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„Ich weiß, ich sehe anders aus“

Tesha Harry, Ex-Volleyballerin des DSC, ist nach dem Karriere-Ende in Dresden geblieben. Sie wäre noch glücklicher hier, wenn es keinen Alltagsrassismus gäbe.

Ex-Volleyballerin Tesha Harry arbeitet jetzt als Sportkoordinatorin und -lehrerin an der Dresden International School.
Ex-Volleyballerin Tesha Harry arbeitet jetzt als Sportkoordinatorin und -lehrerin an der Dresden International School. © Jürgen Lösel

Dresden. Sie braucht zwei Tage, um über die Anfrage nachzudenken. Dass sich Sportler politisch äußern, ist in Deutschland nicht an der Tagesordnung. Doch die Ereignisse der letzten Tage und Wochen um die Ermordung von George Floyd durch einen Polizisten und die weltweiten Demonstrationen gegen Rassismus haben auch Tesha Harry unheimlich aufgewühlt.

Die mittlerweile 39-Jährige ist seit zwölf Jahren Wahl-Dresdnerin. Die US-Amerikanerin spielte als Volleyball-Profi nach Stationen in Braunschweig, Berlin und Wiesbaden zwischen 2008 und 2012 für den Dresdner SC, gewann mit dem Verein den Pokal sowie die Vizemeisterschaft. Nach ihrem Karriereende blieb sie in der sächsischen Landeshauptstadt – anders als viele internationale Profis.

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„Mein Herz hat mir gesagt: Bleibe hier“, sagt Harry und verschränkt wie zum Beweis beide Hände über ihrem Herzen. Sie schätzt die Lebensqualität, die vergleichsweise Ruhe, die strukturellen Bedingungen. Damals war sie mit einem Dresdner liiert, heute ist sie mit dem ehemaligen Basketball-Profi Andrew Jones verheiratet, das Paar hat eine vierjährige Tochter. Savannah ist gebürtige Dresdnerin.

Die Ereignisse zu Hause in den USA bewegen sie. Doch Rassismus im Alltag, sagt die dunkelhäutige Ex-Sportlerin, gibt es überall. „Ich kann mich nur an eine Begebenheit aus der Bundesliga erinnern“, sagt Tesha Harry, die auf der Karibikinsel Grenada aufgewachsen ist, und sie betont damit, dass solche Vorfälle zumindest im deutschen Volleyball eben nicht zum Alltag gehören. „Die Zuschauer haben mich mit Affengeräuschen empfangen“, erklärt Harry, die als Sportlehrerin an der Dresden International School arbeitet.

Kleine Grenzüberschreitungen

In welcher Stadt das damals passierte? Daran kann oder will sich Harry nicht erinnern. „Es ist nur die eine Situation, an die ich mich erinnere“, betont sie, stellt aber fest: „Natürlich hat das wehgetan, sehr weh. Man fühlt sich degradiert, erniedrigt.“

Auch wenn es die Ausnahme war, fühlt sie sich bestätigt. „Rassismus fängt im Kleinen an, bei Aussagen wie: Hätte ich dir gar nicht zugetraut“, sagt die frühere Mittelblockerin. Oder wenn ihr Fremde neugierig in ihre krausen Locken fassen. Dass sich Leute in der Straßenbahn nicht unmittelbar neben sie setzen, wenn andere Plätze zur Auswahl sind, hat Tesha Harry längst hingenommen. „Es erschreckt mich, dass es so ist, das ist subtil und gefährlich. Das Akzeptieren ist wie Betäuben“, meint sie.

In solchen Situationen stellt sie sich eine Frage: „Warum trifft ein Mensch diese Entscheidung“, sagt sie und liefert die Antwort für sich gleich mit. Unwissenheit, fehlende Erfahrung mit fremd aussehenden Menschen, Angst. „Ich weiß, ich sehe anders aus. Und ich hoffe, dass dies eines Tages nicht mehr exotisch genannt wird. Ich wäre gern nur eine andere hübsche Person unter vielen“, sagt sie.

