merken
PLUS Dresden

Waldschlößchen: Wie Tempo 30 Hufi schützt

Die Hufeisennase gibt es tatsächlich am Dresdner Waldschlößchen. Ein Fledermaus-Experte erklärt, warum das Tempolimit aus gutem Grund gilt.

Zwischen Anfang April und Ende Oktober darf auf der Waldschlößchenbrücke nachts nur 30 gefahren werden.
Zwischen Anfang April und Ende Oktober darf auf der Waldschlößchenbrücke nachts nur 30 gefahren werden. © Christian Juppe

Fledermäuse gehören zur Waldschlößchenbrücke, besonders die Kleine Hufeisennase, genannt Hufi. Denn ihretwegen gilt das von Blitzern überwachte nächtliche Tempo-30-Limit im Sommerhalbjahr. In den ersten sechs Jahren seit der Brückeneröffnung wurden insgesamt 110.000 Temposünder geblitzt. Die Stadt nahm in der Zeit rund 3,6 Millionen Euro Verwarnungs- und Bußgelder ein. Das 30-Limit endet in der kommenden Woche wie jedes Jahr am 31. Oktober. Der Dresdner Fledermausexperte Thomas Frank erläutert, warum der Aufwand zum Schutz der Tiere nötig ist.

Die Arten: Abendsegel fliegen oben, Hufeisennasen ganz unten

Augusto
Leben und Genuss
Leben und Genuss

Für Genießer genau das Richtige! Leckere Ideen, Lebensart, Tradition und Trends gibt es in der Themenwelt Augusto.

In Sachsen leben 22 Fledermausarten. „Sie sind alle im Elbtal nachgewiesen“, erläutert der Diplom-Biologe. Wegen ihres Orientierungsverhaltens werden sie in zwei große Gruppen unterschieden. Bei der ersten von ihnen sind Verkehrswege keine Gefahr. Dazu zählen unter anderem Große Abendsegler oder Zweifarbfledermäuse. 

„Sie fliegen mit bis zu 50 Stundenkilometern wie Schwalben in der freien Luft“, sagt der 40-jährige Experte. Mit ihren Rufen im Ultraschallbereich, die so laut wie Presslufthämmer sind, müssen sie sich nicht an Leitstrukturen, wie Büschen oder Bäumen orientieren und jagen hoch oben Insekten. „Da die Schallfrequenz zu hoch ist, sind die Rufe für Menschen aber nicht hörbar.“ Sie fliegen bis zu 200 Meter hoch über Straßen. Deshalb können sie nicht von Autos überfahren werden.

Hufi lebt! Und das sogar am Waldschlößchen. 
Hufi lebt! Und das sogar am Waldschlößchen.  ©  SZ-Archiv

Anders sieht es bei der zweiten Gruppe aus, zu denen Kleine Hufeisennasen oder Langohrfledermäuse gehören. Ihre Ultraschall-Rufe haben nur eine Reichweite von fünf bis zehn Metern. „Sie jagen in Gehölzbeständen, vor allem in Wäldern“, erläutert Thomas Frank. Dabei orientieren sich Hufi & Co. an Strauch- oder Baumreihen und können mit ihren Rufen selbst feinste Strukturen – so einen Huckel oder einen Käfer auf einem Blatt – erkennen. 

Der Experte vergleicht die Orientierung dieser Arten mit einem Menschen, der nachts mit einer Kerze unterwegs ist. „Wir würden uns auch einen Weg und Orientierungspunkte suchen. Das tun diese Fledermäuse auch und fliegen an Gehölzreihen lang“, sagt er. Sie sind nachts in schnellerer Schrittgeschwindigkeit von sieben und zehn Stundenkilometern unterwegs.

Fledermausexperte Thomas Frank weiß, dass die Kleine Hufeisennase unweit der Waldschlößchenbrücke lebt und auch durchs Elbtal fliegt.
Fledermausexperte Thomas Frank weiß, dass die Kleine Hufeisennase unweit der Waldschlößchenbrücke lebt und auch durchs Elbtal fliegt. © Christian Juppe

Die Schutzmöglichkeiten: Grünbrücken und Strauchreihen

Bei der Straßenplanung gibt es zwei Möglichkeiten, um solche Fledermäuse über die für sie gefährlichen Bereiche zu bringen. Eine davon sind Grünbrücken mit Büschen oder Bäumen über Straßen. So eine gibt es bei Pirna unweit der A-17-Abfahrt Bahretal. Darüber können auch andere Wildtiere die Autobahn überqueren.

Die zweite Variante wurde an der Waldschlößchenbrücke praktiziert. Auf der Alt- und der Neustädter Seite wurden 350 Meter lange Reihen von Purpurweiden und Schneeballsträuchern gepflanzt, an denen sich die Fledermäuse orientieren können. „So werden sie unter der Brücke hindurchgeleitet“, erklärt der Experte. 

