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So umstritten ist die Garten-Kündigung

Anna Behr musste ihren Dresdner Garten aufgeben, weil der Pachtvertrag nicht verlängert wurde. Ihre Geschichte sorgt unter den Kleingärtnern für Aufregung.

Nach einem Jahr musste Anna Behr ihren Garten in der Sparte im Ostragehege aufgeben. Die Meinungen dazu sind ganz unterschiedlich.
Nach einem Jahr musste Anna Behr ihren Garten in der Sparte im Ostragehege aufgeben. Die Meinungen dazu sind ganz unterschiedlich. © René Meinig

Dresden. Die Landeshauptstadt ist eine Hochburg der Kleingärtner. Fast 50.000 Kleingärten in insgesamt knapp 370 Kleingartenverein organisieren sich unter dem Dach des Stadtverbandes "Dresdner Gartenfreunde". Dazu kommen unzählige private Grünoasen. Dass die Geschichte einer Dresdnerin, deren Pachtvertrag nach einem Jahr nicht verlängert wurde, hohe Wellen schlägt, ist deshalb nicht verwunderlich. Die Reaktionen anderer Dresdner Hobbygärtner sind ganz unterschiedlich. Sie reichen von Mitgefühl über konkrete Hilfsangebote für die junge Frau bis hin zu großem Verständnis für den "Rausschmiss".

Ein kurzer Rückblick: Anna Behr hatte im vergangenen Jahr einen Kleingarten im Ostragehege gepachtet und willigte dabei auch in die Probezeit von einem Jahr ein. Über das, was dann passiert, gibt es unterschiedliche Aussagen von der Pächterin auf der einen Seite und dem Gartenverband sowie dem Spartenvorstand auf der anderen. 

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Es ging um nicht korrekt entsorgten Grünschnitt und eine längere E-Mail-Debatte um das Verbot, Kaninchen im Kleingarten halten zu dürfen. Wer nun Recht hat, ist schwer nachzuprüfen. Was folgte, war die Mitteilung, dass "keine Überführung des Pachtvertrages/der Vereinsmitgliedschaft in eine unbefristete Form vorgesehen" sei. Aber: Eine Begründung fehlt in dem Brief vom April dieses Jahres. 

Anna Behr räumte schließlich ihren Garten, den sie in diesem Sommer so richtig genießen wollte. Erst auf SZ-Nachfrage begründet der Stadtverband mit den erwähnten Vorfällen, warum die angehende Gärtnerin nach so kurzer Zeit schon wieder gehen musste. 

"Regeln müssen befolgt werden"

SZ-Leserin Ingeborg G. kann gut nachvollziehen, dass der Vertrag nicht verlängert wurde, denn es habe sich ja schließlich herausgestellt, dass der Grünschnitt nicht ordnungsgemäß entsorgt wurde und die Pächterin das Tierhalteverbot "erst nach scheinbar endlosen Debatten akzeptiert hat". Ingeborg G. fragt sich: "Warum also sollte der Kleingartenverein diese eigenwillige Pächterin, die schon in der Probezeit die Regeln nicht einhalten will, behalten?"

Wie wichtig die Ordnung in einer Gartenanlage sei, betont auch eine andere Leserin, die bei der SZ anruft, ohne ihren Namen zu nennen. Schließlich seien Regeln dazu da, dass sie befolgt werden müssen - wer dazu nicht bereit sei, habe in einer Gartensparte nichts verloren, sagt sie aufgebracht und legt auf.

Dietmar L. wiederum hält die Probezeit an sich für nicht korrekt und verweist auf das Bundeskleingartengesetz, dass einen befristeten Pachtvertrag ausschließe. Zwar gebe es das Recht auf eine ordentliche Kündigung, dafür müsste der Nutzer aber erheblich gegen das Kleingartengesetz verstoßen. Als Beispiele werden angeführt, dass der Pächter die Laube zum dauerhaften Wohnen nutzt, erhebliche Bewirtschaftungsmängel nicht innerhalb einer angemessenen Frist beseitigt oder Gemeinschaftsleistungen für die Kleingartenanlage verweigert. "Dass die Kündigung ohne Angabe eines Grundes erfolgte, ist nicht nur ein sogenannter Formfehler, sondern kurz gesagt eine Frechheit", schreibt er an die SZ. Die Pacht für ein Jahr solle eigentlich dem Hobbygärtner den Ausstieg aus dem Vertrag erleichtern, wenn er merkt, dass das Gärtnern nicht so seine Sache ist. "Unliebsame Pächter loszuwerden, kann diese Regelung nicht deckeln", findet Dietmar L.

