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"Schickt eure Kinder auf Problemschulen"

Eine Dresdner Mutter fordert eine sozial buntere Mischung an den Schulen. Warum das schwer umzusetzen ist.

Der Bildungsbericht zeigt: Schulischer Erfolg hängt auch in Dresden von der sozialen Herkunft ab. Doch viele Eltern wollen ihre Kinder nicht auf Problemschulen schicken.
Der Bildungsbericht zeigt: Schulischer Erfolg hängt auch in Dresden von der sozialen Herkunft ab. Doch viele Eltern wollen ihre Kinder nicht auf Problemschulen schicken. © Symbolbild: dpa/Patrick Seeger

Dresden. Der aktuelle Dresdner Bildungsbericht zeigt erneut, dass es in Dresden nach wie vor eine Frage der sozialen Herkunft ist, ob ein Kind gut ist in der Schule oder nicht. Der Ruf nach sozialer Durchmischung der Klassen ist auch jetzt wieder groß, aber nur schwer umsetzbar. Dabei halten nicht wenige Experten das für wichtig.  

Warum ist soziale Durchmischung in Schulen so wichtig?

Konkret geht es darum, dass Kinder, deren Eltern eine schlechte Schulausbildung hatten, häufig selbst nicht gut in der Schule sind. Das zeigt sich an ihren Leistungen und ihren Bildungsabschlüssen. Das liegt auch an den Genen: "Alle Schüler besitzen sehr viele unterschiedliche vererbte Veranlagungen, die nicht veränderbar sind", sagt Veit Roessner, Chef der Kinder- und Jugendpsychiatrie am Uniklinikum. "Was veränderbar ist, sind die Umweltfaktoren und diese beeinflussen auch, was das einzelne Kind aus seinen Veranlagungen macht." 

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So würden sich alle Schüler an Vorbildern, Gleichaltrigen und Strukturen orientieren. "Sie wachsen an, mit und durch diese", so Roessner. Daher sei eine soziale Mischung gepaart mit möglichst guten, fördernden Strukturen die beste Möglichkeit, damit sich alle Kinder zum Positiven hin orientieren und entwickeln können. Was Eltern schon bei den Kleinsten beobachten, trifft auch auf Schüler zu: Kinder lernen von Kindern, und das ziemlich unkompliziert.

Das bestätigt auch Claudia Lämmer, vierfache Mutter mit einem akademischen Abschluss. Sie schickt alle ihre Kinder auf die 14. Grundschule in der Südvorstadt. Eine Schule, in der vergleichsweise viele Kinder lernen, deren Familien sozial benachteiligt sind. Die Eltern haben häufig einen schlechten Schulabschluss und damit einen schlecht bezahlten Job - oder gar keinen. Dazu kommen viele Kinder aus ausländischen Familien, die schlecht deutsch sprechen. Trotz aller Probleme, die es dadurch im Schulalltag gibt, fordert die Mutter: "Schickt eure Kinder auf Problemschulen." Denn sie hat beobachtet, dass ihre eigenen Kinder dadurch nicht weniger gut sind in der Schule, die anderen Schüler aber von ihren Kindern lernen. Und umgekehrt.

Warum ist der soziale Mix so schwer umzusetzen?

Eltern haben in Deutschland die freie Schulwahl. Das heißt, niemand kann sie zwingen, ihr Kind auf eine bestimmte Schule zu schicken. Das ist nur möglich, wenn es an der Wunschschule nicht genügend Plätze gibt. "Eine gelenkte soziale Durchmischung kann somit nicht umgesetzt werden",  betont Petra Nikolov, Sprecherin des Landesamtes für Schule und Bildung (Lasub). Eine Steuerung von "oben" können nicht funktionieren und sei vom Lasub auch nicht angestrebt. Familien müssten also freiwillig entscheiden, ihr Kind an einer "Problemschule" lernen zu lassen. So wie Claudia Lämmer. Das tun aber nur sehr wenige Eltern - aus Furcht davor, dass das Kind, konfrontiert mit den sozialen und schulischen Problemen der anderen Schüler, selbst keine guten Leistungen abliefert.

