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Getöteter Junge: Polizei untersucht Unfallort

Nachdem ein Sechsjähriger in Dresden gestorben ist, wird jetzt der Unfallwagen begutachtet. Innenminister Wöller hat dazu eine Erwartung geäußert.

Die Erkenntnisse von Dekra-Mitarbeitern dürften eine wichtige Rolle für die Beantwortung der Frage spielen, ob sich die beiden Fahrer am Samstagabend in Dresden ein Rennen geliefert haben.
Die Erkenntnisse von Dekra-Mitarbeitern dürften eine wichtige Rolle für die Beantwortung der Frage spielen, ob sich die beiden Fahrer am Samstagabend in Dresden ein Rennen geliefert haben. © SZ/Henry Berndt

Dresden. Die Fahrgäste, die an der Haltestelle warten, blicken erstaunt auf. Ist das nicht der schwarze Unfall-Mercedes, der da am Dienstagvormittag noch einmal die Budapester Straße entlangfährt und wenige Meter vor der Unfallstelle hält? Er ist es. Und auch der möglicherweise an einem illegalen Rennen beteiligte BMW ist dabei. Einen Moment später sperren Polizisten die rechte Spur bis zur Fußgängerampel.

Am Steuer der Autos sitzen Mitarbeiter der Dekra. Zentimetergenau lenkt einer das linke Vorderrad des Mercedes auf eine aufgesprühte weiße Markierung, während der andere navigiert. "Wir überprüfen die Spurenlage", sagt kurz darauf einer der Männer und stellt vier Koffer mit Messgeräten auf den Bordstein.

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Tödlicher Unfall: Hat der Fahrer gebremst?

Dann legen sich die Männer bäuchlings vor das Auto, diskutieren, messen mit einem Zollstock und machen unzählige Fotos. Ihre Erkenntnisse dürften eine wichtige Rolle für die Beantwortung der Frage spielen, ob sich die beiden Fahrer am Samstagabend ein Rennen geliefert haben, bevor der sechsjährige Ali an der Haltestelle sein Leben verlor, als er auf die Straße lief. Hat der Fahrer vor dem Unfall überhaupt gebremst? Eine deutlich sichtbare schwarze Bremsspur ist erst einige Meter hinter der Haltestelle zu sehen.

"Wir überprüfen die Spurenlage", erklären Dekra-Mitarbeiter am Dienstag am Unfallort.
"Wir überprüfen die Spurenlage", erklären Dekra-Mitarbeiter am Dienstag am Unfallort. © SZ/Henry Berndt

Die Gummireste auf der Straße zeigen: Der Mercedes-Fahrer ist heftig auf die Bremse getreten, sein Auto kam trotzdem nicht gleich zum Stehen. Das ist ein Beleg dafür, dass er wahrscheinlich viel zu schnell unterwegs war. Ein Raser? Die Polizei verwendete am Montag erstmals diese Bezeichnung und hat dafür klare Regeln. "Das richtet sich nach dem Gesetzestext", sagt Gerald Baier, Leiter der Dresdner Verkehrspolizei. Danach werden unbedeutende, geringfügige und bedeutende Ordnungswidrigkeiten unterschieden. In die niedrigste Kategorie gehören alle Vergehen, "bei denen der Unrechtsgehalt so gering ist, dass nicht mal ein Verwarngeld ausgesprochen wird". 

Gibt es typische Raser-Strecken in Dresden?

Verstöße der mittleren Kategorie im Straßenverkehr kosten zwischen fünf und 55 Euro Verwarngeld. "Bedeutende Ordnungswidrigkeiten" werden demnach mit einem Bußgeld geahndet und die Autofahrer bekommen auch Punkte in Flensburg. Bei Geschwindigkeitsverstößen heißt das: Das Fahrzeug war innerorts mindestens 24 km/h zu schnell. Drei Stundenkilometer werden als Messtoleranz abgezogen, der Fahrer ist dann also wenigstens 71 Stundenkilometer gefahren.

Ab dieser Geschwindigkeit auf einer 50er-Strecke spricht die Polizei von einem Raser, erklärt Baier. Zeugen berichteten am Wochenende, die Autos seien mit stark überhöhter Geschwindigkeit unterwegs gewesen. Das spricht für deutlich mehr als 71 km/h.

Typische Raser-Strecken kennt der Chef der Verkehrspolizei in Dresden nicht, sagt er. "Das kann man nicht an der Anzahl der Spuren festmachen", es komme darauf an, wie geeignet die Straßen seien, was zum Beispiel die Tageszeit und den Verkehrsfluss angeht. Ist es spät und sind wenige Autos unterwegs, verleitet das eher zum Rasen, bedeutet diese Erklärung. Außerdem spiele das "Entdeckungsrisiko" eine Rolle, also die Möglichkeit, dass die Polizei vor Ort ist oder dass es einen Blitzer gibt. "Für jede Straße ist es irgendwo zu bestimmten Bedingungen möglich, dass ich, wenn ich will, schnell fahren kann", sagt der Chef der Verkehrspolizei. Ausnahmen? Verkehrsberuhigte Straßen, besonders enge Straßen.

Junge Fahrer fallen häufiger auf

Auch einen speziellen Fahrertyp, der besonders zum Rasen neigt, gebe es nicht. "Junge Fahrer sind im Vergleich zu älteren bei Geschwindigkeitsfällen überrepräsentiert", sagt Baier. Das heißt, die meisten Unfälle, bei denen überhöhte Geschwindigkeit eine Rolle spielt, verursachen junge Autofahrer. Baier spricht von der "Sturm- und-Drang-Zeit" und vom "Freiheit genießen" mit der eben erworbenen Fahrerlaubnis. Das Alter dieser Gruppe: 18 bis 25 Jahre. In diese passt der Unfallfahrer nicht, er ist 31 Jahre alt. Sein "Kontrahent" in dem BMW war dagegen ein 23-Jähriger.

