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Das Sterben beginnt nicht erst mit dem Tod

Siglinde Winklmann und ihr Mann hatten große Pläne für den Ruhestand. Dann starb er an Krebs und sie blieb mit der Leere zurück. So fand sie den Lebensmut wieder.

Siglinde Winklmann möchte etwas von der Wärme zurückgeben, die sie selbst als Trauende beim Christlichen Hospizdienst spüren durfte.
Siglinde Winklmann möchte etwas von der Wärme zurückgeben, die sie selbst als Trauende beim Christlichen Hospizdienst spüren durfte. © Christian Juppe

Die Diagnose ließ sie erstarren. Siglinde Winklmann und ihr Mann Bernd, die bis dahin immer über alles reden konnten, wurden plötzlich sprachlos im Umgang miteinander. Darmkrebs im fortgeschrittenen Stadium hatten die Ärzte im Januar 2015 bei ihm festgestellt. Eine Chemotherapie blieb wirkungslos. Geklagt hat Bernd nie. „Bis dahin hatte er für alle Situationen im Leben eine Lösung parat“, sagt sie. „Er war immer der Fels in der Brandung.“ Nun begann der Fels zu bröckeln. Nur zehn Monate später starb Bernd.

Psychologische Hilfe hatten sich die beiden bis zuletzt keine gesucht. Vermutlich hätten sie auch keine angenommen. Wie automatisiert durchlebten sie die letzten Wochen und Monate. Dass auch Siglinde zwischendurch schwer erkrankte, weil sie dem Druck nicht mehr gewachsen war, blieb rückblickend eine Randnotiz. Wenn Bernd etwas im Alltag nicht mehr schaffte, dann übernahm sie die Aufgabe, ohne dass sie darüber Worte verloren. Sie wussten beide, was kommen würde, „aber vorbereitet sein kann man auf diesen Moment trotzdem nicht“, sagt Siglinde Winklmann. Sie hatte so gehofft, dass ihr noch etwas mehr Zeit geschenkt würde. Sie hatten doch so große Pläne für ihren gemeinsamen Ruhestand. Was sollte davon nun noch übrig bleiben? Leere, Trauer, Fassungslosigkeit.

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Erst einige Zeit später wurde der 67-Jährigen bewusst, wie viele wichtige Dinge sie ihm noch hätte sagen wollen. Wie viele Fragen unbeantwortet geblieben sind. Irgendetwas in ihr hatte wohl geglaubt, wenn sie dem Schicksal keine Beachtung schenke, es ignoriere, auf Distanz halte, dann müsse es doch auch einen großen Bogen um sie machen. Doch das tat es nicht. Nun war sie allein.

Sechs Wochen nach Bernds Tod fiel ihr im St. Joseph-Stift ein Flyer des Christlichen Hospizdienstes in die Hände, in dem sie vor einem Trauerabend las. Zunächst fürchtete sie, dass dort ihre Gläubigkeit geprüft werde. Sie ist zwar getauft, aber schon länger nicht mehr regelmäßig in der Kirche. Wie sich bald herausstellen sollte, sind die meisten Besucher des Christlichen Hospizdienstes konfessionslos.

Lachen bis zum letzten Tag

„Eines Tages bin ich einfach hingegangen“, erinnert sie sich. „Die Tür ging auf, und mich hat Wärme empfangen.“ In den Gesprächsrunden öffnete sich Siglinde Winklmann zum ersten Mal, fand Menschen, die ihr zuhörten und mit denen sie ihre Sorgen und Ängste teilen konnte. Anderthalb Jahre lang hatte sie regelmäßig Einzelgespräche und besuchte den Trauerkreis. Mit jedem Tag spürte sie, wie ihr Lebensmut zurückkehrte. Irgendwann hatte sie sogar die Kraft, einige Dinge daheim im Haus noch zu ordnen und sich von der Geweihsammlung ihres Mannes zu trennen. Ihr Bernd war leidenschaftlicher Jäger.

Von dieser Hilfe will Siglinde Winklmann nun etwas zurückgeben. Anfang des Jahres machte sie eine Ausbildung zum ehrenamtlichen Begleiter für schwerkranke Menschen. Seit wenigen Wochen steht sie zum ersten Mal einer Frau mit einer unheilbaren Tumorerkrankung zur Seite. Die Frau will nicht mehr operiert werden und möchte gern zu Hause sterben, wie sie sagt. Ihr Mann unterstützt sie nach Kräften und ist doch froh, dass Siglinde Winklmann nun Teil dieses schweren letzten Weges sein wird.

Einen festen Tag für ihre Treffen gibt es nicht. Siglinde kommt, wenn sie gebraucht wird. Gemeinsam reden die beiden Frauen dann in der Sitzecke im Wohnzimmer, hören Johann Strauß, lachen viel. Manchmal liest Siglinde Winklmann ihr auch etwas vor. Sie sei selbst überrascht gewesen, wie schnell sich die Frau ihr gegenüber geöffnet habe. Auch sie selbst habe bereits nach wenigen Minuten keine inneren Widerstände mehr gespürt und über alles geredet. So wie sie es auch mit ihrem Bernd hätte tun sollen. Wenn er sie jetzt sehen würde, da ist sie sich sicher. Er würde ihr sagen: „Das machst du gut, Siglinde.“

Ehrenamtliche Helfer gesucht

Keine Frage, ihre Hilfe über den Hospizdienst bereichert auch ihr eigenes Leben. Die Dankbarkeit der Familie trifft sie direkt ins Herz. „Es ist ein ganz tolles Gefühl, jemandem Glück zu schenken“, sagt sie und muss sich nun doch ein paar Tränen aus den Augen wischen. „Wir vergessen heute oft, dass der Tod ein Teil des Lebens ist, und dass er genauso würdevoll sein sollte wie die Geburt.“ Wenn sie nach ihren Besuchen durch die Haustür hinaus auf die Straße tritt, dann fragt sich Siglinde Winklmann oft, ob die Menschen vergessen hätten, was in dieser immer schnelleren und oberflächlicheren Welt wirklich wichtig sei. Das Leben spüren. Bis zuletzt.

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Auf rund 130 ehrenamtliche Begleiter kann der Christliche Hospizdienst derzeit zurückgreifen. Die Nachfrage ist groß, deswegen werden Interessenten mit offenen Armen empfangen. Regelmäßig starten neue Ausbildungen. Während bei Siglinde Winklmann das Engagement aus einer ganz persönlichen Verbindung heraus erwuchs, wollen andere einfach helfen. Oft kommt dann eine Plattform ins Spiel, die die Freiwilligenagentur der Bürgerstiftung Dresden ins Leben gerufen hat. Auf www.ehrensache.jetzt werden Menschen, die sich engagieren wollen, mit Initiativen und Vereinen zusammengebracht, die Hilfe brauchen. 

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