Ein Vater, dessen Sohn auf eine Dresdner Oberschule in der Johannstadt geht, weiß genau, wie problematisch der Schulalltag tatsächlich sein kann. Weit mehr als die Hälfte der Schüler sind jugendliche Migranten, sie wohnen in den großen Plattenbauvierteln der Johannstadt. Freiwillig ist sein Sohn nicht dieser Schule - er wurde dorthin zugewiesen, als er das Gymnasium verließ, um an einer Oberschule weiterzulernen. Die Klassen an anderen Schule waren voll. Die Familie berichtet von Gewalt, von schwierigen Lernbedingungen, von Angst - wechseln darf der Sohn die Schule nicht. Soziale Durchmischung? "An unserer Schule funktioniert sie überhaupt nicht." Dafür bräuchte es vor allem mehr Personal, mehr Schulsozialarbeiter, die den Lehrern im Alltag zur Seite stehen.

Wie will die Stadt die Bildungschancen verbessern?

Um die Bildungschancen der Kinder aus sozial benachteiligten Familien dennoch zu erhöhen, nehmen die Stadt und der Freistaat tatsächlich mehr Geld in die Hand. Mehr Personal soll eingestellt werden. Die Stadt hat mehrere Schulen und Kitas ausgemacht, an denen die Kinder Entwicklungsprobleme haben. Sie befinden sich vor allem in den großen Plattenbaugebieten von Prohlis und Gorbitz, aber auch in Reick und in der Johannstadt. 

Wohnviertel, in denen sich soziale Problemlagen in den vergangenen Jahren verfestigt haben. Im Zuge der städtischen Bildungsstrategie wurden bereits deutlich mehr Kita-Erzieher eingestellt - angesichts des Fachkräftemangels auch im pädagogischen Bereich eine große Herausforderung. 

Diese Bildungsstrategie soll an Grund- und weiterführende Schulen ausgeweitet werden. Dort sollen weitere Schulsozialarbeiter und -psychologen, aber auch Kulturdolmetscher eingesetzt werden. Das hält auch Vierfachmutter Claudia Lämmer für dringend notwendig, auch, um die Lehrer zu entlasten. Insbesondere an der 14. Grundschule, die ihre Kinder besuchen, würden solche zusätzlichen Fachkräfte bislang fehlen. 

Welche Forderungen gibt es aus der Politik?

Um langfristig zu erreichen, dass Schulklassen sozial durchmischt sind, müssen zunächst Wohnviertel sozial durchmischt sein. Darüber sind sich Dresdner Bildungspolitikerinnen einig. "Das ist vor allem eine Frage der strategischen Stadtentwicklung", so CDU-Stadträtin Heike Ahnert. 

Ein erster Ansatz sind kommunale Sozialwohnungen, die derzeit auch in sozial gut aufgestellten Stadtteilen wie Striesen und Plauen entstehen. Außerdem, so Ahnert weiter, brauche es gleichwertige, attraktive Bildungsangebote - das heißt, auch moderne Gebäude spielen eine entscheidende Rolle, wenn Eltern sich für eine Schule entscheiden. Gute Schulen in stark sozial belasteten Stadtteilen fordert SPD-Stadträtin Dana Frohwieser. "Die Standortentscheidung zum Gymnasium Gorbitz war ein notwendiger und wichtiger Schritt in diese Richtung." 

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Auch Agnes Scharnetzky von den Grünen sagt, dass es wichtig ist, in Gorbitz und Prohlis Wege zum Abitur zu eröffnen. Das trage erheblich zur Entwicklung der Stadtteile bei. Den Ausbau der Schulsozialarbeit begrüßt Scharnetzky, allerdings müssten alle Akteure an den Schulen besser miteinander vernetzt werden. "Dafür braucht es aber nochmal ein fundiertes Konzept." Zudem sollte überlegt werden, wie Eltern bei der Schulwahl besser beraten werden, so dass nicht nur der Ruf und der Eindruck zum Tag der offenen Tür entscheidend ist.

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