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Schönheitskur für die Zwinger-Skulpturen

Frank Hoferick und seine Kollegen haben eine Technologie entwickelt, damit die Kunstwerke bis zu 150 Jahre halten. 

Frank Hoferick begutachtet die Skulptur „Der Herbst“, deren Restaurierung in der Zwingerbauhütte schon weit fortgeschritten ist.
Frank Hoferick begutachtet die Skulptur „Der Herbst“, deren Restaurierung in der Zwingerbauhütte schon weit fortgeschritten ist. © Christian Juppe

Restaurator Frank Hoferick steht in seiner Werkstatt der Zwingerbauhütte an der Kleinen Packhofstraße, begutachtet die Skulptur „Der Herbst“. Sie gehört zu der Gruppe „Vier Jahreszeiten“, die sonst auf den Vorterrassen des Zwingerpavillons steht, erklärt der 58-jährige Fachmann. Der „Frühling“, der „Sommer“ und der „Winter“ sind restauriert. Jetzt ist der Herbst an der Reihe, der bis zum vergangenen Jahr noch vor dem Französischen Pavillon stand. Im Zuge seiner Restaurierung wurden dort bereits 27 Skulpturen abgebaut, die eine spezielle Behandlung bekommen. „Das ist eine unserer Hauptaufgaben“, sagt Hoferick.

Beim Herbst handelt es sich um ein Putto oder auf Deutsch eine Putte. „Das sind Kinderfiguren, die Jugendlichkeit und Verspieltheit darstellen und eine Verwandtschaft zu Engelsfiguren in Kirchen haben“, erklärt der Restaurator. Insgesamt 698 Skulpturen zieren Galerien und Pavillons im Zwinger. Neben den Putten gehören dazu noch Großfiguren, wie beispielsweise die Götterfiguren mit dem Herkules auf dem Wallpavillon oder die großen Nymphen im Nymphenbad. Außerdem stehen noch Vasen als dritte Skulpturengruppe auf Balustraden und im Dachbereich der Zwingerbauten.

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Der „Herbst“ ist eine etwa 70 Jahre alte Kopie des Originals, das Hofbildhauer Balthasar Permoser 1724 geschaffen hat. Allerdings standen diese und die drei anderen Originale der Jahreszeiten-Gruppe bis 1931 im Schloss Wiederau bei Leipzig. „Vor der Restaurierungsphase des Zwingers von 1924 bis 1936 standen seit Ende des 18. Jahrhunderts auf den Balustraden und Vorterrassen der Galerien keine Skulpturen“, verweist Hoferick auf den Ausgangspunkt. Zwingerbaumeister Hubert Ermisch wollte jedoch, dass diese einstige Zierde dorthin zurückkehrt. So erwarb er einst verkaufte Zwingerputten aus dem Kunsthandel zurück oder von Zwingerbildhauern geschaffene Skulpturen von den Eigentümern anderer Bauwerke, wie eben die Jahreszeiten von Schloss Wiederau.

Knabe wiegt 400 Kilo

Das damals über 200 Jahre alte Original stand bis 1945 vor dem Französischen Pavillon. Es überstand die Bombardierung am Ende des Zweiten Weltkriegs unversehrt. „Dann wurde es aber auf einen geschützteren Standort im Durchgang des Glockenspielpavillons umgesetzt“, sagt der Restaurator. Seit 2004 ist der Original-Herbst in der Skulpturen-Ausstellung im Palais im Großen Garten zu bewundern. Die nach dem Zweiten Weltkrieg geschaffene Kopie kam vor den Französischen Pavillon.

Es sei durchaus nicht selten, dass eine Skulptur sogar mehrfach kopiert wird. Als Beispiel führt Hoferick die Putte „Das trinkende Kind“ an, das fünf Mal am Zwinger aufgestellt ist, so zum Beispiel auf dem Mathematisch-Physikalischen Salon oder dem Porzellanpavillon.

