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Wackelt im Wasser und hat Luft

Stand-up-Paddeln boomt. Yoga schon viel länger. Julia Klesse aus Dresden schippert auf den See hinaus und verbindet beides zu einem Anti-Stress-Programm.

Sie hat den Bogen raus: Julia Klesse auf ihrem Stand-up-Board in der Yoga-Haltung Dhanurasana.
Sie hat den Bogen raus: Julia Klesse auf ihrem Stand-up-Board in der Yoga-Haltung Dhanurasana. © Christian Juppe

Dresden. Es werden immer mehr. Sie kommen aus allen Richtungen und stapfen durch den Sand zum See. Dort schieben sie riesige Bretter aufs Wasser und klettern hinterher. Auch auf den Flüssen sind sie unterwegs, paddeln stehend oder auf Knien gegen den Strom. Selbst die Meere sind voll davon, und noch vor einem Jahr fragten sich viele Augenzeugen: Was zum Hecht machen die da? 

Solche Fragen stellt inzwischen fast niemand mehr, Stand-up-Paddler gehören zum Sommerfeeling und immer mehr Menschen begeistern sich für diesen Sport. Aldi und Otto bieten aufblasbare Stand-up-Boards an. Das Stehpaddeln ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Wer kein eigenes Schwimmbrett anschaffen will, leiht sich eins aus. Auch Kurse und Touren werden angeboten.

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Julia Klesse lädt an diesem Morgen an der Pratzschwitzer Kiesgrube ihr Equipment aus dem Auto. Für ihre sieben Kursteilnehmerinnen hat sie jeweils ein aufblasbares Board dabei. Dazu ihre schwimmende Insel. Doch Julia beabsichtigt nicht, das zu machen, was andere schon tun. Sie lotst keine panisch paddelnden Anfänger durch die Wellen. Gewöhnt sie nicht Schlag um Schlag an den Ballanceakt. Sie will etwas Neues.

Sternchen in Bollywood

Die Neugierde ist Julia Klesse unterm blonden Pony förmlich auf die Stirn geschrieben. "Ich muss mich immer weiterentwickeln, wachsen, lernen", sagt sie von sich. Entsprechend liest sich auch ihr Lebenslauf. Die Vita der 35-Jährigen ist länger als die der meisten betagten Menschen. Italien, Portugal, Österreich, Indien, Türkei, USA sind Stationen ihres Lebens.

Nach der Schule ging Julia zunächst ein Jahr als Au Pair in die USA und absolvierte danach ihr Musical-Studium an einer Münchner Akademie. Die darauffolgende Ausbildung zur Tanztherapeutin in Braunschweig mag noch in das Schema "Mach was Vernünftiges" gepasst haben. Es folgte eine Yoga-Ausbildung in Kalkutta und weitere zur Saunameisterin, Babymasseurin und Trainerin in allen denkbaren Fitness-Disziplinen. Über Jahre war Julia Klesse in verschiedenen Robinson-Clubs als Choreografin, Tänzerin, Sängerin und schließlich als Managerin des Fitness- oder Entertainmentbereichs angestellt. 

Für Fortgeschrittene: Kopfstand auf dem schwimmenden Brett ist eine von Julias Lieblingsübungen.
Für Fortgeschrittene: Kopfstand auf dem schwimmenden Brett ist eine von Julias Lieblingsübungen. © Christian Juppe

Dass Julia es sogar nach Bollywood schaffte, ist eine Episode, die ebenso skurril wie mutig klingt. Statt es sich am Ende einer Indien-Reise langweilig werden zu lassen, ging sie zielstrebig einen Punkt auf ihrer Lebens-To-do-Liste an und flanierte so lange auf dem berühmtesten Boulevard in Mumbai umher, bis ein Film-Scout sie ansprach. Zwei Jahre lang lebte und arbeitete sie für die berühmten musicalartigen Filme voller Tanz und Gesang und ohne tiefgründige Handlung. Als Blondine verkörperte Julia meistens die verführerische Lady aus der westlichen Welt.

Der Alltag in der Millionenmetropole Mumbai mag anfangs spannend und exotisch gewesen sein. Auch die Jobs beim Film wirkten vielversprechend. Die ganz große Karriere wurde nicht daraus, und so zog Julia weiter nach Portugal und Österreich bis vor fünfeinhalb Jahren ihr Sohn Samuel zur Welt kam.

Adler, Hund & Co.

Inzwischen lebt die gebürtige Dresdnerin wieder in ihrer alten Heimat. Zur Kiesgrube hat sie ihre kleine Tochter Laya mitgebracht. Sie schlummert gut behütet in einer Strandmuschel, während ihre Mutter acht Frauen begrüßt. Die sind gekommen, um etwas zu lernen, was Julias geistiges Eigentum und unter dem Namen "Woga" als Wort-Bild-Marke beim Patentamt angemeldet ist: Ein Kursprogramm für Yoga auf dem Wasser.

Zusammen mit einer Freundin hat es Julia Klesse entwickelt und vermarktet es nun, ähnlich wie es andere Anbieter für lizenzierte Fitnessprogramme tun. "Yoga auf dem Stand-up-Board mitten auf einem See beinhaltet alles, was Yoga ist und bewirken soll", sagt sie. Nach einer kurzen Einführung an Land selbstständig aufs Wasser hinaus zu paddeln, den Wind zu spüren, kühle Nässe unter den Sohlen zu fühlen, die Natur ringsum zu sehen und schließlich an einer Plattform anzudocken, ersetzt jedes noch so innige "Om". "Wer mit mir Woga macht, hat keine Zeit und keine Gedanken für anderes frei, als sich auf sich selbst und die Yogaübungen zu konzentrieren." Diese wackelige Angelegenheit an frischer Luft fordert alle Sinne. 

Schön Balance halten, nur nicht ins Wasser fallen! Die kalte Nässe des Bretts am Bauch jagt Schauer über die Haut. Doch rasch hat sich der Körper erwärmt, folgt unter der gebotenen Muskelspannung den Asanas. So nennen Yogis die überwiegend ruhenden Körperstellungen mit für Neulinge lustigen Namen. Da gibt es den auf- und herabschauenden Hund, die Adlerhaltung, Fisch, Kobra und Heuschrecke. 

Die Kursteilnehmerinnen am Pratzschwitzer See sind überwiegend im Yoga geübt. Die meisten unterrichten selbst und wollen nun von Julia die besondere Form Woga erlernen, Theorie und Praxis gehören dazu. Anfängerkurse bis Meisterklassen bietet sie an. Die heutige Runde versucht sich abschließend an schwierigen Übungen wie Kopfstand und der sogenannten Baumhaltung. Ganz ohne Platsch ins Wasser geht das nicht ab. Prusten und Gelächter.

So beendet Julia Klesse am liebsten ihre Kursstunden - wenn nicht gerade mit einer überraschenden Abkühlung, dann mit Lach-Yoga: "So sind am Ende alle wach und gut gelaunt für den ganzen Tag."

Geschafft! Meisterklasse beendet: Nun hat die Welt wieder sieben Woga-Kursleiter mehr.
Geschafft! Meisterklasse beendet: Nun hat die Welt wieder sieben Woga-Kursleiter mehr. © Christian Juppe

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