lebens- und Futtermitteln zu verbessern. Auf dem Gebiet des Gemüsebaues wurde das städtische Brachland mithilfe der Gartenverwaltung bearbeitet und bereitgestellt.

Den Schrebergarten- und anderen Verbänden wurden für Minderbemittelte und kinderreiche Familien Beihilfen gewährt, ferner wurden von der Stadt Gemüsepflänzlinge und Saatkartoffeln verteilt, zur Gewinnung von Speisefetten die Sammlung von Knochen eingerichtet. Volksküchen gibt es überall im Land, auch nach Kriegsende noch. Sie leben von der ehrenamtlichen Mitwirkung vieler Männer und noch mehr Frauen. Denn noch immer dienen sie der Massenspeisung, auch in dieser Hinsicht hat der verantwortliche Bürgermeister ein tragfähiges Netzwerk geschaffen.

Der aus Freiberg stammende nationalliberale Jurist Bernhard Blüher besuchte die Fürstenschule St. Afra in Meißen und studierte dann Rechtswissenschaft in Leipzig und Berlin. Blühers große Fähigkeiten und Verdienste bei der Entwicklung Dresdens zu einer modernen Großstadt sind schon zu seinen Lebzeiten legendär. Er übernahm das Amt als Stadtoberhaupt mit einer Erfahrung aus Freiberg, wo er zehn Jahre lang zum Bürgermeister gewählt wurde und am Ende so beliebt war, dass die Stadt dem Juristen, der als Oberverwaltungsgerichtsrat nach Dresden berufen wurde, 1909 das Ehrenbürgerrecht verlieh. Seit dem zweiten Kriegsjahr ist er nun Oberbürgermeister der sächsischen Hauptstadt und vorrangig damit beschäftigt, die Bevölkerung mit dem Lebensnotwendigsten zu versorgen. Das macht Blüher einfallsreich und mit Augenmaß – und nicht im Alleingang, sondern auch die Fähigkeiten seiner Mitstreiter einbeziehend, sodass er im Juni 1918 vorzeitig zum Oberbürgermeister auf Lebenszeit gewählt wird. Ein großer Vertrauensvorschuss und eine große Aufgabe.

Dresden gehört im frühen 20. Jahrhundert zu den fünf bevölkerungsreichsten Städten im Deutschen Reich. Die Volkszählung am 8. Oktober 1919 ergibt eine Einwohnerzahl von 530 000. Doch werden nun auch die ersten belastbaren Zahlen der sächsischen Kriegstoten veröffentlicht: 123 728 Soldaten und Offiziere sind gefallen oder in Lazaretten verreckt, 17 900 gelten als vermisst.

Zunächst verläuft der revolutionäre Sturz der Monarchie in Dresden, anders als in München oder Berlin, fast friedlich, die Ausrufung des Freistaates ebenfalls. Zwar hat das Militär Mühe, vom König auf die Sozialdemokraten umzuschwenken; die aber, unter Führung des Juristen und früheren Journalisten Georg Gradnauer, sind zur Verständigung bereit, zum gemeinsamen Blick nach vorn. Die größte Aggression geht von Linksradikalen aus: Sie zielen auf eine Revolution nach russischem Vorbild und haben vor allem die gemäßigte SPD im Visier. Nach einer Belagerung der sozialdemokratischen „Dresdner Volkszeitung“ mit Schusswaffen im Januar 1919, die mit zwölf Toten endet, zielen die Kommunisten auf die verhasste Regierung.

Am Sonnabend, dem 12. April 1919, kommt es in Dresden zu einem Vorgang, der einen großen Schatten auf das erste Friedensjahr wirft und die politische Macht der sächsischen Sozialdemokraten ernsthaft erschüttert: Gustav Neuring, amtierender Minister für Militärwesen, wird von einer außer sich geratenen Menge aus dem Ministerium gezerrt, schwer misshandelt und dann von der angrenzenden Friedrich-August-Brücke in die Elbe hinabgestoßen. Ein Zielschießen auf seinen Kopf beginnt, bis der Minister im Wasser versinkt.

Wer ist Gustav Neuring? Der 40-Jährige mit der großen dunklen Hornbrille und einer Tätowierung auf dem linken Arm ist langjähriger Sozialdemokrat und seit 15 Jahren Gewerkschaftsmitglied. Nach der Revolution ein halbes Jahr zuvor war er der Vorsitzende des Arbeiter- und Soldatenrates, danach Volksbeauftragter und schließlich Minister für Militärwesen. Gustav Neuring ist einer der engsten Mitarbeiter von Ministerpräsident Georg Gradnauer. Und die zügige Umbenennung des Kriegsministeriums in „Ministerium für Militärwesen“ – der sozialdemokratischen Regierung ein wichtiges Anliegen – beruht auf Neurings Initiative. Doch erreichen solch feine Unterschiede bereits die über Jahre von Kriegsrhetorik zugedröhnte Bevölkerung? Offensichtlich nicht: An dem Sozialdemokraten pappt der „Kriegsminister“, auch hundert Jahre später noch.

Und Frieden wollen keineswegs alle in diesem Frühjahr 1919. Rechtsradikale und Monarchisten schauen noch schmerzgeplagt nach hinten, Militärs weben an der verschwörungstheoretischen Dolchstoßlegende, wonach vor allem Linke und Demokraten schuld an der Kriegsniederlage sein sollen. Auf der anderen Seite bekämpfen Kommunisten und Spartakisten fanatisch die SPD. Diese sei zum „Verräter der Revolution“ geworden, weil sie aus Angst vor Chaos und Anarchie die linken Aufstände mithilfe des Militärs niederschlagen ließ. Wer wird der Nächste sein? In der kommunistischen Szene fällt der Name Gradnauer. Der verhängt den Ausnahmezustand über Sachsen.

Deutschland kommt nicht zur Ruhe. 1920 wird die junge Republik vom rechtsradikalen Kapp-Putsch erschüttert – nicht mehr im Schützengraben finden sich jetzt viele Männer wieder, sondern im Straßengraben und auf der Barrikade. Ostern 1920 wird auch Dresden vom Putsch heimgesucht: Freiwilligenverbände und rechtsradikale Freikorps unterstützen ihn, dazu Teile der Reichswehr. Auf der anderen Seite bilden sich Arbeiterräte und Aktionsausschüsse, die den Widerstand gegen die Putschisten organisieren. Gewerkschaften rufen zum Generalstreik auf, Linksradikale zum bewaffneten Kampf. In der Stadt toben schon bald bürgerkriegsähnliche Zustände: Geschossen wird im Zwinger, am Theaterplatz, unter der Brühlschen Terrasse. Als die Kämpfe abgeflaut sind, bleiben 59 Tote und 200 Verwundete zurück.

Unsere Autorin Freya Klier, geboren 1950 in Dresden, war Mitbegründerin der DDR-Friedensbewegung. Sie war Schauspielerin und Theaterregisseurin und arbeitet heute als Dokumentarfilmerin und Autorin.

Zur Novemberrevolution und dem Beginn der Weimarer Republik hat Freya Klier ein neues Buch geschrieben: „Dresden 1919. Die Geburt einer neuen Epoche.“ Herder-Verlag, 384 Seiten, 26 Euro.