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Susanne Dagen: "Ich provoziere gerne"

Die Dresdnerin Susanne Dagen nennt sich selbst „rechte Tante“. Für welches Spitzenamt die umstrittene Buchhändlerin jetzt vorgeschlagen wird.

Susanne Dagen vor ihrem Buchladen in Loschwitz, im angrenzenden Kulturhaus geht es regelmäßig um rechte Autoren.
Susanne Dagen vor ihrem Buchladen in Loschwitz, im angrenzenden Kulturhaus geht es regelmäßig um rechte Autoren. © Sven Ellger

Was hat Susanne Dagen in die Politik getrieben? Bis vor einem Jahr hätte sie im Traum nicht damit gerechnet, dass sie für den Stadtrat kandidiert und gewählt wird, sagt die 1972 in Dresden geborene Buchhändlerin. „Das war die Situation, in der ich mich zum ersten Mal mit dem Rücken zur Wand gefühlt habe. Ich habe gedacht, da kommst du nicht mehr raus.“ Grund dafür seien eine Reihe an Medienberichten über sie gewesen und die Vielzahl an Anfeindungen im Internet.

Weshalb Dagen für Interesse und gleichzeitig Ablehnung sorgt, ist zusammengefasst das: Sie gibt rechten Autoren eine Plattform, macht mit ihrer Freundin – der Publizistin der Neuen Rechten, Ellen Kositza – Veranstaltungen, erklärt in einem Interview, dass sie AfD wählt, weil sie von der CDU enttäuscht ist, sorgt mit der „Charta 2017“ für Wirbel. Immer wieder tritt sie in neurechten Zusammenhängen in Erscheinung – gab „Compact“ und dem rechtsextremen Magazin „Sezession“ Interviews, trat bei „Ein Prozent“ auf, sagt, sie habe mit Pegida kein Problem. Sie saß im Kuratorium der von der AfD gegründeten „Desiderius-Erasmus-Stiftung“, aus der sie herausflog, weil sie nicht für die AfD, sondern die Freien Wähler antrat.

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„Aufgeblättert. Zugeschlagen. Mit Rechten lesen“ – so lautet der Titel ihrer aktuellsten Reihe mit Kositza. Dass es für mehr als Irritationen sorgt, eine Veranstaltungsreihe so zu nennen, war ihr bewusst. „Natürlich ist das eine Provokation. Ich provoziere gerne – das Lachen, das Denken, die Abscheu, die Abneigung. Die Linken haben einfach keinen Humor“, zur Unterstreichung der Aussage wirbelt Dagen mit den Armen umher und lacht. 

Dagen und ihr Mann Michael Bormann betreiben das Buchhaus und das angrenzende Kulturhaus Loschwitz. Gleich neben dem Buchladen geht es zum Haus, in dem sie leben und auch Ferienwohnungen vermieten. Die Wohnküche ist gemütlich, die Familie gastfreundlich. Dagen und Bormann haben zwei Töchter. Die finden es häufig gar nicht gut, wenn über Mama wieder etwas in der Zeitung steht, sagt die Buchhändlerin.

Dass Dagen immer wieder Thema ist, überrascht sie selbst nicht, sagt sie. „Aber mich wundert die Heftigkeit.“ Persönliche Angriffe in sozialen Netzwerken wie Twitter, aber auch direkte verbale Kritik und das Fernbleiben von Kunden machen ihr schon zu schaffen. Aber sie zündet andererseits auch immer wieder gezielte Provokationen. Die „Charta 2017“ war auch so eine. 

Bei der Buchmesse in Frankfurt kam es zu mehreren Übergriffen auf rechte Verlage und Autoren, die der Identitären Bewegung angehören. Dagen kritisiert in der „Charta“, die mehrere Autoren wie auch Uwe Tellkampf unterzeichneten, den Veranstalter, den Börsenverein des Deutschen Buchhandels. In dem war auch Dagen zu der Zeit Mitglied und ist mittlerweile ausgetreten. 

Dagen sehe eine „Gesinnungsdiktatur“ nicht mehr weit entfernt, weil der Branchenverband bereits im Vorfeld zur „aktiven Auseinandersetzung“ mit Verlagen aus unterschiedlichen politischen Richtungen aufgerufen habe. „Das war keine Verteidigung der rechten Verlage. Aber das ging gegen mein Gerechtigkeitsempfinden. Ich war damals eigentlich nicht wirklich ein politischer Mensch. Aber ich habe ein großes Gerechtigkeitsempfinden. Man hat mich damit politisch gemacht.“ Allerdings gab es bei der Messe auch Störungen und Provokationen durch Neurechte. Das klammert Dagen aber aus.

Sehenden Auges in Konfrontationen

Im September 2018 wurde sie bei einer Veranstaltung im Hygienemuseum gebeten, zu gehen. „Echokammern und Filterblasen: Vernetzung über Social Media“, nannte sich der Workshop im Rahmen der Tagung „Die neue Mitte? Rechte Ideologien und Bewegungen in Europa“, an der Dagen teilnahm – aus Interesse, wie sie sagt. Dagen klagte gegen den Rauswurf und war erneut wochenlang in den Medien, bis das Gericht entschied, dass Dagen nicht hätte ausgeschlossen werden dürfen, ihr aber auch keine Entschädigung zusteht.

