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Das andere Gesicht Dresdens

#unteilbar war eine der größten Demonstrationen, die Dresden seit 1989 erlebte. Warum sie vielen geholfen hat.

„Uroma gegen Nazis“: Elfriede Schuett hat vier Kinder, acht Enkel und zehn Urenkel. Sie sorgt sich um deren Zukunft.
„Uroma gegen Nazis“: Elfriede Schuett hat vier Kinder, acht Enkel und zehn Urenkel. Sie sorgt sich um deren Zukunft. © privat

Es ist heiß an diesem Nachmittag in Dresden. Sehr heiß. Die alte Frau, die auf ihrem Rollator auf dem Fußweg in der Güntzstraße ausharrt, stört das nicht. Sie sitzt inmitten der an ihr vorbeiströmenden Menschenflut der Unteilbar-Demo und lächelt glücklich. In ihren hochgereckten Händen ein Schild in Regenbogenfarben. „Uroma gegen Nazis“, steht darauf. Immer wieder halten Teilnehmer bei ihr an und fragen nach ihrem Alter. Elfriede Schuett ist im Mai 93 Jahre alt geworden – und glücklich an diesem Tag. Sie hat vier Kinder, acht Enkel und zehn Urenkel. Derzeit macht sie sich Sorgen, um deren Zukunft. „Meine Mutter hat den Krieg erlebt“, sagt ihre Tochter Brigitte, die etwas abseits steht. „Sie hat Befürchtungen, was die politische Entwicklung angeht. Sie fürchtet, dass rechte Kräfte wieder stark werden könnten.“

Aus allen Himmelsrichtungen sind die Demo- Teilnehmer an diesem Spätsommertag zusammengeströmt. Viele kommen aus Dresden, Tausende sind aus dem Bundesgebiet angereist, teilweise mit Sonderzügen und -bussen. Aus der Lausitz, aus Leipzig, Berlin, Bayreuth und sogar Nordrhein-Westfalen. Auch Mitorganisatoren des Ostritzer Friedensfestes sind zu sehen. Der Ort hatte sich im vergangenen Jahr gegen das Neonazi-Festival „Schild und Schwert“ gewehrt. Hier und heute heißt es „Dresden ist bunt“. Die Kleidung vieler Teilnehmer und ihre verzierten Gesichter spiegeln das.

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Rund 40 künstlerisch gestaltete Lautis reihen sich in den kilometerlangen Demo-Zug mit ein. 
Rund 40 künstlerisch gestaltete Lautis reihen sich in den kilometerlangen Demo-Zug mit ein.  ©  Christian Juppe

Warum gerade Dresden der Ort dieser bundesweiten Kundgebung sein muss, hatten sich im Vorfeld viele gefragt. Es war eine gezielte Auswahl, auch als Reaktion auf die Stadt als Pegidahochburg. Noch dazu wählen die Sachsen in einer Woche ihr Landesparlament. Unteilbar will mit der Kundgebung der zunehmenden Spaltung der Gesellschaft entgegentreten und für mehr Demokratie werben. Entsprechend politisch sind die Redebeiträge der Bündnisteilnehmer, die an diesem Tag beim Auftakt auf dem Altmarkt beginnen. Viele richten sich gegen Rechtsextremismus, immer wieder wird appelliert, nicht die AfD zu wählen. Vieles trifft den Nerv der Menschenmenge, die anfangs langsam wächst.

Umso mehr fällt die Anwesenheit von Politikern auf. Der stellvertretende Ministerpräsident Martin Dulig (SPD) und Vizekanzler Olaf Scholz (SPD) sind zwei von vielen. Auch Sachsens Integrationsministerin Petra Köpping (SPD) und andere sind da. Im Gegenzug wird aber auch deutlich, dass Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) fehlt. Auf Nachfrage wird er später mitteilen, er zolle den Teilnehmern Respekt und finde es gut, dass Menschen Demokratie und Rechtsstaat verteidigen möchten. „Aber ich kann als CDU-Vorsitzender und Ministerpräsident nicht bei einer Veranstaltung dabei sein, bei der auch Kräfte wie die Antifa mit von der Partie sind. Der Zweck heiligt nicht immer die Mittel.“

Sozialarbeiter Emanuel Arendt und Sohn Fridolin wollten als Dresdner unbedingt teilnehmen.
Sozialarbeiter Emanuel Arendt und Sohn Fridolin wollten als Dresdner unbedingt teilnehmen. © Andreas Weller

Radikal allerdings geht es auf dieser Veranstaltung nicht zu. Die Polizei, die mit 360 Beamten im Einsatz ist, versichert immer wieder, dass die Stimmung überaus friedlich ist und es kaum Zwischenfälle gibt. Einige Personen haben am Altmarkt und später auf der Cockerwiese AfD-Wahlplakate heruntergerissen. Unbekannte haben sich Zutritt zum verlassenen Eckhochhaus am Pirnaischen Platz verschafft und ein buntes, sächsisch angehauchtes „Undeilboah“-Banner aufgehängt. Bei den Demo-Teilnehmern, die sich kurz nach 14 Uhr auf die fast fünf Kilometer lange Route durch die Stadt begeben, sorgt das vor allem für Lacher. 

