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Dresden trocknet aus

Der Grundwasser-Pegel im Untergrund ist seit Jahren niedrig. Eine Lösung hat sich bereits bewährt.

Trockenheit prägt nicht nur das Bild am Elbufer, sondern in ganz Dresden. Der fehlende Regen wirkt sich nicht nur auf den Elbpegel, sondern auch auf den Grundwasserstand aus, der schon lange niedrig ist.
Trockenheit prägt nicht nur das Bild am Elbufer, sondern in ganz Dresden. Der fehlende Regen wirkt sich nicht nur auf den Elbpegel, sondern auch auf den Grundwasserstand aus, der schon lange niedrig ist. © René Meinig

Dresden. Bereits in den vergangenen beiden Jahren war es in Dresden sehr trocken. Dieser Trend setzt sich 2020 weiter fort, wenn auch nicht ganz so extrem. Der Regen fehlt. „Das wirkt sich auch auf die Grundwasserstände aus“, erklärt Sachgebietsleiter Dittmar Piechniczek vom Umweltamt. Mit seiner Spezialistin Kirsten Ullrich hat er die Lage im Untergrund genau im Blick. Die Fachleute erklären das Messsystem, die neuesten Entwicklungen und die Prognosen.

Das Vorbild: Dresden hatte als erste Großstadt Messnetz

Ermittelt wird das Niveau seit 2006 an 66 städtischen Messstellen. Vor allem zur Vorsorge bei Hochwassern hatte Dresden als erste deutsche Großstadt von 2005 bis 2007 das kommunale System geschaffen, mit dem die Werte elektronisch erfasst werden. Daraus waren Konsequenzen aus der Jahrhundertflut 2002 gezogen worden. Damals gefährdete das angestiegene Grundwasser Bauwerke, drang in Keller ein und überflutete viele Bereiche.

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Zwar betreibt der Freistaat seit 1920 sein Grundwasser-Landesnetz mit 20 Messstellen in Dresden. „Das war beim Hochwasser 2002 aber nicht ausreichend“, erläutert Spezialistin Ullrich. „Deshalb haben wir unser engmaschiges Netz eingerichtet, um Gefahren für Bauwerke rechtzeitig erkennen und reagieren zu können.“

Als ein Beispiel führt sie die Messstelle Güntzstraße an. Liegt dort der Grundwasser-Pegel normalerweise bei rund sechs Metern unter der Oberfläche, so war er bei der Juniflut 2013 bis auf etwa 4,5 Meter gestiegen. Unweit davon steht das St. Benno-Gymnasium. Dort hatte es bei der Jahrhundertflut 2002 große Schäden an den Kellern gegeben.

Die Entwicklung: 2015 begann der negative Trend

Neues Grundwasser bildet sich vor allem im Winterhalbjahr, da es dann im Normalfall viel regnet oder schneit und nicht so viel Wasser verdunstet. Seit 2015 kam allerdings viel weniger Nachschub als üblich. Deshalb fiel seitdem der Grundwasserstand. „In den vergangenen Jahren hat er sich auf niedrigem Niveau eingepegelt“, sagt Ullrich. Im Durchschnitt aller Messstellen liegt der Grundwasserstand einen halben Monat unter dem langjährigen Wert für diesen Monat. Welchen Einfluss die Elbe dabei hat, erklärt Ullrich an zwei Beispielen. So führten die höheren Pegel im März und Anfang Juli dazu, dass die Grundwasserstände danach wieder leicht anstiegen.

Seit 2015 hat sich der Grundwasserstand auf einem niedrigen Niveau eingepegelt. Seitdem fehlt der Regen.
Seit 2015 hat sich der Grundwasserstand auf einem niedrigen Niveau eingepegelt. Seitdem fehlt der Regen. © SZ-Grafik

Die Konsequenz: Einige Hausbrunnen versiegt

Der Grundwasserleiter, das ist die wasserführende Schicht im Untergrund, ist acht bis zwölf Meter stark, erläutert Piechniczek. Trotz des fehlenden Regens gibt es in Dresden noch ausreichende Vorräte. So sei die Trinkwasserversorgung nicht gefährdet. Schließlich wird das Trinkwasser in den Drewag-Werken Tolkewitz und Hosterwitz aus Uferfiltrat der Elbe und Grundwasser gewonnen.

Dennoch sollte mit der kostbaren Ressource sparsam umgegangen werden, ergänzt Ullrich. So rät sie, für das Gießen im Garten aufgefangenes Regenwasser zu nutzen, wie es auch viele Kleingärtner und Hausbesitzer tun.

Einige Schwierigkeiten habe es im vergangenen Jahr dennoch bei einer Handvoll von Häusern gegeben, bei denen die eigenen Hausbrunnen versiegt sind. „Da musste die Drewag mit Wasserwagen aushelfen“, berichtet Piechniczek. Dieses Jahr sei ihm aber noch kein Fall bekannt. 