Ihre Kindheit sei geprägt von der „familiären Situation“, wie sie es nennt. Aufgewachsen als Einzelkind einer alleinerziehenden Mutter, die Galeristin im Staatlichen Kunsthandel war. „Meine Mutter war immer wieder mit der Obrigkeit in Konflikt, weil sie zum Beispiel Künstler ausgestellt hat, die Ausreiseanträge gestellt hatten. Weil sie keinen Lebenspartner und damit keinen Austausch hatte, war sie häufig sehr angespannt.“ 

Dadurch habe Dagen früh gelernt, wie sie sich verhalten müsse, damit es nicht eskaliert. „Das ist eine Erfahrung, die ich positiv einsetzen kann.“ Sie habe sich ein „dickes Fell“ antrainiert, weil ihr sonst häufig das Temperament durchgehen würde. „Sehenden Auges in eine Konfrontation zu gehen und dabei nicht zugrunde zu gehen, halte ich für absolut wichtig.“ 

Genauso blickt auch Maximilian Krah auf sie. Der AfD-Europaabgeordnete und Anwalt hat Dagen im Prozess um den Rauswurf aus dem Hygienemuseum vertreten. „Sie hat kein Problem damit, ihre Meinung zu sagen, auch wenn es ihr Nachteile bringt.“ Krah hält Dagen für die „interessanteste Person in der Dresdner Kulturszene“ und sieht sie sogar als mögliche künftige Kulturbürgermeisterin.

Dagen wurde musikalisch erzogen, lernte Klavier und Gesang. Was sie bis heute noch gerne macht. Mit 16 Jahren, nach dem Fachabitur, kam sie auf ein spezielles Internat in Zwickau. „Das war die schlimmste Zeit meines Lebens, mit fünf Mädels auf einem Zimmer.“ Dagen war fleißig, konnte mit den hochbegabten Musikerinnen aber nur mit immer mehr Anstrengung mithalten. Nach dem Abitur kam sie zurück nach Dresden. Das war im Sommer 1989. Dann kam die Wende. Susanne Dagen arbeitete zu der Zeit in der Galerie im Kulturpalast bei ihrer Mutter. Das war schnell vorbei. Ihre Bewerbung bei der Musikhochschule um ein Gesangs-Studium wurde abgelehnt. „Dann habe ich eineinhalb Jahre auf der Straße gearbeitet.“ Dagen verkaufte Taschen, Tücher, Schmuck und auf Weihnachtsmärkten Mineralien.

Eine Lehre als Buchhändlerin hat sie 1991 begonnen. Damals wurden die Lehrlinge aus den neuen Bundesländern zentral in Leipzig in Theorie ausgebildet. Bormann, ihr späterer Mann, ist eigentlich aus dem Westen, machte seine Ausbildung aber in Rostock. Sie lernten sich in der gemeinsamen Klasse kennen. Ihre Lehre beendete Dagen in einer kleinen und wie sie sagt „linksalternativen“ Buchhandlung in Rostock. Der Inhaber war DKP-Mitglied. Danach gingen beide nach Dresden und gründeten das Buchhaus Loschwitz.

„Da wusste ich, was ich tun muss“

Dagen haben aber auch immer andere Dinge umgetrieben. Sie hat zusätzlich Französisch und Kroatisch gelernt und eine Weiterbildung zur Heilpraktikerin gemacht. „Um andere Teile meines Gehirns auszulasten.“ Durch ihre eher konservative Erziehung sei sie lange CDU-Wählerin gewesen. „Ab 2009 hat sich das Spielfeld in der Politik verschoben. Die CDU ist immer weiter nach links gerückt.“ 

Dazu habe sie das Gefühl bekommen, Autoren mit rechten Positionen würden ausgegrenzt. „Wenn etwas verschwinden soll, beteilige ich mich nicht daran, sondern zeige, dass es das gibt“, damit erklärt sie, dass sie immer wieder rechte Autoren in ihrem Kulturhaus eine öffentliche Plattform gibt. Nein, das sei kein „Geschäftsmodell“, wie ihr vorgeworfen wird. „Ich halte die Beiträge für so wesentlich, dass sie einer Öffentlichkeit bedürfen.“ Zur Reihe mit Kositza „Mit Rechten lesen“, sagt sie: „Da sitzen zwei rechte Tanten mit einem Gast und reden über Bücher.“ Das sei politisch eher langweilig, deshalb habe sie den Titel gewählt. „Ich bin ja auch Geschäftsfrau.“

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Seit Kurzem ist sie auch Stadträtin. Zur Kandidatur habe sie sich nach den Anfeindungen entschieden, als sie morgens in ihrem Ferienhaus am Lilienstein aufgewacht ist. „Da wusste ich, was ich tun muss.“ Auch im Stadtrat provoziert sie bewusst. Die Freien Wähler haben sich auf ihr Anraten etwa entschieden, der autofreien Louisenstraße in der Neustadt zuzustimmen. „Wer Grün wählt, soll Grün bekommen. Das ist eine Wertschätzung des Wählerwillens und das Ziel, dass die Neustadt in fünf Jahren nicht mehr Grün wählt.“

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