Spätestens jetzt wird deutlich, wie viele scheinbar doch auf diese Chance einer großen, zentralen Veranstaltung gewartet haben und sich dem Zug anschließen: Während die Demo-Spitze über die Carolabrücke, über die Wigardstraße und die Albertbrücke zum Sachsenplatz läuft, warten Tausende Menschen und einige der 40 dekorierten Trucks auf dem Altmarkt darauf, sich einzureihen. Der kilometerlange Zug kann sich von der Carola- zur Albertbrücke zuwinken.

Für die Band Silbermond war es eine Herzensangelegenheit auf der Cockerwiese aufzutreten.
Für die Band Silbermond war es eine Herzensangelegenheit auf der Cockerwiese aufzutreten. © Christian Juppe

Am Abend werden die Veranstalter von 40.000 Teilnehmern sprechen. Welche Zahl stimmt, mag die Polizei nicht einschätzen. Fakt ist, dass die Demonstration deutlich sicht- und hörbar ist. Sie gilt schon jetzt als eine der größten in Dresden seit der Wende 1989. Und, es ist eine bunt gemischte Masse, die sich durch die Landeshauptstadt bewegt. Teenager und junge Erwachsene scheinen in der Mehrzahl, aber auch Rentner wie Elfriede Schuett und Familien mit Kleinkindern sind dabei. Sozialarbeiter Emanuel Arendt hat sich mit seinem dreijährigen Sohn Fridolin angeschlossen. „Es war mir ein Bedürfnis, als Dresdner teilzunehmen. Ich finde es toll, dass so viele Gruppen miteinander an der Demo gearbeitet haben“, sagt der 39-Jährige.

Am späteren Nachmittag ist manchen anzumerken, dass ein langer und sehr heißer Tag hinter ihnen liegt. Viele sitzen und liegen auf der Cockerwiese auf dem Boden. Der Eisstand am Arnhold-Bad musste wegen des Ansturms zwischendurch ein zweites Bedienfenster öffnen. Es gibt Wasser. „Passt in der Hitze auf euch auf“, heißt es von der Veranstaltungsbühne. Gegen Abend, nachdem Banda Internationale und Max Herre gespielt haben, schallen von dort weitere Redebeiträge. Es geht um Lohnerhöhungen und Klimaschutz, um die Rechte von Homosexuellen und Behinderten, auch um den ländlichen Raum, dessen Bewohner immer wieder mit Rechtsradikalen zu tun hätten. Manchem Teilnehmer ist das zu viel, doch die Organisatoren wollen allen ihre Redezeit geben.

Demo-Teilnehmer auf der Cockerwiese.
Demo-Teilnehmer auf der Cockerwiese. © Sebastian Kahnert/dpa

Auf dem Neumarkt kommt es derweil zu einer Auseinandersetzung junger Demo-Teilnehmer mit AfD-Anhängern. Die Partei will mit dem Aufbau für ihre Abschluss-Wahlkampfveranstaltung beginnen. 50 junge Protestierer begleiten sie lautstark dabei. Die Polizei kommt hinzu, spontan wird eine Versammlung angemeldet und die Gruppe darf bleiben – im gebührenden Abstand von rund zehn Metern.

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Als später die Sonne über der Cockerwiese untergeht, wird die auf einige Tausend Menschen geschrumpfte Menge noch einmal mobil. Die Bautzner Band Silbermond spielt „Leichtes Gepäck“ und sorgt dafür, dass einige Zuhörer den Arm umeinander legen. „Wir brauchen keinen Hass, keinen Extremismus, keine Gewalt. Egal von welcher Seite“, sagt Sängerin Stefanie Kloß und appelliert wie schon ihre Vorgänger an die Menge, kommenden Sonntag wählen zu gehen.

Die Schuhe am Rand der Cockerwiese stehen symbolisch für die Zahl der im Mittelmeer ertrunkenen Flüchtlinge. 
Die Schuhe am Rand der Cockerwiese stehen symbolisch für die Zahl der im Mittelmeer ertrunkenen Flüchtlinge.  © Christian Juppe

Elfriede Schuett ist da schon wieder in ihrem Zimmer, sie hat das Regenbogen-Schild ins Fenster gestellt. Aufgeregt hat sie der Tag gemacht, sagt ihre Tochter, aber froh. In der Nacht wird Elfriede Schuett davon träumen. (mit dpa)

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