Der Mercedes, mit dem am Samstagabend ein sechsjähriger Junge tödlich verletzt wurde, am Abend nach dem Unfall.
Der Mercedes, mit dem am Samstagabend ein sechsjähriger Junge tödlich verletzt wurde, am Abend nach dem Unfall. © Roland Halkasch/dpa

Auch Autotypen lassen laut Baier keine genauen Schlussfolgerungen zu. Er sagt aber, dass Vertreter der "Tuningszene" eher nicht zum Rasen neigen. Autofahrer, die ihre Fahrzeuge individualisieren, durchaus auch die Motoren stärker machen, vor allem aber optische Änderungen umsetzen, "streicheln ihre Fahrzeuge lieber und fahren vorsichtig zu irgendwelchen Präsentationszwecken zu einem Parkplatz", sagt der Leiter der Dresdner Verkehrspolizei. In diese Autos werde oft "zu viel Geld und Liebe gesteckt, um sie aufs Spiel zu setzen".

Ist die Budapester Straße eine Raserstrecke und müsste sie sicherer gemacht werden? Anwohner berichten zumindest, auf der vierspurigen Straße werde häufig zu schnell gefahren. Insbesondere nachts dröhnten die Motoren von Autos und Motorrädern – demnach so sehr, dass es einem den Schlaf raube. Mit Zahlen lässt sich das nur schwer untermauern. Denn die Stadt hat zuletzt vor drei Jahren Autofahrer auf der Budapester Straße ins Visier genommen. Am 17. Juni zwischen 2017 sei zwischen 13 und 16 Uhr aus einem Auto heraus geblitzt worden, teilt die Verwaltung auf SZ-Anfrage mit. Von den 1.176 erfassten Fahrzeugen seien damals 124 zu schnell unterwegs gewesen. Auf der Budapester Straße gilt Tempo 50. Ein fest installierter Blitzer sei etwa zur Jahrtausendwende abgebaut worden. Unterlagen seien dazu nicht mehr vorhanden, deshalb könne auch nicht mehr nachvollzogen werden, aus welchem Grund die Anlage demontiert wurde.

Ein Fahrzeug mit 150 km/h geblitzt

Dass die Zahl der Tempoverstöße in ganz Dresden zugenommen hat, ist dagegen gut mit Zahlen belegbar. Von Jahr zu Jahr erfassen die stationären Blitzer mehr Verkehrsteilnehmer, die sich nicht ans Tempolimit halten. 2016 waren es noch 53.673, 2017 wurden bereits 76.127 gezählt. Der Trend setzte sich in den darauffolgenden Jahren fort: Rund 105.300 zu schnelle Autofahrer wurden 2018 fotografiert und zwischen Januar und Ende September 2019 waren es fast 112.000. 

Als zeitweilige Raserstrecke darf die Radeburger Straße bezeichnet werden. Die vierspurige Straße führt regelmäßig die Liste der schnellsten Autofahrer an. 2019 wurde ein Fahrzeug mit 150 Kilometern pro Stunde geblitzt – erlaubt sind dort 60 km/h. Auch auf der Waldschlößchenbrücke wird häufig zu stark aufs Gaspedal gedrückt. Der Schnellste fuhr im Oktober 2018 nach Abzug der Toleranz 117 Stundenkilometer, 87 km/h schneller als erlaubt. Der Mazda kam nachts aus dem Neustädter Tunnel, als der Blitz aufleuchtete. Die Quittung: 680 Euro Geldbuße, drei Monate Fahrverbot und drei Punkte in Flensburg. Auch der Blitzer auf der Dohnaer Straße hat ordentlich zu tun. Letztes Jahr wurde dort ein Autofahrer mit 121 km/h erwischt.

An der Unfallstelle gedenken Menschen mit Blumen, Kerzen und Zetteln dem verstorbenen Kind. Manche Prangern auch die Geschwindigkeit der Fahrer an.
An der Unfallstelle gedenken Menschen mit Blumen, Kerzen und Zetteln dem verstorbenen Kind. Manche Prangern auch die Geschwindigkeit der Fahrer an. © Christian Juppe

"Die Zahl der festgestellten Verstöße ist in den letzten Jahren stetig gestiegen", schätzte das Ordnungsamt die Lage im vergangenen Herbst ein. "Ein trauriger Trend, der häufigere Kontrollen und noch mehr Überwachungsanlagen im Stadtgebiet nach sich zieht." Wo, da stimme sich die Stadt regelmäßig mit der Polizei ab. Grundsätzlich konzentriere man sich auf Unfallschwerpunkte, Kitas, Schulen und Krankenhäuser. Aktuell gibt es 23 stationäre Anlagen in Dresden, zwei davon erfassen nur Autofahrer, die bei Rot über die Ampel fahren. Darüber hinaus ist die Stadtverwaltung mit mobilen Blitzern unterwegs. Von zwei war im Herbst die Rede. Sie würden werktags in zwei Schichten eingesetzt.

Innenminister Wöller setzt auf schnelle Anklage

Ob aus Sicht der Stadt auf der Budapester Straße mehr Kontrollen stattfinden müssten? Der tödliche Unfall mache die Verwaltung sehr betroffen, heißt es. Zu den Details sei aber noch nichts bekannt. "Wir können uns deshalb auch nicht dazu äußern." 

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Innenminister Roland Wöller (CDU) sagte am Dienstag, er hoffe, dass es nun schnell zu einer Anklage gegen den Raser kommt. Der Unfall sei "äußerst tragisch und unverzeihlich". Wöller weiter: "Das hat mich sehr betroffen gemacht." (mit SZ/phi)

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