"Komplette Umwälzung nötig"

Maren Martini hat, wie sie ebenfalls der SZ schreibt, ähnliche Erfahrungen wie Anna Behr gemacht. Seit sie ihren Garten im Sommer 2018 übernommen hat, kämpfe sie mit ständigen Auflagen. Ihre Erfahrungen hat sie auf ihrer Internetseite notiert. Dabei habe ein Kleingarten heutzutage eine ganz andere Bedeutung, es gehe um Selbstversorgung, Ruhe und Erholung. Stattdessen werde zusätzlicher Druck und Stress aufgebürdet. Was auch an der Führung der Sparten liege: "Die meisten werden von Vorständen geführt, die 40 Jahre ihre Gärten haben und nach alten Mustern Obst und Gemüse vordergründig anbauen." 

Maren Martini findet, dass es einer kompletten Umwälzung bedarf, dass alteingesessene Vorstände abgelöst werden müssten. Auch, weil ihnen das Verständnis für Veränderungen fehle, die aber schon allein Klima- und Umweltveränderungen mit sich bringen würden. Einer Pächterin nach so kurzer Zeit den Garten wegzunehmen, sei ein Unding, denn jeder Kleingärtner müsse mindestens eine ganze Saison Zeit haben, den Boden, die Lichtverhältnisse und die Pflanzen kennenzulernen und sich darauf einzustellen. "Mit Anfängern, die unerfahren sind, hat man leichtes Spiel, und Gärten sind begehrt."

Naturschutzbund macht sich für naturnahe Gärten stark

Es stimmt: Dresdens Kleingärten sind gefragt wie nie. Gibt es normalerweise zwischen 80 und 90 freie Gärten in Dresden, sind es derzeit gerade einmal 20. Das liegt nicht nur an der Jahreszeit, sondern auch an der Corona-Pandemie. Wenn der Urlaub unsicher ist oder - wie zuletzt - die Kinder wochenlang zu Hause betreut werden müssen, suchen sich viele Dresdner einen Ausgleich. 

Einer, der Anna Behr nun konkret mit einem Garten helfen möchte, ist Jürgen S. Er sei selbst Pächter, der Garten im Zschonergrund ist aber nicht in einem Verein organisiert, sondern in privaten Händen. Nun will er den Garten abgeben. Das Gute daran: Er hat bis vor wenigen Jahren Geflügel dort gehalten - Kaninchen wären also kein Problem. Anna Behr freut sich: "Das ist ja wirklich ein tolles Angebot!"

Auf ihren Fall ist sogar der Naturschutzbund (Nabu) aufmerksam geworden und will Anna Behr helfen, ihren Garten wiederzubekommen. "Wir machen uns als Nabu-Gruppe gerne für jeden stark, der naturnahe Gärten gestaltet", so Sebastian Schmidt vom Nabu Oberes Elbtal. Der Anwalt der Gruppe wolle die Erfolgsaussichten von Anna Behr prüfen. Für sie selbst kommt eine Rückkehr in die Sparte im Ostragehege inzwischen nicht mehr infrage. "Dafür ist zu viel passiert, das Verhältnis wird nie wieder unbelastet sein."

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Immerhin: Anna Behr bekommt nun zumindest einen Teil des Geldes, das sie in den Garten investiert hat, vom Gartenvorstand zurück. Allein für die Laube bezahlte sie 400 Euro. Auch das war zuletzt ein Streitpunkt. "Zum gegebenen Zeitpunkt möchten wir den Erlös aus dem Weiterverkauf der fest verankerten Gegenstände und Pflanzen des Gartens an Sie überweisen", teilt der Vorstand ihr mit. 

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