merken
PLUS Dresden

Die Wahl zwischen Pest und Corona

Im Dresdner Bärenzwinger geben sich Romeos und Julias Eltern ein tödliches Gift von Hand zu Hand. Es besteht aus Egoismus, Geldgier und Lieblosigkeit.

Theater spielen mit Mindestabstand: Das klappt am besten per Gift. Die Capulets und Montagues gehen sich auf Distanz an die Gurgel. So verlangt es das Hygienekonzept im Sommertheater.
Theater spielen mit Mindestabstand: Das klappt am besten per Gift. Die Capulets und Montagues gehen sich auf Distanz an die Gurgel. So verlangt es das Hygienekonzept im Sommertheater. © Eric Münch

Dresden. Die Frage, wofür er das tut, hat sich Peter Förster nie gestellt. Unbeirrt setzte sich der Theaterautor und Regisseur Anfang des Jahres an seinen Schreibtisch, um zu dichten, wie er seit 16 Jahren dichtet - ein neues Stück für das Sommertheater im Bärenzwinger.

Dabei schlossen gerade alle Bühnen, das Publikum musste zu Hause bleiben. Die Schauspieler auch. "Aber ich habe mir gesagt: Dann spielen wir es halt im Herbst oder nächstes Jahr. Umsonst wird es nicht sein." Denn wenn Peter Förster eine Idee im Kopf hat, lässt sie sich nicht einfach heimschicken. Sie muss raus in die Welt. Trotz oder gerade wegen Corona.

Anzeige
Trendmarken in der Centrum Galerie
Trendmarken in der Centrum Galerie

Auch die Centrum Galerie ist mit vielen internationalen Marken und lokalen Händlern bei der langen Nacht des Shoppings dabei.

"Das Wort taucht im ganzen Stück nicht ein Mal auf", sagt der 54-Jährige. Und doch ist sie da, die Pandemie: In Form all der schlechten Eigenschaften, die Menschen so an sich haben und die sie an den Rand des Untergangs bringen, manchmal auch einen Schritt weiter. "Romeo und Julia", William Shakespeares Tragödie, vereint für Förster alles, was die Welt bewegt: Liebe und Gemeinheit, Hoffnung und Verderben. Für seine 17. Spielzeit unterm Glasdach des Studentenclubs an der Brühlschen Terrasse nutzt der Theatermacher das Drama als eine Art Unterlage, auf die er seinen Edelreißer setzt. 

Das Ensemble aus jungen Schauspielern und Schauspielstudenten verstärkt Erik Brünner, den Theaterfreunde von vielen großen Bühnen kennt.
Das Ensemble aus jungen Schauspielern und Schauspielstudenten verstärkt Erik Brünner, den Theaterfreunde von vielen großen Bühnen kennt. © Eric Münch

Der ist in traditioneller Weise mit Witz, Feinsinn und absichtsvoller Betonung gereimt. "Ich habe mir ein Stück gesucht, das in der Renaissance spielt, also in einer Blütezeit, in der es den Menschen sehr gut ging. Doch es gab auch Pestepidemien, die den Menschen Angst machten und Tausende dahinrafften." Vor diesem Hintergrund und weil das C-Wort allerorten bis zum Erbrechen bemüht wird, hielt es Peter Förster gänzlich aus seinem Text heraus, darauf bauend, dass sein Publikum die Analogien von allein versteht.

Über das Coronavirus informieren wir Sie laufend aktuell in unserem Newsblog.

Die alte Familie Capulet hat ihren Besitz von Generation zu Generation gemehrt. Der jüngste Spross Julia wurde mit goldenem Löffel im Mund geboren. Doch in der modernen Zeit des Verona und Mantua im 14. Jahrhundert laufen die Geschäfte anders als gewohnt. Was sich früher zu Geld machen ließ, verkauft sich heute nicht mehr. Capulets sind wirtschaftlich am Ende. Ihre einzige Soforthilfe heißt Julia. Die wollen die Eltern möglichst reich verheiraten.

Am liebsten an einen, der die Zeichen der Zeit besser erkannt zu haben scheint, einer der zum Besitzbürgertum aufgestiegen ist, vielleicht durch Immobilienhandel oder als Informationstechnologe. Immerhin weiß der neureiche Bewerber um Julias jugendliche Hand Informationen gekonnt zu platzieren. Was im Sprech der Capulets noch grundsolide Intrige hieß, sind nun Fake News. 

Liebeslust und des Mörders Frust

Die betreffen vor allem Sinn und Zweck eines Giftes, das der Apotheker anmischt. Vermeintlich soll damit ein kläffender Hund aus der Welt geschafft werden. In Wahrheit aber erhofft sich jeder, der das Fläschchen in die Hände bekommt, damit seine Ziele erreichen zu können - von Liebeslust bis Mord am Widersacher. 

"Wer hat am Ende Schuld?", fragt Peter Förster zwischen den Zeilen: Derjenige, der giftiges in Auftrag gibt? Oder der Giftmischer allein? Der es als Lebenselixier verkennt oder gänzlich ahnungslos ins Verderben rennt? Von einer Hand zur nächsten geht der Kelch und an niemandem vorüber, wie es sich für Shakespeare gehört. Aber nicht ganz. Schließlich hat Peter Förster etliche Wörtchen mitgeschrieben.

Sie können zueinander nicht kommen - weniger wegen der unüberwindlichen Höhe von Julias Balkon, sondern weil Romeo in seiner wunderbaren Verpeiltheit die Nachtigall nicht trapsen hört.
Sie können zueinander nicht kommen - weniger wegen der unüberwindlichen Höhe von Julias Balkon, sondern weil Romeo in seiner wunderbaren Verpeiltheit die Nachtigall nicht trapsen hört. © Eric Münch

Statt der üblichen 199 Plätze, die er im Bärenzwinger zu vergeben hat, darf er momentan nur 60 besetzen. "Sicher wird das am Ende des Jahres wirtschaftlich weh tun. Aber ich bezahle alle Schauspieler und auch die Miete regulär", sagt der Autor, Regisseur, Beleuchter, Ticketverkäufer und Platzwart auf der Besetzungscouch in einer Person. Wenn er am Anfang jedes Jahres die Rollen für das neue Stück ausschreibt, bekommt er jeweils 250 bis 300 Bewerbungen. "Ich sehe mir jede einzelne an, telefoniere mit den meisten Schauspielerinnen und Schauspielern und lasse viele vorspielen." Das Auswahlverfahren dauert deshalb vier bis sechs Wochen. Erst wenn die Rollen besetzt sind, schreibt Peter Förster den Künstlern ihren Text auf den Leib.

So hält er es immer - früher, in diesem verkorksten Jahr und auch im nächsten, hoffentlich besseren. Peter Förster ist zuversichtlich: "Wir werden diese Zeit überleben und auch im kommenden Sommer wieder spielen." 

"Die Legende von Romeo und Julia" ist noch bis zum 6. September im Bärenzwinger zu sehen. Weitere Informationen zu Programm und Ticketverkauf finden Sie hier. 

Abonnieren Sie unseren kostenlosen Newsletter "Dresden kompakt" und erhalten Sie alle Nachrichten aus der Stadt jeden Abend direkt in Ihr Postfach.

Mehr Nachrichten aus Dresden lesen Sie hier.

Mehr zum Thema Dresden