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Was bedeuten die Steinkreuze in Dresden?

Ein Dutzend alter Sandsteinkreuze ist an Dresdner Straßen zu finden. Sie stehen dort seit Hunderten von Jahren - und haben eine brutale Geschichte zu erzählen.

Archäologe Thomas Westphalen zeigt das alte Steinkreuz, das an der Königsbrücke Straße am Abzweig nach Hellerau steht.
Archäologe Thomas Westphalen zeigt das alte Steinkreuz, das an der Königsbrücke Straße am Abzweig nach Hellerau steht. © Sven Ellger

Dresden. Autos rollen auf der Königsbrücker Straße vorbei, eine Straßenbahn ist an der Haltestelle Moritzburger Weg am Abzweig nach Hellerau gerade abgefahren. Fast unscheinbar steht ein verwittertes Sandsteinkreuz neben der Haltestelle, das kaum auffällt. Dabei hat es für die sächsische Geschichte eine besondere Bedeutung, erläutert Abteilungsleiter Thomas Westphalen vom Landesamt für Archäologie. Solche Steinkreuze sind archäologische Denkmäler, die genau erfasst sind. Das Kreuz in Hellerberge stammt aus dem frühen 15. Jahrhundert.

Zwischen 1385 und 1402 hatten sich die Wettiner mit den Dohnaer Burggrafen während der Dohnaischen Fehde um die Herrschaft gestritten, so Westphalen. 1402 hatte Markgraf Wilhelm I. die Dohnaer Burg belagert und eingenommen. Während der Kämpfe mit dem Markgrafen um Dohna und Weesenstein um die Vorherrschaft im ganzen Gebiet hatte der Burggraf seine Kinder Margarete und Wenzel zu einer befreundeten Familie nach Königsbrück geschickt. Geführt wurden sie vom Dohnaer Ritter Jonas Daniel, der die Kinder in Sicherheit bringen sollte, erzählt der Archäologe. Auf der Straße von Dresden nach Königsbrück wurde die Gruppe jedoch von einer feindlichen Reiterschar überfallen.  

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Jonas soll die Kinder einem Knappen übergeben haben, der sie nach Königsbrück brachte. Der Ritter kämpfte gegen die Angreifer und fiel dabei. „Wer das Steinkreuz aufgestellt hat, ist unbekannt“, sagt Westphalen. Offenbar waren es aber Sympathisanten der Dohnaer. Auf dem Kreuz stand die lateinische Inschrift „FINIS MILITIS IHONAS DANIEL 1402“. Frei übersetzt heißt das: Hier fiel Ritter Jonas Daniel 1402. Die Inschrift ist nach über 600 Jahren so stark verwittert, dass sie nicht mehr lesbar ist.

In Dresden gibt es zwölf solche Steinkreuze, in Sachsen rund 300 und in Deutschland etwa 4.000. Wegen ihrer Funktion seien sie auch als Sühnekreuze bezeichnet worden. „Sie wurden dort aufgestellt, wo ein Schwerverbrechen wie Mord oder Totschlag begangen wurde“, erläutert er. „Als Zeichen der Sühne konnten die Täter dazu verurteilt werden, solche Erinnerungsmale zu errichten.“ Das sei vom Spätmittelalter um 1300 bis ins 17. Jahrhundert hinein geschehen. In der Regel standen sie an den Wegen nahe der Orte, wo die Verbrechen geschehen waren. Die Kreuze waren aus verschiedenen Gesteinen wie Sandstein oder Granit, die es in der jeweiligen Gegend gab.

Die Steinkreuze würden heute aber meistens nicht mehr an ihren ursprünglichen Standorten stehen. Viele von ihnen wurden ein Stück verschoben, da sie später im Wege standen. 

Nicht weit vom Steinkreuz an der Königsbrücker Straße in Hellerberge entfernt wurde ein weiteres in Altklotzsche entdeckt. Über den Ursprung ist nichts bekannt, erklärt Westphalen. Dieses Sühnekreuz befindet sich in der Kirchhofsmauer um das Grundstück der dortigen Kirche, direkt neben dem alten Spritzenhaus der Alklotzscher Feuerwehr, das heute als Garage dient. 

Kirchnerin Petra Kunath zeigt das vor acht Jahren entdeckte Kreuz in Alklotzsche. Bei der Sanierung der Kirche war es in dieser dicken Mauer entdeckt worden.
Kirchnerin Petra Kunath zeigt das vor acht Jahren entdeckte Kreuz in Alklotzsche. Bei der Sanierung der Kirche war es in dieser dicken Mauer entdeckt worden. © Sven Ellger

Bei der Sanierung wurde das Sühnekreuz im August 2012 entdeckt, berichtet Kirchnerin Petra Kunath. Es war hinter Mörtel, Sträuchern und Unkraut verborgen. Das Oberteil und der Schaft sind nach Art eines Malteserkreuzes gestaltet. Die Kirche war 1811 geweiht worden. „Ich vermute, dass das Steinkreuz in dem Zuge in die Mauer integriert wurde“, sagt sie. Denn auch vorher hatte dort eine Kirche gestanden. „Es kann sein, dass die etwa einen Meter starke Mauer älter ist.“

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