1980 war Frank Hoferick (l.) bei einer Radtour mit einem Freund erstmals in Dresden. Acht Jahre später fing der junge Mann in der Zwingerbauhütte an. 
1980 war Frank Hoferick (l.) bei einer Radtour mit einem Freund erstmals in Dresden. Acht Jahre später fing der junge Mann in der Zwingerbauhütte an.  © SZ-Archiv

Für die Kunsthandwerker der Zwingerbauhütte ist die Restaurierung einer Skulptur eine Arbeit, die bis zu einem Dreivierteljahr dauert. Beim „Herbst“ begann alles mit dem Autodrehkran, der die rund 400 Kilo schwere Putte von der Balustrade hob. Zuerst untersuchte Hoferick alles genau. „Ein Drittel der Oberfläche war durch Verwitterung zerstört“, berichtet er. Allerdings sei das beim etwas weicheren Cottaer Sandstein nichts Außergewöhnliches. Bildhauer können ihn zwar gut bearbeiten. Dafür verwittert er aber auch schneller.

In einem zweiten Schritt habe er die Oberfläche des Knaben gereinigt, Krusten mit dem Skalpell abgekratzt sowie Schmutz, Vogelkot und Flechten entfernt. Besonders hartnäckige Krusten wurden mit einer Spezialpaste gelöst, die mehrere Tage einwirken musste. Zum Schluss löste der Dampfreiniger den letzten Schmutz.

Dann ging der „Herbst“ baden – allerdings in eine Wanne mit destilliertem Wasser. Bei der wochenlangen Prozedur wurden die Salze aus dem Sandstein gelöst. Die haben sich infolge der einstigen Braunkohlenverbrennung im Kraftwerk Mitte eingelagert. „Sie stecken bis heute in den Skulpturen“, sagt Hoferick. „Beim Herbst haben wir 300 Gramm Salz entfernt. Bei größeren Skulpturen können es bis zu 2 000 Gramm sein.“

Kompressen haben die Putte getrocknet und das letzte Salz entzogen. Im nächsten Schritt haben die Restauratoren der Zwingerbauhütte die verwitterten Stellen und Löcher mit Spezialmörtel so wiederhergestellt, dass die Oberfläche weitgehend ihre ursprüngliche Form hat. Das ist jetzt geschafft. Im letzten Arbeitsgang wird der Restaurator noch zum Pinsel greifen, zweimal eine Silikonfarblasur auftragen. Mit ihrem hellen Sandsteinton wird der Herbst künftig gut zu den hellen Zwingerfassaden passen.

Lasur schützt gegen Wetter

Außerdem biete die Lasur, die alle 15 bis 20 Jahre erneuert wird, einen guten Schutz gegen Wind und Wetter. „Dadurch bleibt die Skulptur so geschützt, dass sich ihre Lebenserwartung von 70 auf bis zu 150 Jahre erhöht“, versichert der Restaurator. Ist die Hoffassade des Französischen Pavillons im Sommer 2020 fertig, kommt der Herbst wieder dorthin.

Mit seinen Kollegen hat er seit den 1980er-Jahren etwa drei Viertel der Zwinger-Skulpturen restauriert – und dabei nicht nur schrittweise die Technologie zur Behandlung der Skulpturen entwickelt, sondern auch sich selbst. Angefangen hatte Hoferick 1988 als Steinmetz in der Zwingerbauhütte und neben der Arbeit noch ein Studium zum Diplom-Restaurator absolviert. Mittlerweile hat er manche Skulptur bereits zweimal restauriert, so die Figur Merkur am Kronentor. „Es macht mir immer wieder Freude, die restaurierten Skulpturen im Zwinger zu betrachten.“

Dabei hatte der gebürtige Nordhäuser einst nie gedacht, dass der Zwinger sein Arbeitsplatz wird. 1980 ist er mit einem Freund mit dem Tandem nach Prag gefahren – und war damals erstmals im Zwinger. Das hielt ein SZ-Fotograf fest. 1988 fing Hoferick in der Zwingerbauhütte an. In der arbeitet er nun schon 31 Jahre.


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Bisher in der Zwinger-Serie erschienen:

Teil 5: Als es in die Zwinger-Galerien reinregnete

Teil 4: Feuchte Überraschung in der Zwingergrotte

Teil 3: Diese Hochzeit machte Geschichte

Teil 2: Was für den Zwinger weichen musste

Teil 1: Die letzten Geheimnisse des Dresdner Zwingers 

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