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"Ich trug Konfektionsgröße XXXXXL"

Mit seinem 191 Kilogramm schweren Körper quälte sich Marcel Friedemann durchs Leben. Heute wiegt er noch 79. Das war ein schwerer Weg.

Adipositas gilt als Suchterkrankung. Um sie zu überwinden, brauchte Marcel Friedemann Fachleute wie die plastischen Chirurgen Dr. Hana Novotná und Dr. Sönke Eger an seiner Seite.
Adipositas gilt als Suchterkrankung. Um sie zu überwinden, brauchte Marcel Friedemann Fachleute wie die plastischen Chirurgen Dr. Hana Novotná und Dr. Sönke Eger an seiner Seite. © René Meinig

Dresden. Es kann passieren, dass Nachbarn grußlos vorübergehen. Sie haben den Mann, dem sie gerade auf der Straße begegnet sind, nicht erkannt. Marcel Friedemann nimmt das nicht krumm. Im Gegenteil, es macht ihn stolz. Schließlich hat es den 43-Jährigen eine enorme Anstrengung gekostet, heute so anders auszusehen. So viel schlanker und gesünder. 

Jetzt sitzt er im Untersuchungszimmer von Dr. Hana Novotná. Sie hat ihren Patienten zur Kontrolle bestellt. Anfang Juli hatte Marcel Friedemann seine voraussichtlich letzte Operation im Zuge einer grandiosen Verwandlung vom 191-Kilo-Schwergewicht zu dem siegessicher grinsenden Typ, der sich sichtlich wohl in seiner Haut fühlt.

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Früher trug Marcel Friedemann Übergrößen, die nur schwer zu bekommen waren. Nun ist er 112 Kilogramm leichter und fühlt sich sichtlich wohl.
Früher trug Marcel Friedemann Übergrößen, die nur schwer zu bekommen waren. Nun ist er 112 Kilogramm leichter und fühlt sich sichtlich wohl. © René Meinig

Doch genau die war es, die ihm bis vor wenigen Wochen große Probleme machte: diese viel zu große Hülle. Sie passte nicht mehr zum Körper, hing vom Bauch herab und sorgte dafür, dass Marcel in seinem Leben noch nicht vollständig ankommen konnte. "Die überschüssige Haut hat sich entzündet und geschmerzt", sagt er. Was einst seinen mächtigen Bauch umspannte, störte nun in der deutlich schmaleren Hose.

Dr. Hana Novotná ist zufrieden mit der Heilung der OP-Nähte. Die Fachärztin für Plastische und Ästhetische Chirurgie gehört am Städtischen Klinikum Dresden zu Dr. Sönke Egers Team. Der Chefarzt hat fast täglich mit medizinischen Eingriffen zu tun, die zwar ästhetische Ziele haben, aber gesundheitlich notwendig sind. "Hinter Patienten wie Marcel Friedemann liegen in der Regel lange Leidenswege voller Stigmatisierungen", weiß er. Ihre Körperfülle hat lebensbedrohliche Ausmaße angenommen. Aus eigener Kraft können sich Menschen, die an Adipositas, also Fettleibigkeit leiden, nicht helfen. Ihre Sucht und die Folgen zu überwinden, ist nicht allein mit Disziplin möglich. Sie brauchen Hilfe von Fachleuten. 

Noch immer ist Marcel Friedemann (r.) ein großer Fan von Kabarettist Marcus Maria Profitlich. Nur dessen Körpergewicht findet er nicht lustig.
Noch immer ist Marcel Friedemann (r.) ein großer Fan von Kabarettist Marcus Maria Profitlich. Nur dessen Körpergewicht findet er nicht lustig. © privat

Die suchte sich Marcel, als für ihn die Leidensfähigkeit überschritten war. "Ich konnte mich nur noch schwer bewegen, hatte Diabetes und viel zu hohen Blutdruck, passte in keinen normalen Stuhl mehr", erzählt er. Deshalb bat er seine Hausärztin um Rat. Sie vermittelte ihm den Kontakt zu einer Selbsthilfegruppe. "Dort konnte ich über meine Probleme sprechen und von den anderen Betroffenen wichtige Informationen bekommen, wie ich mich behandeln lassen könnte." Schließlich wurde Marcel Friedemann ans Adipositaszentrum am Städtischen Klinikum Dresden-Neustadt überwiesen. Rund 480 Menschen werden dort pro Jahr ins Adipositas-Programm aufgenommen.