Von 2008 bis 2012 stand die Mittelblockerin beim DSC unter Vertrag. Nach dem Ende ihrer Karriere blieb sie in Dresden. Ihre Tochter Savannah ist gebürtige Dresdnerin - und auch ihre Hochzeit feierte Tesha Harry in ihrer Wahlheimat.
Von 2008 bis 2012 stand die Mittelblockerin beim DSC unter Vertrag. Nach dem Ende ihrer Karriere blieb sie in Dresden. Ihre Tochter Savannah ist gebürtige Dresdnerin - und auch ihre Hochzeit feierte Tesha Harry in ihrer Wahlheimat. © Steffen Unger

Tesha Harry ist nach dem frühen Tod ihres Vaters mit ihrer Mutter und ihrer Schwester von Grenada nach New York gezogen, weil die Mama ihren Töchtern eine bessere Bildung ermöglichen wollte. „Ich sehe mich deshalb nicht als Afro-Amerikanerin, ich nenne es Afro-Caribbean“, erklärt sie lachend. Dabei ist Harrys Urgroßvater zur Hälfte Ire. 

„Von der afrikanischen Seite unserer Familie gibt es kaum Unterlagen – auch wegen der Sklaverei“, sagt Harry. In Brooklyn siedelte sich die Familie an. Harry ist in einer Realität aufgewachsen, in der es normal war, dass sie des Diebstahls verdächtigt wurde, wenn sie einen Laden betrat. „Allein basierend darauf, wie du aussiehst. Solche Dinge sind einfach normal geworden“, sagt sie.

Ihre Hoffnungen ruhen auf der Jugend

Nicht zuletzt deshalb hofft auch Tesha Harry darauf, dass die Proteste in den USA nun tatsächlich auch Änderungen bewirken. „Unser Polizeisystem muss verändert werden“, sagt sie und meint das in ihrer Heimat. Dort ist man bereits nach sechs Monaten Ausbildung dienstfähig. „Zudem darfst du in den Staaten nicht in dem Bezirk eingesetzt werden, in dem du wohnst. Dadurch nimmt man sich einen Vorteil. Und das ist nur die Spitze des Eisbergs, unter der Oberfläche ist noch so viel, was schiefläuft“, meint die Ex-Volleyballerin. 

Dass George Floyd ein Kleinkrimineller gewesen ist, schmälere den Vorfall in keiner Weise, meint Harry. „Ich frage mich dann immer: Stelle dir vor, deinem Vater oder deinem Sohn würde nach einer kriminellen Handlung so etwas passieren. Hätten die das verdient? Ich denke nicht.“ Harrys Schwester war bis 2019 als Polizistin tätig, gab diesen Beruf aber zugunsten ihrer Familie auf. „Jetzt ist sie Krankenschwester“, sagt sie und ist darüber nicht weniger stolz.

Ihre Hoffnungen ruhen auf der jungen Generation, die vermeintlich offener ist im Umgang mit Menschen fremder Kulturen. Auch deshalb hat sich Harry am 6. Juni gern unter die Demonstranten der Anti-Rassismus-Bewegung in Dresden gemischt. „Ich war stolz auf ganz Dresden, vor allem darauf, dass so viele junge Leute mitgelaufen sind, es war großartig“, erzählt sie.

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Aus solchen Momenten schöpft ihre Familie Mut und Kraft – um die gemeinsame Zukunft langfristig in Dresden verbringen zu können. Die Arbeitsgenehmigung muss sie aller zwei Jahre erneuern lassen, nächstes Jahr will Harry den Test für eine Niederlassungserlaubnis bestehen. „Ich starte immer mit den besten Absichten in den Tag und in Begegnungen mit anderen Menschen. Mein Mann sagt deshalb, ich wäre zu nice“, sagt sie und lacht. 

Das Gespräch beendet Harry mit einer Frage. „Glaubst du, dass es in Dresden in zehn Jahren anders aussieht?“ Anders heißt für sie: noch offener, freundlicher, vorurteilsfreier.

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