Große Abstände zwischen den Reihen darf es aber nicht geben. An der Waldschlößchenbrücke sei das gut gelöst. Diese Fledermaus-Autobahnen waren sieben Jahre nach der Pflanzung so gut gewachsen, dass sie Anfang dieses Jahres abgeholzt wurden. So können sie sich wieder verjüngen und dicht aufwachsen, hatte das Umweltamt erklärt. Mittlerweile sind die Sträucher schon wieder sehr hoch.

Diese Strauchreihen leiten „Hufi“ & Co. nachts unter der Brücke hindurch.
Diese Strauchreihen leiten „Hufi“ & Co. nachts unter der Brücke hindurch. © Christian Juppe

Die Gefahr: Luftwirbel können Hufi am Waldschlößchen vors Auto schleudern

Das Geschwindigkeitslimit an Deutschlands berühmtester Tempo-30-Zone zwischen April und Oktober wurde vor Baubeginn 2007 vom Oberverwaltungsgericht Bautzen aber zur Vorsicht für einen anderen Fall festgelegt. Sollte ein Tier sich verirren und nicht unter der Brücke hindurchfliegen, könnte es bei 30 km/h aufgrund seiner extrem niedrigen Reaktionszeit noch ausweichen. 

Kleine Hufeisennasen fliegen sehr flach, etwa in Kniehöhe, erläutert der Experte. So können sie auf Freiflächen nicht von jagenden Eulen erfasst werden. „Je höher die Geschwindigkeit der Fahrzeuge auf der Brücke umso höher auch das Risiko von Zusammenstößen“, sagt Frank. Fledermäuse würden von Luftwirbeln erfasst, die sie ans Auto schleudern. Bei niedrigerem Tempo sind auch die Wirbel nicht so stark.

Das Tempolimit ist derzeit aber auf dem Prüfstand, da das Bundesverwaltungsgericht 2016 die Baugenehmigung für die Brücke gekippt hat. Erneut geprüft werden muss die Umweltverträglichkeit nach strengen EU-Richtlinien. Die Unterlagen werden Anfang 2020 bei der Landesdirektion eingereicht. Erst am Ende des anderthalbjährigen Genehmigungsverfahrens steht fest, ob das 30-Limit kippt oder nicht.

Die Vorkommen: Hufeisennase leben an der Brücke im Schloss Albrechtsberg

Kleine Hufeisennasen gibt es an der Waldschlößchenbrücke durchaus, bestätigt der Experte. Sie leben beispielsweise einen knappen Kilometer entfernt im Schloss Albrechtsberg. Vor der Sanierung des Römischen Bads hatte er dort selbst bei Untersuchungen ihre Rufe aufgenommen. Am Weißen Hirsch halten sie in unterirdischen Stollen oder früheren Eiskellern alter Gebäude ihren Winterschlaf, der in diesem Monat beginnt, bei sechs bis zehn Grad. Wochenstuben sind in Pillnitzer Gebäuden in Waldnähe. Dort ziehen die Weibchen ihre Jungen mit Muttermilch auf, bis sie nach etwa zwei Monaten selbst fliegen können.

Weiterführende Artikel

Fledermaus-Autobahn wächst kräftig

Fledermaus-Autobahn wächst kräftig

Vor einem Jahr sind Sträucher an der Dresdner Waldschlößchenbrücke abgeholzt worden. Jetzt ragen sie wieder hoch empor. Wie sie den Tieren helfen.

Waldschlößchen: "Tempo 30 unverständlich"

Waldschlößchen: "Tempo 30 unverständlich"

Der Verkehrsplaner Hans-Joachim Kummert erklärt, warum die Begrenzung auf der Dresdner Waldschlößchenbrücke für ihn und Autofahrer unverständlich ist.

Biber am Waldschlößchen ziehen  um

Biber am Waldschlößchen ziehen um

Nicht nur die Nager fühlen sich an der Brücke wohl. Welche Tiere es dort noch gibt. 

Radlerrekord am Waldschlößchen

Radlerrekord am Waldschlößchen

Von wegen Autobrücke: Warum das umstrittene Bauwerk auch Radfahrer anzieht – und warum es gerade im Tunnel manchmal sehr gefährlich wird.

Ein Hauptvorkommen der Kleinen Hufeisennase ist im bewaldeten Gebiet südlich von Pirna bis zur tschechischen Grenze. Große Vorkommen gibt es auch im Meißner Triebischtal. Sie leben zudem in Niederwartha. Die Tiere kennen sich und wechseln auch zwischen diesen Gebieten, erläutert Frank.

Abonnieren Sie unseren kostenlosen Newsletter "Dresden kompakt" und erhalten Sie alle Nachrichten aus der Stadt jeden Abend direkt in Ihr Postfach. 

Mehr Nachrichten aus Dresden lesen Sie hier.

Mehr zum Thema Dresden