Marcels Untersuchung ist beendet, Doktorin Novotná und Chefarzt Eger sind sehr zufrieden mit der Genesung ihres Patienten. "Dabei ist Herr Friedemann ein Beispiel dafür, wie schwer und kompliziert eine Adipositasbehandlung sein kann", sagt Dr. Eger. Sie bestehe nicht nur aus vielen Etappen und brauche manchmal jahrelang Zeit. Sie kann auch Rückschläge bedeuten und den Patienten auf ganz andere Weise als die Fettsucht an seine Grenzen bringen. 

Auf Messers Schneide

Wie rund 250 andere Betroffene allein am Städtischen Klinikum auch, führte Marcels Weg nur über eine Verkleinerung des Magens zum dauerhaften Abnehmen. Doch nach dem komplexen Eingriff im Dezember 2017, bei dem ihm ein so genannter Schlauchmagen angelegt wurde, um damit das Volumen der Nahrungsaufnahme zu reduzieren, fühlte er sich immer schlechter. "Ich hatte große Schwierigkeiten, überhaupt zu essen, nahm extrem ab und musste wieder ins Krankenhaus." Dort diagnostizierten Ärzte eine Art Magendurchbruch und zahlreiche Entzündungsherde. Es folgten Intensivstation und künstliches Koma. 

"Herr Friedemann hat an der Himmelspforte geklopft", sagt Dr. Eger und ist froh und beeindruckt davon, wie gut sich sein Patient inzwischen stabilisiert hat. Drei Wochen lang verbrachte Marcel auf Rehabilitationskur. Das war im Sommer 2018, ein halbes Jahr nach der Magen-OP. Dieses Kapitel galt rein dem Kampf ums Leben. Von Attraktivität und Wohlfühlen konnte lange noch keine Rede sein.

"Herr Friedemann hat an die Himmelspforte geklopft", sagt sein Arzt Dr. Sönke Egers. Nach einer Magen-Operation traten schwere Komplikationen auf.
"Herr Friedemann hat an die Himmelspforte geklopft", sagt sein Arzt Dr. Sönke Egers. Nach einer Magen-Operation traten schwere Komplikationen auf. © privat

In der Regel müssen 18 Monate vergehen, bis sich die plastischen Chirurgen eines Patienten annehmen. "In dieser Zeit soll er ausreichend abgenommen haben und sein Gewicht auch verlässlich halten", erklärt Dr. Hana Novotná. Nur dann übernehmen die Krankenkassen die weitere ästhetische Behandlung. Für Marcel Friedemann hieß das erneut, seinen ganzen Mut zusammenzunehmen und eine weitere große Operation zu überstehen. 

"Mich haben oft Leute gefragt, ob ich all das noch einmal auf mich nehmen würde, wenn ich wüsste, in welch lebensbedrohliche Lage mich die Komplikationen bringen würden", erzählt er. Und ja, er würde. "Es war schwer. Aber ich habe ein zweites Leben geschenkt bekommen." Ein Leben mit Idealgewicht - 79 Kilogramm wiegt Marcel nun. Noch muss er sich schonen. Doch sobald er kann und darf, soll auch Sport zu seinem Alltag gehören. Seinen neuen Körper will Marcel künftig besser pflegen.

Dabei helfen ihm die Ernährungsberatung, das bewusste Essen und die Erinnerung. "Ich bin schon als Kind pummelig gewesen. Meine ganze Familie hatte Übergewicht." Der gelernte Möbeltischler arbeitete jahrelang als Lkw-Fahrer, bewegte sich kaum, aß unregelmäßig, falsch und oft aus Langeweile zu viel. 

Als Kind wurde er gehänselt, als Erwachsener angestarrt. Wenn ihn heute Bekannte nicht erkennen oder es ihnen erst auf den zweiten Blick dämmert, amüsiert Marcel das. Außerdem habe seine Verwandlung einen großen Vorteil, meint er: "Leute, die mir früher nicht gut getan haben, kann ich auf diese Weise prima übergehen." Für sie hat er keinen Platz in seinem neuen Leben.

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