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Görlitzer fand Überraschungen im Zwinger

Die letzten Geheimnisse des Dresdner Zwingers: 100 Jahre wurden aus Düsen im Boden adlige Besucher erschreckt. Bauforscher Olbrich kennt die Details.

Bauforscher Hartmut Olbrich vor zwischen freigelegten Pfeilern des Grottensaals im Foyer des Mathematisch-Physikalischen Salons.
Bauforscher Hartmut Olbrich vor zwischen freigelegten Pfeilern des Grottensaals im Foyer des Mathematisch-Physikalischen Salons. © Christian Juppe

Wo heute Besucher ins Foyer des Mathematisch-Physikalischen Salons (MPS) kommen, sprudelten einst Wasserspiele im Pavillon am Zwingerwall.

Denn rund 100 Jahre lang war dort der kunstvoll gestaltete Grottensaal, erläutert Hartmut Olbrich. Der promovierte Bauforscher kennt die Details sehr gut, da der MPS vor der Sanierung ab 2008 genau untersucht wurde. Olbrich war vom Freistaat beauftragt, gemeinsam mit den Archäologen zu forschen und die Funde auszuwerten. Deshalb konnte sich der Experte ein gutes Bild davon machen, wie der Grottensaal einst aussah. Zwar gibt es einen Kupferstich von 1729, auf dem nach Olbrichts Erkenntnissen aber nicht jedes Detail stimmt.

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Anfang 1713 steht dieser Pavillon im Rohbau. Während danach im Obergeschoss ein mit Marmor verkleideter Festsaal ausgebaut wird, stellen im Erdgeschoss Handwerker bis 1716 den Grottensaal fertig. Dort fließt das kühle Nass nicht nur aus den Wasserspielen an der Rückwand, sondern spritzt ab und zu auch aus 60 Düsen aus dem Fußboden empor, berichtet der Experte. Dafür sorgt der Grottier, der sich auch um die Wasserversorgung kümmert. Legt er den Hebel am Zufluss um, werden die zumeist adligen Besucher von Spritzern aus dem Untergrund überrascht, die sie erschrecken sollen. „Das wurde damals Scherzwasser genannt und hatte einen sehr aufmunternden Effekt“, erläutert Olbrich.

Kunstvoll gestaltet war der 1716 fertiggestellte Grottensaal. Der Grottier überraschte Besucher damit, dass er Wasser emporspritzen ließ. 
Kunstvoll gestaltet war der 1716 fertiggestellte Grottensaal. Der Grottier überraschte Besucher damit, dass er Wasser emporspritzen ließ.  © SKD, Archiv Dr. H. Olbrich

Es gibt eine Symmetrie zwischen diesem und dem Französischen Pavillon auf der anderen Seite der Bogengalerien am Wall. In beiden Pavillons liegen marmorverkleidete Festsäle im Obergeschoss. Während Pöppelmann hinter dem einen Pavillon das Nymphenbad als Außengrotte plaziert, baut er in den anderen Pavillon eine Innengrotte ein.

Man kann dahinter ein traditionelles Renaissance-Konzept sehen. Im Erdgeschoss das Urwüchsige und die von der Natur abgeleitete Grotte – darüber im klar gegliederten Festsaal dagegen das verfeinerte gesellschaftliche Leben. Kurz gesagt: Aus der Natur entsteht Ordnung. Hofbaumeister Matthäus Daniel Pöppelmann greift hier sicher Ideen bei einer Reise nach Rom über Wien und Prag auf. An den dortigen Höfen wird gerade mit solchen Grottenbauten in den Residenzen experimentiert. Pöppelmann interpretiert und verwirklicht die Idee im prachtvoll ausgestatteten Grottensaal des Dresdner Zwingers.

Dieses und viele andere Details der Ausstattung kann der 58-jährige Fachmann heute nur so gut erklären, da bei den Untersuchungen vor gut zehn Jahren viel entdeckt wurde. Denn es gibt einen großen Einschnitt. Anfang des 19. Jahrhunderts ist die Decke so feucht, dass sie einzustürzen droht. Doch nicht nur das. Der Grottensaal steht mittlerweile der besseren Präsentation der Ausstellung im Mathematisch-Physikalischen Salon im Wege und ist zum ungeliebten Bauwerk geworden, erklärt der Bauforscher.

Also werden solide gemauerte Gewölbe und neue Pfeiler mit massiven Fundamenten eingebaut. Die Stuckverzierungen von der Holzbalkendecke schlagen die Handwerker damals ab. Die Teile verschwinden unter den neuen Fundamenten. Andere Verzierungen, wie die auf drei Arkadenbögen, verschwinden hinter dicken Mauern – und bleiben dort im Ausstellungsraum 200 Jahre verborgen.

Diese Stuckteile schmücken die Arkadenbögen des einstigen Grottensaals. 
Diese Stuckteile schmücken die Arkadenbögen des einstigen Grottensaals.  © Christian Juppe

Bei den archäologischen Grabungen ab 2008 werden rund 14 500 Teile der einstigen Grotten-Verzierungen im Untergrund gefunden. Dazu zählen unter anderem Sandsteine der Brunnen, Teile von Gesimsen, Formteile aus Gips- und auch echten Muscheln, von Blättern, Fratzen und Masken der Schlusssteine der Decken und auch zwei vergoldete Wappen mit den für König August stehenden Initialen AR – Augustus Rex. Auf allen Wänden und Decken der Grotte finden sich auch farbiger Glasflitter, also kleine Glassplitter. Die waren früher auf Wänden und Decken angebracht und glimmerten im Kerzenschein. Außerdem entdecken die Archäologen alte Abflüsse und Zuläufe der Wasserspiele. „All diese Funde zusammen betrachtet zeigen uns heute, wie prächtig der Grottensaal einst ausgesehen hat“, sagt Olbrich.

Ursprünglich war geplant, dass bei der MPS-Sanierung zwischen 2010 und 2013 unter dem einstigen Grottensaal ein Keller für Depots, Werkstätten und die zentrale Klimaanlage entsteht. Aufgrund der Funde musste jedoch umgeplant werden, sodass als Ersatz für den fehlenden Grottensaal-Keller ein unterirdischer Anbau im Zwingerwall errichtet wurde.

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Im einstigen Grottensaal haben Bauleute die Mauern entfernt sowie alte Säulen und die sechs Arkadenbögen wieder freigelegt. An dreien davon können Besucher heute die 300 Jahre alten farbigen Stuckteile bewundern. Zudem ist auf den Säulen der Arkaden der farbige Glimmer zu sehen. Das Museum wird in seinem neuen Museumsführer auch einen Beitrag zum historischen Aussehen des Grottensaales veröffentlichen.

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