Das ist eine der Kältemaschinen in der Zentrale unterm Kulturpalast. Von hier aus wird das Netz am Neumarkt mit Fernkälte versorgt. Dafür wird derzeit Grundwasser aus der Baugrube der Annenhöfe am Postplatz genutzt.
Das ist eine der Kältemaschinen in der Zentrale unterm Kulturpalast. Von hier aus wird das Netz am Neumarkt mit Fernkälte versorgt. Dafür wird derzeit Grundwasser aus der Baugrube der Annenhöfe am Postplatz genutzt. © SZ/Peter Hilbert

Die Lösung: Grundwasser für Fernkältezentrale

Da Grundwasser knapp ist, wird bereits seit 2018 eine neue Lösung praktiziert. Die Idee dafür hatten die Grundwasserspezialisten des Umweltamtes. Für den mittlerweile fertiggestellten Wohnkomplex von Baywobau/CTR „Boulevard am Wall II“ an der Wallstraße durfte das knappe Grundwasser nicht wie zuvor üblich durch die blauen Hochleitungen nur in die Elbe gepumpt werden. Es wurde auch dafür genutzt, um den Tiefbrunnen unter dem Kulturpalast für das Fernkältesystem am Neumarkt mit zu versorgen.

Über diese blauen Leitungen wird das Grundwasser aus der Baugrube der Annenhöfe sowohl zur Fernkältezentrale im Kulturpalast als auch in die Elbe gepumpt.
Über diese blauen Leitungen wird das Grundwasser aus der Baugrube der Annenhöfe sowohl zur Fernkältezentrale im Kulturpalast als auch in die Elbe gepumpt. © René Meinig

2019 nutzte die heutige Consus RE AG diese Lösung für die Baustelle des Quartiers Hoym am Neumarkt. Seit März dieses Jahres wird das Grundwasser aus der neun Meter tiefen Baugrube für den Bürokomplex der Annenhöfe am Postplatz abgepumpt, den die TLG Immobilien AG errichten lässt. Bisher wurden rund 220.000 Kubikmeter abgepumpt, teilt Bauleiter Stefan Reim von der Dresdner Niederlassung von Wolff & Müller mit. Etwa 30 Prozent davon werden in der Drewag-Fernkältezentrale benötigt. Das sind stündlich 21 Kubikmeter Grundwasser. „Das richtet sich nach dem Kältebedarf für die Hotels und andere Einrichtungen am Neumarkt“, erläutert Drewag-Sprecherin Gerlind Ostmann. Die anderen 70 Prozent, also 49 Kubikmeter je Stunde, fließen über die blauen Hochleitungen in die Elbe.

Durch diese blaue Leitung in Höhe der Semperoper fließt das Grundwasser in die Elbe.
Durch diese blaue Leitung in Höhe der Semperoper fließt das Grundwasser in die Elbe. © René Meinig

Die Baustellen: Spezielle Lösung am Hauptbahnhof

Andere Lösungen gibt es für zwei Großbaustellen am Hauptbahnhof. Die Hochschule für Technik und Wirtschaft errichtet an der Strehlener Straße ein neues Lehr- und Laborgebäude. Aus der Baugrube werden täglich Hunderte Kubikmeter Grundwasser abgepumpt, die an anderer Stelle wieder in den Untergrund geleitet werden. Nicht weit davon errichten die Energieversorger Drewag und Enso ihren neuen Hauptsitz hinter dem Hauptbahnhof. Dort wird auch diese Lösung praktiziert. „Wenn der Bauboom so anhält, werden sicher noch weitere Großprojekte gestartet, bei denen auch eine Lösung für das Grundwasser gefunden werden muss“, sagt Sachgebietsleiter Piechniczek.

Die Perspektive: Weniger Regen im Elbtal

Dem Deutschen Wetterdienst zufolge gehört der Raum Dresden mit zu den trockenen Gebieten im Land. Er lag als einer der wenigen in Ostdeutschland in den vergangenen drei Jahren oft unter dem langjährigen Durchschnitt von 1961 bis 1990. Auf der Basis wurden auch die Perspektiven für das Grundwasser im regionalen Klima-Anpassungsprogramm für die Modellregion Dresden untersucht. Die Forschungen ergaben, dass sich im Zeitraum bis 2050 unter anderem durch höhere Temperaturen und weniger Regen im Extremfall bis zu 30 Prozent weniger Grundwasser neu bildet.

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Im Umweltministerium werde derzeit auch ein Programm zur Wasserversorgung bis 2030 erarbeitet mit einer ganzen Palette von Maßnahmen, von der Talsperrennutzung bis hin zur Erschließung neuer Grundwasservorkommen. Schließlich soll die Wasserversorgung trotz des Klimawandels weiter gesichert werden. „Der sparsame Umgang mit Grundwasser ist dabei ganz wichtig. Auch das gehört zur Nachhaltigkeit“, sagt Expertin Ullrich.

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